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So war’s in Köln: Ein Wolfsrudel in der Kirche

Mighty Oaks Live

Bereits Wochen im Voraus waren Karten für das Konzert der Might Oaks in der Kulturkirche ausverkauft. Am Freitag verzauberten die drei Jungs ihre Zuschauer und brachten den geheiligten Boden zum Beben.
Geschrieben am

02.05.2014, Kulturkirche, Köln

 

Vor den Toren zur Kulturkirche liegen Blütenblätter, ein Mädchen hält ein Schild hoch: »Karte gesucht«. Schon vor Wochen gab es keine Karten mehr, es ist eines der ersten Konzerte der Mighty Oaks in Deutschland, das komplett ausverkauft ist. In der Kulturkirche ist es bereits ordentlich gefüllt - gerade noch genug Platz, um sich nach vorne durchzudrängeln oder während des Auftritts von Jackson Dyer zur Bar zu kämpfen. Der smarte Australier steht ganz allein auf der Bühne und erspielt sich fleißig neue Fans. Nach jedem Song schaut er mit einem schiefen, schüchternen Lächeln auf sein Publikum und bedankt sich etwas holprig auf Deutsch.

Das Publikum selbst ist breit gefächert. Von aufgedrehten Teenagern und Mädchen, die ihre Freunde nach vorne zur Bühne zerren über Mittzwanziger, die sich an ihr Bier klammern bis hin zu Bürohengsten in Hemd, die zum Takt leicht mit dem Kopf nicken, ist jede Altersspanne vertreten. Mighty Oaks haben einfach das Zeug dazu, Menschen jeglicher Couleur in ihren Bann zu ziehen.

 

Und dann geht es los, pünktlich auf die Sekunde gehen die Lichter aus und die ersten Töne des Intros werden gespielt. Regen prasselt, Donner grollt und dann betritt das Wolfsrudel die Bühne. Die Menge schiebt sich weiter nach vorne und wiegt sich selbstvergessen im Takt, als die ersten Klänge von »Horsehead Bay« ertönen. Würde Ian Hooper nicht wie ein Rotkehlchen singen, könnte man in diesem Moment eine Stecknadel fallen hören, so abrupt verstummen sämtliche Gespräche.

 

»Hallo Köln, schön, dass ihr hier seid!«, begrüßt Sänger Ian Hooper die Anwesenden, nachdem der frenetische Applaus verstummt ist und richtet sich die Cap, die am Ende des Abends komplett durchgeschwitzt sein wird. »Hier hallt es so schön!«, fährt er fort und verkündet dann das, womit sowieso schon alle gerechnet haben: Heute werden viele Lieder vom neuen Album »Howl« gespielt. Wundert niemanden, schließlich sind davor erst zwei EPs erschienen. Tatsächlich spielen sie an diesem Abend einen Großteil ihres Repertoires und schaffen es, die Fans für anderthalb Stunden alles außerhalb der Kirchenmauern vergessen zu lassen.

 

Bei »Seven Days« wird schon beim ersten Takt gejubelt, selbst die Büro-Versammlung rechts von mir beginnt nun auch zu tanzen. Überhaupt stehen jetzt keine mehr Füße still, Pärchen liegen sich in den Armen, der ein oder andere hat die Augen geschlossen und träumt sich ganz weit weg.

 

Die Mighty Oaks spielen sich von »The Great Northwest« zu »Back To You«, die Luft wird stickiger, die Leute rücken enger zusammen und an der ein oder anderen Stelle gibt es eine Bierdusche. Ian liefert sich mit Claudio ein Duell an der Gitarre und erzählt danach von der Bedeutung, die der Song »Captains Hill« für ihn hat. Er wechselt zwischen Deutsch und Englisch und manchmal rutscht er sogar ins Denglisch ab und sorgt damit hier und da für spontanes Gelächter, dass die Stimmung nach den melancholischen Songs wieder etwas auflockert.

 

Und so hat man Irland und einen herumtollenden Ian mit seinen vier Schwestern vor Augen als »Captains Hill« gespielt wird. Vereinzelnd werden Feuerzeuge gezückt, ein Typ verbrennt sich dauernd die Finger an seinem Streichholz und mitten an der ruhigsten Stelle streitet sich die Bürofraktion darum, wer mit wem Bier holen geht.

 

Nach acht Songs wendet sich Claudio ans Publikum. »How are you doing? Alles okay?«, will er mit schiefgelegtem Kopf wissen. Aus der Menge schallt ihm ein begeistertes »Mighty Oaks, Man!« entgegen und nach ein wenig Geplänkel auf der Bühne spielen sie »Brother«. Endlich kennt die Menge mal einen Text und grölt mit. Der Refrain fällt dann auch etwas rockiger aus als die Radio-Version und ehe man sich versieht, findet man sich hüftschwingend mitten im Geschehen wieder.  Oder wie Ian auf dem Podest der Drums, wo er auf und ab hüpft und die Mikrofonständer zum wackeln bringt.

 

 

Viel zu schnell nähert sich der Abend dem Ende. Als sie (nach einem Geburtstagsständchen für einen Kollegen) mit »Horse« ihren letzten Song für diesen Abend ankündigen, geht ein enttäuschtes Stöhnen durch die Kulturkirche. Trotzdem verziehen sie sich danach pro forma von der Bühne - zumindest genau so lange, bis den Leuten vom Klatschen schon die Hände wehtun und das fordernde Rufen nach einer Zugabe auf dem Höhepunkt angekommen ist.

 

Natürlich kann das noch nicht alles gewesen sein. Der Titelsong »Howl« wurde ja noch gar nicht gespielt und das holen sie nun nach. Nun reißt natürlich eine Saite auf Claudios Gitarre. Die kleine Panne wird mit einer Anspielung auf Murphys Law beiseite gewischt. »What can we expect live? If something goes wrong, it goes wrong«, scherzt Ian und dann heulen sie auch schon ins Mikro. Und weil es so schön war, gibt es noch eine zweite Zugabe, die letzte, denn »irgendwann muss ja auch mal Schluss sein«. Und wie könnte man den Abend besser beenden als mit »Cold Unknown«? Da zieht auch Ian endlich mal seine Cap aus und lässt die langen blonden Haare kreisen.

 

Mit ein paar letzten Worten und ein paar Verbeugungen verabschiedet sich das Wolfsrudel von seinem Publikum, das noch gar nicht glauben kann, dass es jetzt vorbei sein soll. Aber dann gehen die Lichter an und die Jungs von der Bühne ab, die Mitarbeiter der Kulturkirche fangen an aufzuräumen und die Menge schiebt sich nach draußen. Aber der Zauber, der hält irgendwie noch an.

 

Das wurde gespielt:

Horsehead Bay
Seven Days
The Great Northwest
You Saved My Soul
Back To You
Captains Hill
Picture
So Low, So High
Brother
Just One Day
When I Dream I See
The Golden Road
Horse

 

Zugaben:
Howl
Cold Unknown