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Front-Cooking fatal

Michelberger Music Festival in Berlin

Verplantheit ist eine Frage des Plans. Denn: Wird kein Plan ausgegeben, fällt niemand durch erstgenannte auf. Die fiese Seite: Man verschenkt einen beträchtlichen Teil seines Festivalwochenendes – und kann nicht einmal etwas dagegen tun. Das Michelberger Music Festival, das eigentlich weder einen Namen haben noch als Festival verstanden werden wollte, drohte genau daran zu scheitern, holte aber schlussendlich doch noch die Kuh vom Eis. Zu den Gewinnern durfte es sich – künstlerisch betrachtet – allerdings schon Tage vorher zählen.
Geschrieben am
01.–02.10.16, Berlin, Funkhaus

Experiment 1: Lass dich mit rund 80 Freunden und einem satten Arsenal an Instrumenten eine Woche lang in einem Hotel einschließen und jammt euch einen ab. Experiment 2: Führe alles auf, was bei Experiment 1 rausgekommen ist. Der Clou: Du stellst keinen deiner Freunde vor, sagst niemandem, wo ihr alle spielt und suggerierst allumfassende Entspanntheit. Klar so weit?

Leider ist diese Idee etwas zu geil für diese Welt. Und für Raum, Zeit und Mathe. Gut: Dass der Kreativ-Tross nach einer Woche Inzucht nun zum Selbstkostenpreis ein Festival aus dem Boden stampft, um sich von der Öffentlichkeit während solch intimer Augenblicke auf die Finger schauen zu lassen, ist eine edle Geste. Doch statt mit entspannten Flaneuren hat man es rund um das altehrwürdige Funkhaus in der Nalepastraße vielmehr mit rat- und rastlosen Herdentriebs-Opfern zu tun. So gesehen erzeugt das Vorenthalten von Informationen eine Art Gemeinschaftsgefühl. Ahnungslosigkeit macht nahbar und bietet Gesprächsstoff – je mehr Leute miträtseln, desto besser. Wie lange dies als Abenteuer erlebt werden kann, steht auf einem anderen Blatt.

Die kuratierende Indie-Prominenz – darunter die Dessner-Brüder (The National) und Justin Vernon (Bon Iver) – und die befreundeten Hoteliers lassen sich in der eventeigenen Zeitung auf das Feierlichste zitieren. Romantische Text-Schnappschüsse aus den Funkhaus-Studios, aus dem Michelberger, den Konzeptionsrunden. Offenbar war es eine intensive und fruchtbare Zeit; man gönnt sie seinen Lieblingskünstlern und ihren Weggefährten von Herzen. Hier und heute (und morgen) soll diese Energie vor Publikum zum Leben erwachen und für alle greifbar werden. Wen es in einen der legendären Funkhaussäle verschlägt, wo ein Bon-Iver-Team unter fantastischen akustischen Bedingungen die Essenz der letztwöchigen Schulterschlüsse präsentiert, dem werden die Füße nass, so viel Herzblut schwappt über die Bühnensenke. Nichts anderes kann für Damien Rice gelten, der das Feld immer mehr seinem grandiosen Begleitchor überlässt. Die Mehrheit der rund 6.000 Besucher wird das Vorhaben, Magie der vergangenen Tage auf den Besucher zu übertragen, als gescheitert betrachten, denn die Wartezeiten sind exorbitant lang.
Wem es vergönnt ist, mehr als ein Drittel der Zeit Musik zu erleben, zählt schon zu den Glücklicheren. Nach Bändchenfarbe sortierte Einlasszeiten für die Sessions in den prestigeträchtigen Funkhaus-Sälen stiften eher Verwirrung als Frieden – auch ihrer ungleichen Verteilung wegen. Für sich genommen ist das der Albtraum aller Festivalbesucher: Du bist gekommen, um deine Lieblingsmusiker zu sehen, aber du weißt nicht, wo sie spielen. Stattdessen regieren Munkeln und Murren. Mit jeder gelesenen Zeitungs-Seite und jeder verstrichenen Stunde resignierten Anstehens wird offensichtlicher, dass gerade etwas schiefläuft. »Kommt schnell zur Main-Stage, da spielen jetzt Alt-J!«, ruft jemand aufgeregt, und löst damit im Sekundenschnelle einen Großteil der Schlange auf. Man wird umgemein spontan, wenn man einmal begriffen hat, dass es nur aufs Glück ankommt.

Der Schreihals hatte etwas Essentielles nicht kapiert: Sinn und Zeck des Ganzen ist es, Bandstrukturen aufzubrechen. Um wen es ging, steht sogar in meterhohen Lettern an der Wand der Shedhalle: PEOPLE. Statt eines Line-ups gibt es eine säuberlich geordnete Liste voller bürgerlicher Namen, statt abgepackter Hits prozessuale Hingebung. Leute, die Musik machen, kollidieren und sich kreativ ineinander verhaken, verbeißen, verschlingen – ganz nach Vorliebe. Hauptsache, man hat die Comfort Zone geräumt und ist bereit für Neues. Und so muss man sich am Ende mit einer schläfrigen, risikoarmen Impro-Session von Joe Newman und Thom Green begnügen, während man sich vorstellt, wie 20 Meter weiter gerade die wirklich wichtigen Dinge geschehen – in Anwesenheit derer, die möglicherweise mit dir tauschen würden, weil sie das Set schon zum dritten Mal sehen, aber noch immer nicht genau wissen, wer da überhaupt gerade auftritt.

An Tag zwei hat sich rumgesprochen, dass das hier weder Festival noch Wunschkonzert oder Schnitzeljagd ist. Der Blickwinkel ist ein anderer. Auch die Organisatoren steuern gegen: Durch Zusammenlegen der Schlangen, Anheben der Einlassgrenze und die Einrichtung eines Nachrückerverfahrens kommt Bewegung in die Sache. Wunder sind aber von dieser Maßnahme nicht zu erwarten; die Spielstätten sind genauso groß – beziehungsweise klein –, die Schlangen ähnlich abschreckend wie zuvor und wen man zu sehen bekommt, ist reine Glückssache. Dann aber häufen sich auf wundersame Weise die Lichtblicke. Auch die Sonne hat daran ihren Anteil, vor allem aber Erlend Øye, der sich kurzerhand selbst zum Flashmob erklärt und die Schlange bis in den Sonnenuntergang hinein mit interaktiven Songs und ansteckend guter Laune unterhält.
Am späteren Abend lässt ein großes Main-Stage-Finale mit Allstar-Programm auch den restlichen Frust verfliegen. Hatte man im Laufe des Sonntags noch seine liebe Mühe damit, die Versäumnisse des Vortages auszugleichen, tragen die Künstler jetzt dick auf und präsentieren Traum-Konstellationen im fliegenden Wechsel. Es ist wie ein großes Musikschulen-Vorspiel, nur sind nicht bloß die Eltern stolz, nein, eine ganze Szene darf es sein: Einfühlung und gegenseitiger Respekt werden greifbar, und manchmal scheint es, als könnten auch die Musizierenden nicht so richtig fassen, was ihnen da gerade gemeinsam gelingt.

Stargaze, das Orchester, mit dem Bryce Dessner an Ort und Stelle den Soundtrack zum Kinofilm »The Revenant« aufnahm, verweilt lange auf der Bühne und zeugt vom weiten Horizont der interdisziplinären Zusammenarbeit im Michelberger. Quer durch alle Spielarten mit dabei: Bryce und Aaron Dessner an den Gitarren. Nach und nach spuckt das Indie-Karussell sie alle aus: Poliça, This Is The Kit, Lisa Hannigan, The Staves, Mouse On Mars, Boys Noize – die Selbstverständlichkeit der Interaktion macht Zuschauer und Künstler glücklich. Ohnehin beachtlich: Wer nicht alles schon mit wem zu tun hatte – und noch haben wird! Natürlich darf auch der blendend gelaunte Justin Vernon nicht fehlen, der bereits am Vorabend für seine Techno-Einlage gefeiert worden war. Die größten Jubelstürme des Abends aber erntet ein anderer: Ragnar Kjartansson, der The National 2013 dazu überreden konnte, ihren Song »Sorrow« für einen guten Zweck sechs Stunden am Stück zu spielen, singt die Nummer heute mit der eigenen Reibeisenstimme – und das, nachdem ihm schon wenige Augenblicke zuvor in der Sängerrolle des Bowie-Covers »Heroes« – inklusive deutschem Chorus – die Berliner Herzen zuflogen. Auch auf einem Fest der Skizzen funktionieren Hits – vermutlich dort sogar besonders.

Man habe sich einen Traum erfüllt, sagen die Dessners zum Abschied – die Worte, die von diesem historischen Gipfeltreffen in Erinnerung bleiben. Das Netz ist um unzählige Maschen feiner, die Indie-Szene um viele internationale Freundschaften reicher geworden. Aus diesem Wochenende, so viel ist sicher, wird noch Großes hervorgehen – und sei es im Verborgenen.