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So war’s in Köln: Psychedelische Weiten

MGMT live

Es gibt ein Leben nach »Kids«: Niemand schwurbelt den Psychedelik-Pop im Moment besser als Benjamin Goldwasser und Andrew Van Wyngarden.
Geschrieben am

Was hat eine Herzrhythmusstörung mit dem Konzert an diesem Abend zu tun? Fragen Sie doch mal die Tontechnik der New Yorker Vorband Guards. Die an sich intakte Aura der Band wird durch die Überpräsenz des sonst so dienlichen Bass-Instruments vernichtet. Da darf man sich fragen: Kann man Sympathie für eine Band entwickeln, deren Musik physische Schmerzen bereitet?  Letztlich werden diese Gedankengänge doch irrelevant, denn spätestens beim vierten Song hat man das Problem im Griff und kann das Treiben objektiv bewerten. Festzuhalten ist: Die naiven Songs gehen gut ins Ohr und besitzen zumindest teilweise die notwendige Stahlkraft um sich aus dem Sumpf des Post-Indie-Allerlei abzuheben. Der Mini-Hit »Silver Linning«  summt in jedem Fall noch einige Zeit nach. Notiz am Rande: Kaylie Church, die den beiden Schlacksen Follin und Humphrey zur Seite steht, wird zum Band-Accessoire degradiert. Außer mit den Beinen nach links und rechts zu pendeln und Keyboardtasten anzuschlagen darf sie nämlich nicht viel machen. Grassiert da etwa eine chauvinistische Haltung bei den Hünen in der Band? Wir wollen es nicht hoffen.

Die freilich nicht beweisbare Hypothese vorweg: Es mag wohl Menschen geben, die von MGMT ausschließlich die Hits des Debüts kennen. Und deswegen hier sind. Und sich im Grunde nicht für Musik interessieren, weil sie die Songs ja aus dem Formatradio kennen. Das scheint sich zu bestätigen. Zwischen den Hipstern in den vorderen Reihen entdeckt man auch immer wieder diese Typen, die ohne Rot zu werden auf Ü-30 Partys zu Phil Colins alles in die Waagschale werfen würden. Da kann man nur sagen: Schade für euch. Denn: Die Hits der Band sind für den richtigen Fan nettes Beiwerk. Aber: Ist Kids wirklich der beste Song der Band? In keinem Fall. Wer die Faszination dieser glasklaren, aber dennoch ausufernden Musik verstehen will, darf auch vor schrägen Tönen keine Angst haben.


Mit ihrem neuen, schlicht selbstbetitelten Album hat sich die Band eindeutig ein Stück weiter in die tüftelnde Nerdecke verzogen. Dies hat zur Folge, dass nun auch Fans von The Flaming Lips oder der frühen Pink Floyd auf ihre Kosten kommen. Diese Entwicklung auch Live unter Beweis stellen zu wollen, wird an diesem Abend sichtbar: Als MGMT mit »The Youth« eröffnen stimmt sofort alles. Musikalische Grandezza soweit das Ohr hört und tolle »far-out« Projektionen (Zu sehen gibt es Weltraumcollagen, Insekten, Aliens) geben dem Ganzen den richtigen psychedelischen Überbau. In der Folge gibt es viele Songs vom neuen Album, darunter das tolle Faine Jade Cover »Introspection«. Obwohl sich die neuen Stücke jeglichen Hooklines verweigern, sind sie dennoch ein Plus für die Band, da ihr Repertoire zunehmend an Tiefenschärfe gewinnt. In Zeiten in denen niemand mehr lange zuhören will, haben sich MGMT ganz dem Albumformat verschrieben. Und besser beherrscht dieses Themenfeld im Moment kaum jemand.


Zur Zugabe haben sie dann doch noch den obligatorischen Hit gespielt. Man darf sich ein wenig darüber ärgern, dass es bei »Kids« die euphorischsten Reaktionen gab. Doch die wirklich Interessierten wussten schon beim abschließenden Yellow-Submarine-Irrsinn »Plenty Of Girls In The Sea«, dass von diesen Typen noch viel unvorhersehbare Großartigkeiten zu erwarten sind. Es gibt definitiv ein Leben nach dem Hit.