×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

So war der Samstag: Sonnenbrand und ein syrischer Hochzeitssänger

Melt! 2014

Es bleibt heiß in Ferropolis. Auch am späten Samstagabend sind Jacken überflüssig beim Melt! 2014. Beste Voraussetzungen für sommerlichen Konzert-Spaß und eine lange Party-Nacht. So war der Samstag.
Geschrieben am

Das Programm startet regenbogenfarben. Of Montreal eröffnen die Hauptbühne mit tanzbaren, psychedelischen Glam-Pop-Hymnen. Dass zum Auftakt noch erfahrungsgemäß wenig Leute vor der ausladenden Bühne stehen, stört überhaupt nicht, denn jeder der da ist, scheint sichtlich gefallen an der bunten Euphorie der Band aus Athens zu finden. Die farbenfrohen Visuals tun ihr übriges dazu bei, um aus einem schwierigen Startplatz einen Erfolg zu machen. Sehr passend auch, dass die Sonne auch um acht Uhr noch heiß am Himmel steht.

Der Slot des Warm-Ups auf der Big Wheel Stage am Samstag ist ebenfalls ein undankbarer – möchte man zumindest meinen, wenn man am Vorabend die unendlichen Special Effects der Bühne bewundert hatte, die von Feuerfontänen bis zu dichten Rauchschwaden und unendlich ausgefeilten Video-Projektionen reichen. Bei Nacht entfaltet sich die Bühne im hintersten Eck des Geländes zum heimlichen Star des Festivals. Perfekt abgestimmter Sound lässt die rollenden Bässe der elektronischen Künstler durch den kompletten Körper vibrieren und stachelt in Kombination mit der visuellen Wucht der Lightshow das Publikum zu euphorischsten Gesten an. Auch Dusky, in ihrer Heimat England längst die neuen Stars der UK-House-Szene, können sich voll und ganz auf die Attribute der Big Wheel Stage verlassen. So feiert das Publikum trotz strahlendem Sonnenschein und ausbleibender Effekte als ob es sich um den letzten Act auf dem Sleepless Floor vor Ende des Melt! handeln würde. Der UK- und Tech-House der beiden Briten funktioniert einwandfrei und liefert den perfekten Startschuss für die feierwütige Crowd.

 

Über Shows von Future Islands zu schreiben, fällt selbst langjährigen Musikfans schwer  - es fehlen einem hinterher schlicht die Worte. Sänger Samuel T. Herring wirkt wie eine junge Version von Barry White, die mit Hardcore groß wurde und kurz vorm Gig noch Speed genommen hat. Die Songs des Quartetts, die ohne Gitarristen auskommen, behandeln existenzialistische Themen, die Herring live stets betroffen erläutert. Schlichte Liebeslieder? Am Arsch. Das Drama in der Musik von Future Islands überschattet so jeden noch so zückersüßen Synthie-Pop-Refrain. Die Show im vollgepackten Intro-Zelt wurde so selbst bei 40 Grad zu etwas beinahe Ernstem. Musik, die vielleicht in der Lage sein könnte, globale Konflikte zu lösen. In jedem Fall aber zu groß für die Kategorie Festivalhighlight. Wahnsinn.

 

Panda Bear a.k.a. Noah Lennox beginnt sein Set auf der Gemini Stage zunächst behäbig und entspannt. Lennox Solomaterial besteht bekanntlich vor allem aus Samples, Loops und experimentellen Versuchsanordnungen. Nicht unbedingt jedermanns Sache, denn tanzbare Strecken sucht man hier vergeblich. Der Animal Collective-Frontmann zelebriert seinen psychedelischen, elektronischen Sound und mutet dabei bisweilen wie ein junger, verzerrter Morrissey an. Tranceartige Augenblicke entstehen durch zuckende Visuals, die Gummibärchen oder sich rekelnde Alien-Frauen zeigen. Noah Lennox ist ein begnadeter Musiker und das meint wohl auch Kieran Hebden alias Four Tet. Der steht nämlich 90 Minuten vor seinem eigenen Gig mittendrin im staunenden Publikum.

 

Alex Banks beweist derweil auf der Melt! Selektor Stage, dass er nicht nur in der Lage ist, eines der bisher spannendsten Alben des Jahres aus dem Bereich der elektronischen Musik vorzulegen, sondern dass er das Ganze auch überzeugend  auf die Bühne zu bringen weiß. Als besonderes Bonbon hat der aus Brighton stammende Produzent Sängerin und Kollaborateurin Elizabeth Bernholz mit auf der Bühne, die zu Songs wie »All You Could Do« oder »A Matter Of Time« ihr irgendwo zwischen Beth Gibbons und Björk oszillierendes Organ sprechen lässt, während Alex Banks sein energiegeladenes Elektronik-Crescendo anschwellen lässt.

 

Auf der nächsten Seite: Metronomy, Four Tet und andere

Da geht es bei Metronomy deutlich organischer zur Sache. Die Band um Mastermind Joseph Mount schlängelt sich filigran und funky, allerdings auch etwas gemächlich durch die ersten Songs ihres Headliner-Sets auf der Mainstage. Die Bühnendeko setzt mit ihren Pappmaché-Wölkchen das visuelle Konzept des aktuellen Album-Artworks fort und erinnert nicht ohne Grund an die Arbeiten Michel Gondrys, der auch das Video zu »Love Letters« drehte. Überhaupt, Frankreich ist sehr präsent im Sound der Briten, sei es in luftigen Chansons-Anleihen oder einem smarten Phoenix’schen Discobeat. Dazu setzen vor allem die schrulligen 70er-Soundtrack-Synthies die Aktzente. Passt gut zum Sommerabend, reißt aber die Menge erst beim 2011er Hit »The Look« so richtig mit.   

 

Währenddessen könnte die Atmosphäre im Intro-Zelt nicht kontroverser sein. Der Weg zur Bühne gerät zu einem Hindernis-Parcours, denn hier wird nicht gestanden, sondern im sitzen dem großen bärtigen Mann gelauscht, der mit engelsgleicher Stimme das zur Hälfte gefüllte Zelt verzaubert. Wie sonst bei kaum einem anderen Künstler wird bei William Fitzsimmons und seinen beiden Mitstreitern jeder Ton, jede Note aufgesaugt. Die Menge schweigt und jeder einzelne scheint tief versunken in seinem eigenen »Happy Place«. Definitiv einer der rührigsten Auftritte beim diesjährigen Melt!.  

 

Dass es bei Four Tets etwa zweistündigem DJ-Set auf der idyllischen Strandbühne voll werden würde, war klar – dass das Seeufer aber derart aus allen Nähten platzt, hätte man hier trotzdem nicht erwartet. Verdient ist es allemal, bietet Kieran Hebden doch einen perfekt ausbalancierten Mix aus den tanzbareren Veröffentlichungen seines eigenen Labels Text Records (»128 Harps« oder »Jupiters« zum Beispiel) und jeder Menge treibenden Fremdmaterials. Omar Souleyman gelingt es im Anschluss problemlos die Leute an der Melt! Selektor Stage zu halten, haben sich die folkloristisch-orientalischen Tanzstücke des syrischen Hochzeitsängers doch unlängst im Festivalkontext bewährt. Okay, »bewährt« ist hier leicht untertrieben, vielmehr wird der mit staatstragender Anmut performende Souleyman frenetisch gefeiert.

 

Im Anschluss darf zum knochentrockenen Old School-Techno von Jeff Mills an der Big Wheel Stage gefeiert werden, während die Landjugend ihre Kräfte für das Drei-Stunden-Set von Alle Farben auf dem Sleepless Floor sammelt. Da wird dann ab vier Uhr aber auch standesgemäß ausgerastet und es verbrüdern sich Party-Pauschaltouristen, Hauptstadt-Hipster und Indie-Snobs im goldenen Schein des Sonnenaufgangs. 

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr