×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kinder mit verstellten Stimmen

MGMT

Erinnert sich noch jemand an die MGMT, die Indie-Hymnen schrieben? Auf ihrem dritten Album bleiben Ben und Andrew lieber weiter den Sechzigerjahren auf der Spur. Folk aus Schottland, der Geist von Woodstock und Opium heißen die Stars der meditativen Introspektive. In Paris erzählten sie Wolfgang Frömberg, dass feste Pläne und erfolgsbedingte Paranoia der Vergangenheit angehören.
Geschrieben am

2008 veränderten MGMT mit dem Album »Oracalur Spectacular« die Welt. Doch, doch. Ben Goldwassers und Andrew VanWyngardens Hippie-Warrior-Look, in dem sie für das Albumcover posierten, machte sie zu Role-Models der nächsten Indie-Generation. Schaut euch bloß die Bilder vom letzten Melt! an. An anderer Stelle antworteten Yeasayer mal genervt auf die Frage, was rund um Brooklyn so abgehe: »MGMT. MGMT. MGMT.« Es trug sicher zum Hype bei, dass MGMT vor sechs Jahren in ihrem Hit »Time To Pretend« jenen Traum durchspielten, den auch viele andere träumen: so tun, als wäre man ein Popstar, und auf diese Weise selbst zum Popstar werden. Aus dem Spiel wurde im doppelten Sinne Ernst. Schon bald, weiß Andrew inzwischen zu berichten, habe man die Band als »reaktionär« beschimpft. Reaktionär – was soll das denn bitte schön heißen? »Uns wurde vorgeworfen, auf ›Congratulations‹ absichtlich verschrobener klingen zu wollen. Das haben uns die Leute übel genommen.« Und die Leute meinten dann wohl auch eher »widerspenstig«, aber egal.

 

Im Mai 2013 sitzen Andrew, der poetische Feingeist, und Ben, der pragmatische Tüftler, im Pariser Hotel Edouard VII, um Fragen zu ihrem dritten, selbst betitelten Album zu beantworten. Ben holt aus: »Wir waren nach dem Release des ersten Albums auf Tour und lebten wegen des ganzen Rummels ein unwirkliches Leben. Danach gingen wir sofort ins Studio. Man hört ›Congratulations‹ die paranoide Stimmung an. Der Spaß, den wir auf dem College gehabt hatten, war vorbei.«

Um eine Ahnung der einstigen Unbeschwertheit zu bekommen, sollte man das Video ihrer Adaption des Talking-Heads-Stücks »This Must Be The Place« auf YouTube anschauen. Das »Congratulations«-Repertoire klingt dagegen tatsächlich so, als wollten Andrew und Ben Rechenschaft ablegen über die Gründe ihres Erfolgs. Ein Album auf der Couch. Und wenn der Schritt von »Oracular Spectacular« zum Nachfolger 2010 einen gewagten, vielleicht sogar halb verzweifelten Schritt von der Spitze der Charts hinunter in die eigenen Abgründe bedeutete, besteht der größte Sprung zum dritten Werk darin, dass MGMT ohne ausdrückliches Referenznetz dieselbe Kunst vollführen. Sprich: Jetzt müssen sie ein Lied nicht mehr »Brian Eno« nennen, damit die ganze Welt weiß, dass sie wirklich genauso schlau sind, wie ihre Musik schon immer versprach.

 


 

 

»›Congratulations‹ war ein Album über Musiker. Die neuen Stücke sind unbewusster, aus dem Experimentieren im Studio entstanden«, erläutert Ben. »Wir haben einen Haufen Synthesizer und Drum Machines laufen lassen. Stundenlang waren wir damit beschäftigt, die Apparate zu synchronisieren und Details zu verändern. Wir benutzten analoge Synthesizer, die wir bis dahin nicht verwendet hatten. Aber der größte Unterschied war die Herangehensweise: Früher liefen wir einer Idee hinterher, hatten schon die Abfolge der Akkorde im Kopf. Diesmal haben wir die Aufnahmen immer und immer wieder angehört, um letztlich die Stellen rauszufiltern, die uns gefielen.«

 

 

Ben und Andrew spielten sämtliche Instrumente selbst ein und verzichteten auf die Dienste des Ko-Produzenten Pete Kember. Der Mitbegründer der 80er-Jahre-Psychedelic-Band Spacemen 3, heute als Sonic Boom und Spectrum aktiv, hatte zuletzt viel Einfluss auf MGMTs Entwicklung. Auch ohne Kember zitieren Andrew und Ben psychedelischen Folk aus den Sechzigerjahren sowie den Krautrock, der darin wurzelt. Außerdem findet sich die Coverversion von Faine Jades »Introspection« zwischen ihren eigenen, an frühe Pink Floyd und LSD-Fantasien erinnernden Kompositionen.

 

Überhaupt sind MGMT den Sixties näher als den Nullerjahren. Das wurde ihnen sozusagen in die Wiege gelegt: Bens Vater war in Woodstock dabei, Andrews Mutter studierte barfuß in Berkeley. Neben William Burroughs’ Literatur und den Drogen, die er nahm – Andrew ist fasziniert von Opium-Geschichten –, interessiert sie vor allem die dunkle Seite des Hippietums, wie man sie in Ed Sanders’ Autobiografie »Fug You« nachlesen kann. Und beide schwärmen wie verzaubert von The Incredible String Band, einer so melodiösen wie experimentellen Folkband aus Edinburgh/Glasgow, die 1969 ebenfalls in Woodstock zugegen war.

 

Trotzdem klingen MGMT weniger »retro« denn je. Die Perspektive des Songs »Alien Days« bestimmt ihre aktuellen Koordinaten in Raum und Zeit ganz gut. »Alien Days« handelt vom Fremdsein in der Welt. Die Gesangsstimme ist zunächst die eines Kindes, ändert sich aber bald zu Andrews Stimme. Kein reiner Trick, sondern der kurze Gastauftritt des neunjährigen Trevor, dem Sohn eines Bekannten. Ist dieser Anfang ein Symbol für die verdammte Geschwindigkeit, mit der MGMT erwachsen werden mussten? Oder singt das Kind in Wahrheit weiter, allerdings mit verstellter Stimme, damit die Erwachsenen es ernst nehmen?

 

Andrew schmunzelt: »An dem Tag, an dem ich 13 wurde, dachte ich, dass meine Stimme endlich tief wäre. Ich ging in die Schule und versuchte, männlich zu reden. Leider war sie immer noch ganz hell. Die Pubertät setzte bei mir sehr spät ein. Selbst als wir ›Alien Days‹ aufnahmen, hatte ich Probleme. Man kann hören, wie Trevor und ich versuchen, die tiefen Töne zu treffen. Es ist so wie mit vielen Momenten in unseren Songs. Sie kommen einem mystisch vor. Später bemerken wir, dass sich eine tiefere Bedeutung darin finden lässt. Aber wenn wir die Stücke aufnehmen, steckt null Konzept dahinter.« Immer schon? Hatte Ben nicht etwas anderes gesagt? Umso schöner, dass Andrews Null-Konzept-Texte bei aller Bruchstückhaftigkeit weiterhin skurril und wahrhaftig, lustig und traurig zugleich sind. Wie einst das tragikomisch-visionäre »Time To Pretend«, als er in der Rolle des kommenden Popstars sang: »I’ll miss the boredom and the freedom and the time spent alone.« Manchmal macht er in Paris anno 2013 allerdings den Eindruck, als wäre er in Freiheit oft erst recht einsam und gelangweilt. Ein Glück, dass er Ben hat, den es wirklich interessiert, was in ihm vorgeht: »Bei Andrews Texten frage ich mich immer, welche große Verschwörung wohl dahintersteckt. Aber er will es mir nicht verraten.«

 

Ein Rest Paranoia, viel Eigenartigkeit und eine große Portion Neugier. So klingen MGMT jetzt.