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Fortschritt ist da

Menomena live

Was für ein seltsamer Kontrast! Da spielen Menomena, wohl der derzeit heißeste Undergroundtipp mit Ambition auf Erfolg ihr erstes Deutschland-Konzert
Geschrieben am
02.07.07 - Dortmund, FZW

Was für ein seltsamer Kontrast! Da spielen Menomena, wohl der derzeit heißeste Undergroundtipp mit Ambition auf Erfolg auch auf großer Bühne, ihr erstes Deutschland-Konzert ever ausgerechnet im biederen, von glamourösen Poptrends so unbeeindruckten Dortmund. Und so wenig das FZW jemals optisch den Eindruck machte, als ob hier legendäre Abende stattfinden könnten, so verlässlich locken sie immer wieder großartige Bands im Anfangsstadium ihrer Karriere in den allenfalls mit öder Vorstadtromantik auftrumpfenden Dortmunder Westen. Nur – bemühen sich auch angemessen viele Leute aus ihren kleinen Großstadtapartments ins rußige Ruhrgebiet? Oder ist man mal wieder unter sich?

Dass Modulator in ein paar Monaten auch so eine aufkommende Band mit bundesweitem Fame sein können, ist eher unwahrscheinlich. Zu lange werkeln sie nun schon auf kleinem Level, und die sympathische Homebase Geldern im Niederrheinischen, Heimat des verdienten Kollegen Christian Wessels, ist auch nicht gerade als Brutstätte von Indiehypes bekannt. Nichtsdestotrotz sind Modulator gut, überraschend gut. Ausgehend von flirrendem Krautpop à la Stereolab, Broadcast oder frühe Pram wuseln sie sich durch ihre Stücke, versuchen manches Experiment, testen Post- und Mathrock und verlieren sich auch mal sehr schön am Ende eines Songs. Die Stimme der Sängerin kommt an diesem Abend etwas leise, dafür beweist der Rest des Quartetts seine instrumentalen Qualitäten, auch weil eine zu der Musik sehr gut vorstellbare Lichtshow in schimmernden Rottönen im FZW nun mal gar nicht drin ist. Toll, das solche Musik nicht zwangsläufig aus England kommen muss, denn so kann man sie sich ja öfter mal live anschauen. Und das Staatsakt-Label wartet wohl auch schon auf neues, zur Veröffentlichung freigegebenes Material, vielleicht kommt da ja bald mal was.

Kurz darauf bin ich überrascht, dass Menomena aus Portland tatsächlich nur zu dritt auftreten. Ich hätte gedacht, dass so ein breites Set an Sounds trotz Laptop-Technik live von mehreren Musikern umgesetzt werden muss. Tatsächlich ist jeder der drei T-Shirt-Boys Multitasker und dementsprechend aufgeregt und konzentriert bei der Sache. Ihr drittes Album 'Friend And Foe' hat in den letzten Monaten den US-Underground in Aufruhr versetzt, woraufhin City Slang-Detektiv Christof Ellinghaus zugriff und nun das Album im August auf seinem Label europaweit herausbringt.Und obwohl Menomenas Musik tendenziell vertrackt, unrockig und obskur ist, ist sie doch so bahnbrechend gut, dass ein Erfolg ähnlich dem von Arcade Fire wohl nur eine Frage der Zeit sein kann. Das gut einstündige Liveset der Band beweist vor allem die artifiziellen Ambitionen der Band, mehr als die neue Platte jedenfalls. Zwar sind Menomena nicht der Startschuss von Minimal-Rock, trotzdem brechen sie die allermeisten ihrer unglaublich guten Riffs immer dann ab, wenn die Musik sich gerade anlässt, richtig eingängig zu werden. Sie verzichten auch auf Indierock-Elemente, von denen man bisher dachte, dass sie tragend und unerlässlich seien. Stattdessen: Billiges Casio-Geplänkel, dumpfes Grollen aus dem Laptop, Tenor-Saxophon. Allein vom Schlagzeug kommt ein Rhythmusgerüst, das, obwohl immer wieder kurz unterbrochen, eine Spannung aufbaut und hält, die komplett ungewohnt und nervös, aber mitreißend wie sonst kaum etwas ist. Und auch der Gesang ist weit von Popsong-Konventionen aus Strophe und Refrain entfernt, er tapert eher vor sich hin, unterbricht nach kurzen Melodiefragmenten und bestreitet weite Songteile mit Aahs, Oohs und ähnlichen inhaltsfreien Lauten.

All das ist so verunsichernd und doch unzweifelhaft brillant wie in Konzertsituationen schon lange nichts mehr gesehen. Trotzdem weicht die aufmerksame und ungläubige Spannung des Publikums nur selten der Euphorie, wie so oft im FZW. Teilweise liegt das auch daran, dass letztendlich wirklich nur ca. 40 Leute den Weg nach Dortmund gefunden haben. Menomena lassen sich davon ein bisschen beeindrucken, kein Wunder beim ersten Deutschland-Gig, und bleiben zurückhaltend, während sie fast alle Stücke des aktuellen Albums plus ein paar alte Songs herunterspielen. Erst am Ende tauen sie etwas auf, probieren ihre Deutschkenntnisse aus, bleiben aber smart und trocken, anstatt die üblichen Rockshow-Konventionen herunter zu brechen. Am Ende verlassen sie ohne besondere Zugaben die Bühne, pusten draußen erstmal durch, während der mitgereiste Ellinghaus sie abklatscht und freudig erregt erste Reaktionen des Publikums übermittelt. Er scheint glücklich zu sein, und er hat allen Grund dazu: Dieser Gig hat vor allem die Ahnung davon verstärkt, um was für eine außergewöhnlich gute Band es sich bei Menomena handelt. Auch davon, was in den nächsten Monaten noch möglich sein wird. Morgen spielen sie noch einen Gig in Berlin, im Herbst wollen sie aber für Konzerte in weiteren Städten wiederkommen. Und nicht nur deswegen wird diese Band die nächsten Monate vieler Leute begleiten. Sicher.

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