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endlich vollkompatibel

Metallica

Über die Dimensionen brauchen wir uns nicht mehr zu verständigen, und doch sind sie als Thema ständig präsent. Wir sind schließlich in der größten Suite des teuersten Hamburger Hotels gemütlich unter uns, nur Kirk Hammett, Lars Ulrich und ich. Ach so; und die vier Promoterinnen. Und die zwei Bodygua
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Autor: intro.de

Über die Dimensionen brauchen wir uns nicht mehr zu verständigen, und doch sind sie als Thema ständig präsent. Wir sind schließlich in der größten Suite des teuersten Hamburger Hotels gemütlich unter uns, nur Kirk Hammett, Lars Ulrich und ich. Ach so; und die vier Promoterinnen. Und die zwei Bodyguards. Habe ich die Visagistin erwähnt? Die Handys zählen wahrscheinlich nicht. In einer Stunde geht der Flieger, bis dahin noch drei Fototermine und die Plakate signieren. Alles in allem eine plauschige Atmosphäre, bei der sofort und ohne Unbefangenheit menschliche Grundfragen auf den Tisch kommen. Ja, Pop. Oder fiese Rockstars, wie Lars sagt, der Schelm, der Ironiker, der ohnehin um alle Aspekte der Bandwahrnehmung weiß und wegen dem METALLICA hauptsächlich diese Unfaßbarkeit im wörtlichen Sinne haben. Denn was ist denn METALLICA? Wie jeder weiß, ein Konstrukt aus dem Kopf von Jung-Lars auf der Suche nach dem NWOBHM in sleazy LA. Und dann auch richtig abgrenzen, gleich METALLICA nennen. Was als geiler Jungens-Spaß superfunktionabel war, kann in seiner Bedeutung für den Erfolg kaum überschätzt werden. METALLICA, das ist nicht nur eine allgemeinverständliche Gebrauchsanweisung, das ist vor allem wie „alles klar“ oder „basta“.
Genau dies musikalisch umzusetzen, war die Leistung, die die Personen hinter dem übergroßen Namen mit ihrer Brennstufe von Super- auf Mega-Star, dem schwarzen Album, vollbrachten: braten und mitsingen wie nie zuvor. Reduzieren, anreichern. Keine Spielereien, keine Experimente, nur Bedürfnisbefriedigung. Nein, halt - damals wurden die Bedürfnisse erst so richtig geweckt. Bedürfnisbefriedigung, das ist „Load“, die neue Platte, bei der das unschöne Business-Wort „Produkt“ ausnahmsweise passend wirkt. „In vielerlei Hinsicht sind wir zu dem geworden, wogegen wir eigentlich sein sollten“, sagt Lars. „Aber die Frage ist doch, macht das einen Unterschied in der Musik? Für einige Leute macht es einen Unterschied und für andere nicht. Ich denke, wir machen immer noch bessere Platten als so ziemlich jeder andere auf unserer Welt. Und ich bin damit ehrlicher als irgend jemand sonst. Alles andere ist sekundär und irrelevant. Es steht und fällt alles mit der Platte. Wenn Leute über die Frisuren oder die Größe der Häuser sprechen wollen, bitte, so lange die Platte kugelsicher ist. Und das ist sie.“ Kugelsicher heißt, bildlich betrachtet, soviel wie ohne Risse. Und genau so ist es. „Load“ ist so perfekt, wie eine Rockplatte nur sein kann. Ja, Rockplatte. Weiterentwicklung heißt bei METALLICA Rock, mit Ausflügen in die anderen futuristischen Musikformen Blues und Country. Klar, keiner der gesetzten Mittdreißiger hört noch pausenlos harten Stoff. Aber trotzdem, hier und jetzt zeigt sich wie bei vielen anderen „Metal-Bands“, wenn sie das Terrain des Sounds und der Un-Musik verlassen, was sie eigentlich ausmacht und antreibt. Nicht daß das nun unbedingt überraschend wäre, und es hat auch niemand Funk, HipHop, Industrial oder irgendwelche Elektronik erwartet. Aber daß das, was an METALLICA ihr eigen ist, sich nun unbedingt in die klischeehaftesten Formen der Musik zurückgenerieren mußte ... In diesem Zusammenhang ist auch das große Band-Problem Grunge interessant. Kaum etwas warf METALLICAs Weltordnung so durcheinander wie NIRVANA, und nur sehr zögerlich freundeten sich die schwarzen Männer mit diesem Schrei nach Wahrhaftigkeit an. Das alles geschah zwischen zwei Platten, und „Load“ zeigt, daß sich das Quartett nicht etwa öffnet, sondern in das eigene Koordinatensystem zurückzieht.
Lars z. B. hört seit Monaten OASIS, die ja nun auch nicht gerade das Rad neu erfunden haben, aber ebenso wie METALLICA mit ihrer Verdichtung von Geschichte bestens funktionieren. Einen direkten Zusammenhang zwischen dem, was sie gerade hören, und der Musik möchte er aber nicht herbeireden. „Auch wenn ich in den letzten 18 Monaten zehnmal mehr OASIS als irgend etwas anderes gehört habe, findest du sicher keine OASIS-Einflüsse auf der neuen Platte. Außer vielleicht die einfachen Songstrukturen. Die Platte hat vielmehr ziemliche AC/DC-Einflüsse, dabei habe ich AC/DC seit Jahren nicht gehört.“ Und Kirk sagt: „Diese Platte zeigt unsere eigenen Wurzeln. Die erste Platte, wo wir keine Angst haben, unsere Einflüsse zu zeigen - für mich sind sie Blues und Jazz, James hat viel Country gehört, wir alle sind sehr vom klassischen Hardrock der 70er beeinflußt.“ Und so positionieren sich METALLICA ‘96 in die Elefantenwelt: immer noch zehn Riffs cooler als BON JOVI oder G’N’R, aber im Prinzip kompatibel. Die Vergangeheit als Nieten- und Aufnäherband ist nicht nur musikalisch vernichtet, sondern spätestens mit dem pompösen Foto-Overkill des hippen Anton Corbijn im Booklet ad acta. Dort stehen unsere Helden in natürlicher Lässigkeit mal mehr, mal weniger geschminkt mit der Ausstrahlung einer etwas dunkleren Männer-Vogue-Modestrecke in der Landschaft, kurzhaarig, wie bekannt. Kirk, jetzt neu mit Ziegenbart und Piercing-Dorn in der Unterlippe: „Wir sind nicht MICHAEL JACKSON oder MADONNA. Unser Image ist nicht so wichtig. Deswegen können wir immer noch überall ausgehen.“ Doch dem dürfte der Personenkult, dem METALLICA auch mit ihrem neuen Hieronymus Bosch/DAVID BOWIEsken Video huldigen, ein Ende setzten. Hier gibt es Gesichter satt, hier entpuppen sich METALLICA als Yuppie-kompatible Fassaden de Luxe.
Ja, Kirk ist sehr daran interessiert, sich optisch weiterzuentwickeln, ebensosehr wie musikalisch. Aber daß sie alle kurze Haare haben, war gewiß keine Absprache. Jeder hat es aus seinen eigenen persönlichen Gründen getan. „Doch wenn wir uns einen neuen Look ausgesucht haben, müssen wir dem treu bleiben. Das ist ein Teil des Spiels.“ Das Spiel, von dem man eigentlich meinen sollte, daß es ihres wäre. Ist es natürlich auch, nur liegt es eben nicht in der Hand der ganzen Band, sondern seit jeher bei Hetfield und Ulrich. Der sagt: “Früher gab es eine Art Code, wie METALLICA aussehen und sich verhalten sollte, dem alle blind und blöd gefolgt sind. In den letzten vier, fünf Jahren haben sich die einzelnen Charaktere stärker auseinanderdividiert, was die Einheit aber eher stärker als schwächer gemacht hat, denn wir sprechen und sind tolerant mteinander. Zum Beispiel Kirk und Jason, zwischen ihnen ist ein ziemlich großer Unterschied. James und ich sind irgendwo in der Mitte, aber es ist immer noch ziemlich viel Platz zwischen uns allen.“
Für alle gilt aber das offene Geheimnis METALLICA, die familiäre Spießigkeit ihrer Dr. Jeckyll-Persönlichkeiten. Daß das die ansonsten so authentizitätsgierende Öffentlichkeit nie gestört hat, bleibt ein Faszinosum. Oder vielleicht ein weiterer Baustein des Erfolges: die netten Jungs von nebenan. Lars: „Klar, da ist ein Widerspruch zwischen dem Klischee des wilden aggressiven Metal und unserer Zurückgezogenheit und Professionalität. Aber wer Widersprüche sucht“, schließt er dieses Thema ab, „findet sie überall.“