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So war der Sonntag: Beeindruckende Routine bis verstörende Dramatik

Melt! 2014

Der dritte Tag setzt die Sommerfestspiele fort. Vom Sleepless Floor bis zur Hauptbühne: Hits und Hitze Galore! Und am Ende des Abends warten Portishead mit verstörend genialem Krautrock.
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Als die Festivalbesucher zum Eingang der Stadt aus Eisen gehen, kommen sie wie immer am Sleepless Floor vorbei. Dieser macht auch am Finaltag seinem Namen alle Ehre, denn weiterhin feiern hunderte Partywütige, als gäbe es kein morgen.  Gerade legt Subb-An einen technoiden Stampfer nach dem anderen auf, nur um sein Set mit einem »Don’t Stop. No Sleep«-Sample ausklingen zu lassen. Dann übernimmt Timo Maas das Zepter und spielt seine Art von psychedelischem Deep-House. Die Menge hört einfach nicht auf zu Tanzen. Vielleicht mal ganz kurz, um sich von den Securities mit dem Wasserschlauch erfrischen zu lassen. Dann weiter, in der sengenden Nachmittagssonne.

Noch im vergangenen Jahr bespielte Will Heard alias Tourist die kleine Orangerie in Ferropolis vor einigen wenigen Zuschauern, in diesem Jahr darf er völlig zu recht auf die Big Wheel Stage. Dort haben sich zu Beginn der Show zwar noch nicht allzu viele Tänzer eingefunden, mit der Zeit gelingt es dem Briten jedoch mehr und mehr Sonntags-Raver vor die Bühne zu locken. Und das, obwohl Heard seine Schäfchen ganz schön zappeln lässt. Denn der Mann liebt ausufernde Intros, die er gerne mal über Minuten in die Länge zieht, bevor er seine basslastigen Garage-House-Hybriden mit einem gezielten Drop emotionale Pirouetten schlagen lässt.

 

Von wegen Melt! ist nur Techno. Wie schon an den vorigen Tagen, gibt es zu früherer Stunde auch einiges für Menschen, die lieber zuhören, als tanzen. John Grant ist einer dieser Acts und sein zwischen weltmännischem Songwriter-Pop und dezenter Beatkulisse wandernder Sound, lädt zum verweilen ein. Passend dazu erklärt der studierte Germanist seine Songs ausführlich oder gibt nahezu aktzentfrei charmante Geschichten zum Besten. Ein rundum gutes Set, dessen Höhepunkt der bittersüße Hit »GMF« (sprich: greatest motherfucker) ist.

 

Wirkte der Engländer bei früheren Auftritten auf großen Bühnen oft ein wenig verkrampft und beizeiten überfordert, so scheint SOHN mittlerweile eine ihm passende Rolle zwischen Distanz und Dramatik gefunden zu haben. Und auch wenn das Tageslicht die aufwändige Beleuchtung der Mainstage zunichte macht, entfaltet sich die einnehmende Wirkung seiner an James Blake oder Woodkid geschulten Lieder. Wer auf ein Lächeln des Kapuzenträgers hofft, hat allerdings weiterhin Pech.

 

Es ist fast schon ein wenig unheimlich, was für ausgemachte Routiniers Sebastian Szary, Gernot Bronsert und Sascha Ring alias Moderat mittlerweile sind, ohne dabei auch nur ansatzweise abgeklärt oder gar leidenschaftslos anzumuten. Das Publikum ist ohnehin von den ersten Sekunden des Openers »A New Error« auf Sendung und feiert die drei Bassbrüder vor der Mainstage, als gäbe es kein Morgen. Beziehungsweise: Gibt es ja auch gar nicht – zumindest nicht für das diesjährige Melt! Festival – auch wenn das die Sleepless-Floor-Jünger wahrscheinlich etwas anders sehen. 

 

Jungle machen gerade noch ihren Soundcheck und die auffällig vielen britischen Fans bejubeln jeden Ton. Die Band winkt ab. Gleich geht es doch erst los. Als die Engländer dann die Bühne betreten, gibt es von Anfang an kein Halten mehr. Ihr sphärischer Disco-Funk geht direkt ins Bein und man fühlt sich ein wenig in die Zeit des Madchester Rave zurückversetzt.  Oder wie es der Sänger ausdrückt: »Fucking crazy!« Das war es auch. Die Briten werden dem von ihnen kreierten Hype gerecht und empfehlen sich locker für einen zukünftigen Platz auf der Mainstage.

 

Naher Osten, Syrien, Palästina, Ukraine – während »Machine Gun« aus der Anlage schmettert, als ob es den Weltuntergang einleiten würde, sind Portishead als der sonntägliche Headliner so etwas wie die Spielverderber. Auf der Leinwand prasselt zu dem Maschinengewehrbeat das aktuelle Weltgeschehen schön kompakt in zwei Minuten zusammengefasst auf die staunende Menge ein. Vorbei sind drei Tage Sonne, Party und Ignoranz gegenüber der Außenwelt. Portishead haben fast nichts mehr mit dem anfänglichen TripHop-Sound gemeinsam. Schon immer dem Krautrock zugetan, wirken sie 2014 bedrohlicher, künstlerisch wertvoller und innovativer denn je. Was sie hier in Ferropolis zelebrieren, verschüchtert andere Bands und Fans gleichermaßen. Nach über 20 Jahren Bandgeschichte haben Portishead nun ein neues musikalisches Zeitalter eingeläutet. Der Fokus des Sets liegt neben Klassikern wie »Over« und »Roads« eindeutig auf dem letzten Album »Third«. Nach einem doomigen »Threads“ folgt als letztes Lied »We Carry On«. Beth Gibbons lacht mit einem Bier in der Hand ins Mikro und haucht ein schüchternes »Danke schön«. Was bleibt, ist ungläubiges Kopfschütteln, offene Münder und die Erkenntnis, Zeuge von etwas ganz großem gewesen zu sein. Verstörend genial.