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Der Vorhof zum Paradies

Metallica live in London

Gleich zwei Festakte wurden am vergangenen Freitag im Londoner House Of Vans begangen: zum einen feierte die US-Marke ihren 50. Geburtstag, zum anderen präsentierten Metallica ihr neues Album. »Hardwired... To Self-Destruct« ist der sehnsüchtig erwartete Nachfolger des bereits acht Jahre zurückliegenden »Death Magnetic«, und zusammen mit vielen Klassikern brachte das neue Material die prall gefüllte Location zum Kochen.
Geschrieben am
18.11.2016 – London, House Of Vans

Zugang zum exklusiven Event im Londoner House Of Vans fanden nur einige hundert Glückliche, die eine der im Vorfeld verlosten Karten ergattern konnten. Die symbolischen 20 Pfund Eintrittsgeld flossen dabei an die Organisation Railway Children, die sich für Straßenkinder einsetzt. Insgesamt war das House Of Vans mit knapp 850 Besuchern bis auf den allerletzten Platz gefüllt und bereits drei Stunden vor Beginn drängte sich eine lange Schlange vor dem Eingang zur unweit von House of Parliament und Big Ben gelegenen Location. Sichtlich freudig erregt warteten die Fans, dass sich endlich die Pforten öffneten. Von überall waren »METALLICA!«-Rufe zu vernehmen und neben der Schlange versammelten sich viele neidische Fans, die Unsummen boten, um an diesem Abend einen Blick auf ihre Helden werfen zu können. Doch seinen Platz bei diesem Event war niemand bereit aufzugeben.  

Als schließlich um 19:30 Uhr der Einlass erfolgte, strömten die Besucher hinein und die meisten von ihnen zog es sofort zielstrebig in Richtung Bühne, zwei Stunden bevor James Hetfield und Co. diese betreten sollten. Den bestmöglichen Platz sichern war angesagt, ein jeder wollte seinen Helden so nah wie möglich sein. Schnell füllte sich somit die schlauchförmige Halle und drohte schon bald aus allen Nähten zu platzen. Immer wieder dröhnten zwecks Soundcheck die Instrumente und jeder Ton wurde lautstark umjubelt. Mit steigendem Alkoholpegel der Besucher wurde die Stimmung ausgelassener, es wurde lauter, es wurde wärmer im dichten Gedränge. Über die Köpfe der Masse hinweg raste immer wieder eine der Kameras, die für den Livestream des Konzertes verantwortlich waren, der auch diejenigen, die keine Karte ergattern konnten, an diesem besonderen Abend teilhaben lassen sollte. 
Aus aller Welt waren die gespannten Zuschauer angereist, Flaggen verschiedenster Länder verdeckten den Blick zur Bühne. Immer wieder versuchten sich ganze Menschenkarawanen durch die Masse nach vorne zu drängen, bis es auf einmal dunkel wurde und der lang ersehnte Augenblick gekommen war: James Hetfield, Kirk Hammett, Robert Trujillo und Lars Ulrich enterten die Bühne, das Klatschen hunderter Hände manifestierte sich zu schallendem Lärm. Die fantastische Akustik in der Konzerthalle des House Of Vans ließ bereits bei den ersten Tönen von Trujillos Bass Boden und Körper vibrieren. Und Metallica bretterten ohne Vorgeplänkel los: Den ersten Songblock bildeten die Klassiker »Breadfan«, »The Four Horseman« und »Battery«. Spätestens bei letzterem bebte die Location und der erste, noch zurückhaltende Moshpit bildete sich.  

Ohne dem Publikum eine Verschnaufpause zu gönnen, beackerten Metallica weiter ihre Instrumente und stellten dabei die Stimmbänder der Anwesenden auf die Probe: Zu »Sad But True« und »Fade To Black« stiegen nahezu alle in den Gesang ein, was jedoch beinahe vom laut hämmernden Sound übertönt wurde. Ebenso wie ihre Fans, gab auch die Band alles, war nach den ersten Songs nass geschwitzt, hatte aber sichtlich Spaß an der wahnsinnig intimen Atmosphäre. Stolz kündigte James Hetfield dann auch den ersten Song vom neuem Album »Hardwired... To Self-Destruct« an. »Atlas, Rise!« benötigte einige Momente, bis sich die Zuschauer in diesen hineingehört hatten, doch der harte und klassisch-thrashige Sound, der den Song und das gesamte Album durchzieht, ging alsbald in Mark und Bein über und Begeisterung machte sich breit. Auch Metallica erfreute die Reaktionen, was sich dann spätestens beim zweiten Song vom neuen Album zeigte. Denn nachdem mit »Harvester Of Sorrow« wieder ein älterer Song gefolgt war, schien »Moth Into The Flame« die Lautsprecheranlagen des House Of Vans endgültig explodieren zu lassen. Der im August als erste Single veröffentlichte Song war den Besuchern bereits gut bekannt und mehr als bei allen Songs zuvor, zog sich eine wallende Energie durch den Raum: es wurde gerempelt, geschoben, Köpfe und Arme auf und ab geworfen. Das schien sich auch auf die Musiker auf der Bühne zu übertragen, Trujillo, Hetfield und Hammett spielten sich in einen Rausch und genoßen sichtlich die Intensität des Abends.
Was Metallica im folgenden präsentierten, ließ die Fans sich bei den ersten Noten jedes Songs ungläubig anschauen. Mit »One«, »Master Of Puppets«, »For Whom The Bell Tolls« und »Enter Sandman« folgten gleich vier ihrer größten Hits am Stück. Ohne Pause! Spätestens ab diesem Teil der Show wurde für die anwesenden Fans ein feuchter Traum wahr: Diese Songs, von einer bestens aufgelegten Band vorgetragen und das in einer solchen Atmosphäre – Wahnsinn beschreibt diese Momente wohl am ehesten. Mittlerweile hatte sich die Hälfte des Raumes in einen pulsierenden Pit verwandelt, immer wieder drängten sich nach Flüssigkeit gierende, nur noch halb bekleidete und von Schweiß durchnässte Menschen in Richtung Bar. Entweder war dies der Vorhof zur Hölle oder aber zum Paradies, für die meisten wohl Letzteres. Lars Ulrichs trümmerndes Schlagzeugspiel dröhnte wie tausend himmlische Glocken, James Hetfields Gesang diente als voluminös hallende Stimme Gottes.  

Die folgende, der Zugabe vorhergehende, und dringend nötige Verschnaufpause, die Hetfield und Ulrich nutzten, um mit dem Publikum zu interagieren und zu jammen, lud zum Rätselraten ein, welche Hits denn nun noch folgen sollten: »Nothing Else Matters«? »St. Anger«? »The Unforgiven«? Von diesen sollte es keiner werden, stattdessen forderte zunächst »Whiskey In The Jar« zum erneuten Mitsingen und ausgelassenen Bewegen ein, bevor mit »Hardwired« der Titeltrack des neuen Albums folgte. Und auch der erst dritte Song der aktuellen Scheibe, den Metallica an diesem Abend zum besten gaben, wurde frenetisch gefeiert. Die Vorstellung des neuen Materials entwickelte sich zum vollen Erfolg, was auch die Band anspornte, noch einmal das letzte aus sich herauszuholen und in das große Show-Finale fließen zu lassen. Das erfolgte dann schlussendlich in Form von »Seek And Destroy« – und zerstört waren danach wahrlich alle Anwesenden angesichts der extrem intensiven zwei Stunden, die ihnen soeben geboten wurden.  

Und als wäre es der zwei Anlässe zum Feiern nicht genug, erwartete Kirk Hammett, der an diesem Tag seinen 54. Geburtstag feierte, noch eine besondere Überraschung: von oben bis unten bedeckten seine Bandkollegen ihn mit Torte, was alle Beteiligten deutlich amüsierte und das Publikum johlen ließ. Strahlend und ausgelassen lachend verließen Metallica so die Bühne und können auf einen überaus gelungenen Abend und auf ihr wohl intimstes Konzert seit langem zurückblicken. Und auch die Gesichter der sich in Richtung Ausgang bewegenden Fans, wirkten erschöpft, aber gleichzeitig durch und durch zufrieden. Alle waren sie heilfroh, an diesem Abend im Londoner House Of Vans dabei gewesen zu sein.
Für die Vielen, die am 18. November nicht in London zugegen sein konnten und auch den Livestream verpasst haben, gibt es die Aufzeichnung bis Ende der Woche auf Youtube zu sehen!