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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mamas geheime Psychoküche

Mercury Rev

Am Anfang meiner Geschichte mit Mercury Rev steht ein Geräusch. Es war im Sommer 1992. Meine Freunde und ich packten ein billiges Surfbrett in den Laderaum eines Citroën-Kastenwagens, um damit die französische Atlantikküste zu bereisen. Dazu hörten wir unser Lieblingsalbum ›In A Priest Driven Ambu
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Am Anfang meiner Geschichte mit Mercury Rev steht ein Geräusch. Es war im Sommer 1992. Meine Freunde und ich packten ein billiges Surfbrett in den Laderaum eines Citroën-Kastenwagens, um damit die französische Atlantikküste zu bereisen. Dazu hörten wir unser Lieblingsalbum ›In A Priest Driven Ambulance‹ (1990) von den Flaming Lips. Produziert wurde der psychedelisch melodische Irrsinn von David Fridmann, und ein gewisser Jonathan Donahue war neuer Gitarrist der Band. Nebenbei unterhielten die beiden damals schon das noch abgedrehtere Projekt Mercury Rev, eine Band aus den Catskill Mountains und damals noch ohne Album-Veröffentlichung.

Doch zurück zum Kastenwagen und zum Geräusch, an dem Donahue und Fridmann sicher nicht ganz unschuldig waren. Jungs-Urlaube haben ja meistens einen Runnig-Gag, und der Dauerspaß unseres Urlaubs war das so genannte »Flaming-Lips-Geräusch«. Nüchtern betrachtet handelte es sich dabei um das schabende Quietschen eines Gummisurfbretts im Laderaum – rhythmisiert durch die holprigen Küstenstraßen des Medoc, die für ständige Reibung zwischen Surfbrett und dem nackten Bodenblech der Dyane sorgten. Das Geräusch war den merkwürdigen Sounds auf dem Album verdächtig ähnlich, und für uns waren Album und Fahrgeräusch bald eins. Dazu der Ausdruck purer Euphorie. Ein neuer Soundkosmos, das Versprechen, dass Indie mehr war als Energie aus verzerrten Gitarren, mehr als Distinktion vom Mainstream, mehr sogar als gute Songs und Heimat stiftende Rebellion. Das Flaming-Lips-Geräusch lehrte uns, dass jeder Klang schön sein konnte. Dass der musikalische Sound-Kosmos unendlich weit war. Jeden Tag, wenn wir zum Strand fuhren, schüttelten wir unser langes Haar zum Flaming-Lips-Geräusch und fühlten uns dem psychedelischen Kosmos unserer Lieblingsband ganz nah.

Mittlerweile ist das Surfbrett längst zerbrochen und die Haare sind kürzer oder ganz weg. Der musikalische Kosmos der Bands Flaming Lips und Mercury Rev wird nach wie vor zusammengehalten durch den markant mächtigen Sound des Produzenten David Fridmann. Ein Sound, der sich von üppig schillernden Flächen aus Quietschgeräuschen und Noise-Gitarren in ein ebenso üppiges, aber klanglich reineres Feld aus Streichern, Holzbläsern, Cembalos, Chören und singenden Sägen weiterentwickelt hat. Eine von Fridmanns besten und erfolgreichsten Arbeiten ist das Mercury-Rev-Album ›Deserter’s Songs‹, vom britischen NME zum Album des Jahres 1998 gewählt. Für Fridmann war es der Durchbruch als Produzent. Für Jonathan Donahue – mittlerweile Sänger und Chefdenker von Mercury Rev – wurde ›Deserter’s Songs‹ zum endgültigen Durchbruch seiner eigenen Band. David Fridmann, den Gustav Mahler des Indierock, bucht man seitdem als Produzenten für jene, denen ein großer psychedelischer Sound der tausend Instrumente vorschwebt. Ein wall of sound, der sich am effektvollsten durch eine fragile Stimme im Vordergrund abzeichnet. Eine Mischung aus Gershwin, Disney und Neil Young, wie es an anderer Stelle einmal hieß. Seit diesem Meilenstein gehen Mercury Rev den Weg der Konsolidierung. Mit ›All Is Dream‹ (2001) und nun auch mit ihrem neuen Album ›The Secret Migration‹ verfeinern sie diesen Sound, wofür sie der eine als aus der Zeit gefallenes Prog-Rock-Monster hasst, der andere sie jedoch für diese konsequente Audiophilie liebt.

Wie nennt man eure Musik in Amerika? Psychedelic? Am Anfang war das ja ein sehr merkwürdiger Sound. Wird er mittlerweile akzeptiert?
Donahue: Sie nennen uns Surrealisten, glaube ich. Das ist ein oft benutzter Begriff. Die Amerikaner haben einen anderen Begriff von Psychedelic als die Europäer. Sie verstehen darunter eher die Musik der Sechziger. Heute ist vieles Psychedelic, die Leute verwenden alle möglichen Instrumente ...

Ist es ein Problem, dass Dave Fridmann Teil der Band und damit wohl auch immer der Produzent ist. Er steht ja für einen ganz bestimmten Sound ... Denkst du, unser Sound ist immer gleich?

Ich meine nur, dieser spezielle Dave-Fridmann-Sound ist sehr markant ...
Das hat mit den Bands zu tun, mit denen er arbeitet. Sie haben alle eine Leidenschaft für Sounds. Sie wollen mehr als nur zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Ob das nun Mercury Rev, die Flaming Lips, Sparklehorse oder sonst wer ist. Wir langweilen uns schnell mit diesem Chuck-Berry-, Rolling-Stones-Ansatz. Wir interessieren uns nicht für Gitarrenriffs oder dafür, wie stark die Verzerrung im Bass ist.

Wie sieht dein normales Leben, dein Alltag aus?
Ich lebe in einer sehr kleinen Stadt in den Bergen. Wir haben keine Museen, Discos, gestylte Bars oder modische Plätze. Was wir haben, ist Stille.

Lebst du alleine? Hast du Familie?
Ich habe meine Tiere um mich. Sie sind mir am wichtigsten. Dann gibt es Freunde und liebe Menschen.

Was ist neu an ›The Secret Migration‹, verglichen zur letzten Platte? Neue Instrumente, neue Sounds?
Natürlich gibt es neue Instrumente und Sounds. Aber die werde ich hier nicht nennen. Dieses Wissen gehört Mercury Rev. Es unterscheidet uns von der nächsten Band.

Aha, das ist also ein Geheimnis ...?
Das ist wie mit einem Rezept. Du liebst es, das Ergebnis mit anderen zu teilen. Die Plätzchen oder die tolle Spaghetti-Sauce. Aber du willst die Zutaten nicht verraten ...

Du sprichst also nie darüber? So wie Coca-Cola, die ihr Rezept niemandem verraten. Sind Mercury Rev wie Coca-Cola?
Ich weiß nicht, ob das mit Coca-Cola ein guter Vergleich ist. Mir gefällt es besser, es mit Mamas Kochrezepten zu vergleichen. Manchmal wissen wir selbst nicht, wie wir etwas gemacht haben. Aber natürlich gibt es bestimmte Sounds und Qualitäten in unserer Musik, die uns von anderen Bands unterscheiden.

Welche Musik hörst du selbst gerne?
Ich tendiere zu Musik ohne Gesang, vor allem, wenn ich schreibe. Vielleicht, weil mein Geist in dieser Zeit ohnehin sehr beansprucht ist. Ich kann dann Gesang nicht mehr ertragen. Ich höre sehr wenig Rockmusik. Ich höre Beethovens späte Streichquartette. Ich höre generell wenig Musik. Der Sound, zu dem ich aufwache und schlafen gehe, ist das Bellen meiner Hunde. Morgens wollen sie gefüttert werden, abends sind sie müde und bellen noch ein bisschen draußen vor dem Fenster.

Was magst du an den späten Streichquartetten von Beethoven?
Sie sind so Pythagoras-mäßig, pure Mathematik. Jede Zelle in meinem Körper reagiert auf sie. Ich weiß nicht, was da passiert. Ich liebe diese Musik so, wie ich den ersten Schnee liebe.

David Fridmann
Teilzeitmitglied und Hausproduzent von Mercury Rev und Flaming Lips. Betreibt das in Indiekreisen berühmte Tarbox Road Studio in Cassadaga in der Nähe des Lake Eerie am westlichen Zipfel des Bundesstaates New York. Hier mischte er u. a. Modest Mouse, The Delgados, Mogwai, Gemma Hayes und Dot Allison. Eine beeindruckende Liste seiner Arbeiten findet sich unter www.netsync.net/users/fridmann

Catskill Mountains
... verhalten sich zu New York wie das Sauerland zum Ruhrgebiet: Sie sind das klassische Naherholungsgebiet. Von New York City fährt man etwa 100 Meilen ins älteste Naturschutzgebiet Amerikas. Neben Mercury Revs Jonathan Donahue findet man hier auch die Farm von Robert de Niro und ca. 40 buddhistische Institutionen, darunter mehrere Zen-Klöster.