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Im Kino: Die Kultur wurde mitgerissen

Michael Wadleigh / Woodstock

1969 war Michael Wadleigh in Woodstock mit der Kamera dabei. Seine Dokumentation lief in diesem Jahr auf dem "deutschen Sundance" in Oldenburg.
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1969 war Michael Wadleigh in Woodstock mit der Kamera dabei. Seine Dokumentation lief in diesem Jahr auf dem "deutschen Sundance" in Oldenburg. Dort traf Tobias Ruderer das Phantom, das für die iPod-kompatible Ikonisierung der Hippies gesorgt hat.

Der erste Song des Films ist "Long Time Gone" von Crosby, Stills & Nash. Bluesige Strophenparts und ätherischer Chorgesang im Refrain. Auf der Leinwand rollt ein Scheunendrescher über die sanften Hügel von Upstate New York. Es stellt sich, auch in Anbetracht der Dinge, die da noch kommen werden, eine traurige Ergriffenheit ein. So sehr der Regisseur in der Pause auch nostalgisch schwärmt von der Energie bei Richie Havens' Eröffnungsauftritt, dem Schmerz in Janis Joplins Stimme und der Direktheit von Ten Years After; so sehr er Authentizität und Natürlichkeit vor allem auch unter den 500.000 Besuchern hervorhebt - er hat das nicht erfunden, sondern nur gefilmt. Die Bilder sind immer noch transparent, durchlässig und lebendig, der Maßlosigkeit ganz und gar angemessen.

Den Verantwortlichen vom Filmfest Oldenburg ist es nach Jahren der Hartnäckigkeit gelungen, Michael Wadleigh einzuladen, der im Alter von 27 mit ein paar Freunden und (zunächst) auf eigene Kosten den Film zu "Woodstock" gedreht hat. Lange wusste man (also Wikipedia) nicht, ob er tot oder bei einem Indianerstamm untergetaucht ist. Und so sitzt er nun bei der Vorführung in der ersten Reihe, einem Indianer gar nicht so unähnlich: die Kleidung eines Althippies, eine Lederweste um den hageren Körper, ein Stirnband hält sein langes graues Haar.

Aber Wadleigh ist kein Eremit, eher ein idealistischer Macher: Der ehemalige Harvard-Dozent wird am nächsten Tag noch ein universitäres Projekt mit dem Namen "homo sapiens report" vorstellen, eine Science-Fiction-Annäherung an die Lage der Menschheit. Er ist ein Feind des amerikanischen Zwei-Parteien-Systems und Unterstützer seines Freundes Ralph Nader, der auch 2008 wieder als unabhängiger Kandidat bei der US-Präsidentschaftswahl antritt.

Am Ende von "Woodstock" stapfen ein paar Versprengte durch ein großes Feld aus Abfall. Michael Wadleigh erzählt, er habe sich beim Schneiden für diesen Schluss entschieden, weil er bereits das Gefühl hatte, dass die Dinge sich zum Schlechten wandeln würden. Am nächsten Tag präzisiert er: "Der ökonomische und politische Rechtsruck der Nixon-Ära hat die Kultur einfach mitgerissen." Vielleicht waren in der Woodstock-Kultur aber auch einfach zu wenig Widerhaken und ausreichend Konsumhaltung eingebaut. Zumindest wurde den Jugendlichen von den Veranstaltern ja vorgeschlagen, ihren Müll selbst wegzuräumen.

Trailer: "Woodstock - 3 Days Of Peace & Music"



Der Film, der seine Macher schnell zu Millionären gemacht und die Ausrichter des Festivals saniert hat, sorgte nicht nur für die iPod-kompatible Ikonisierung der Hippies. Wadleigh erklärt, er habe damit unfreiwilligerweise auch einen Beitrag zu einer Massenmusik-Kultur geleistet, in der die musikalische Performance nur noch ein Teil des ganzen Produkts sei.

"Vor Woodstock gab es ja eigentlich nur die Beatles-Filme, und viele Leute haben gar nicht gewusst, was für Sachen möglich sind mit Bild und Musik. Als die Zeichen der Zeit langsam auf MTV wiesen, war ich deswegen auch ein beliebter Ansprechpartner. Aber ich habe ihnen gesagt: 'Fuck you!' Doch lass dich nicht täuschen, auf eine gewisse Art hat mich Hollywood besiegt."

Offiziell gibt es von ihm nur noch einen weiteren großen Film, den sehenswerten New-York-Thriller "Wolfen", der vor allem im Zusammenhang mit 9/11 wieder Stoff bot für manche der umsichtigeren Terror-Analysen. In Wirklichkeit hat Wadleigh aber einfach großen Spaß daran gehabt, seinen Namen von einigen Filmen und Drehbüchern, wie vertraglich zugesichert, einfach wieder abzuziehen. Verraten will er nichts, und man glaubt es ihm, wenn er in einem Nebensatz als selbstverständliche Erklärung einstreut: "I don't have an ego."


"Woodstock. 3 Days Of Peace & Music (Director's Cut)" von Michael Wadleigh ist via Warner Home auch auf DVD erhältlich. Weitere Infos zum 15. Internationalen Filmfest Oldenburg gibt es im Nachbericht auf intro.de und unter www.filmfest-oldenburg.de.

Der Artikel gehört zu unserem Titelthema: Das Hippie Comeback - u.a. mit Yeasayer, MGMT, Fleet Foxes, Emerson Lake And Palmer, Jethro Tull