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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der Samstag. Komplett.

Melt!06. So war das.

Samstag, 15.07.2006, Medusa Main Stage. Regina Spektor hat den undankbaren Job, am Samstag in der brütenden Nachmittagshitze die Hauptbühne zu eröffnen. Aber zu großartig ist ihre Stimme, untermauert von Piano, Gitarre und der perkussiven Sitzfläche eines Holzstuhls, als dass man sich in den weit en
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Samstag, 15.07.2006, Medusa Main Stage. Regina Spektor hat den undankbaren Job, am Samstag in der brütenden Nachmittagshitze die Hauptbühne zu eröffnen. Aber zu großartig ist ihre Stimme, untermauert von Piano, Gitarre und der perkussiven Sitzfläche eines Holzstuhls, als dass man sich in den weit entfernten Schatten verdrücken möchte. Mit dem ersten kühlen Bier in der Hand sucht man sich lieber einen großen Menschen als Sonnenschild und genießt einen der bezauberndsten Auftritte des Festivals (viele Menschen um einen herum singen sogar entweder verzückt mit oder schließen verzaubert die Augen) - auch wenn die riesige Bühne die mädchenhafte Sängerin schier zu erschlagen droht. Fotos.
Matthias Weber

Kaum sind Klee auf der Bühne, fließt auch schon ihr großer Hit "Zwei Fragen" über das sonnenüberstrahlte Festivalgelände. Suzie wirbelt im extravaganten, aber doch saloppen Knickerbocker-T-Shirt-Outfit über die Bühne, versteckt sich hinter ihren langen blonden Haaren und singt dabei mit so klarer, schöner Stimme, dass auch der Letzte merkt, dass das Klee-typische Hauchen einfach nur einem Wollen und nicht einem Nicht-Können geschuldet ist.
Markus Schwarz

Richtige Musik zur falschen Tageszeit. Mal wieder. Immer begegnen mir die Editors nur morgens oder nachmittags, jedenfalls bei Tageslicht. All sparks will burn out, aber das gilt halt nicht für die gelbe Sau da oben. Dabei will ich sie doch endlich mal in einem düsteren Club mit ganz viel Trockennebel sehen. Trotzdem sind die Editors, vor deren Bühne sich trotz der unpassenden Tageszeit bereits große Menschenmassen drängen, mal wieder über alle Zweifel erhaben. Mit der Betonung auf dem letzten Wort. Eine Freundin, mit der ich den Gig anschaue, erinnert mich an unsere Wette. Sie kennt die Jungs noch aus Birmingham, als sie da allerhöchstens zur Lokalprominenz zählten. "Wetten, dass die 2007 Headliner auf der zweitgrößten Bühne auf dem Glastonbury-Festival sind?" Meine Antwort damals auf dem Glasto: "Never!" Meine Antwort auf dem "Melt!": "Wenn sie endlich ein neues Album bringen, könnte das klappen." Fotos.
Daniel Koch

Er ist so Rock'n'Roll, Baby! Jochen Distelmeyer hat es leicht, von der großen Hauptbühne herunter die versammelte Fangemeinde mit folgendem flotten Spruch zum Mitklatschen aufzufordern: "Ihr müsst nicht cool sein." Der Apfelmann selber aber ist mit seiner Sonnenbrille, perfektem Haarschnitt und sexy sitzender Anzugshose die coolste Sau auf dem ganzen Festival. Doch das kann ihm niemand verübeln. In neuer Besetzung, mit fröhlich florierendem neuen Album im Gepäck und bieder-beschwingt wie selten zeigen Blumfeld bei ihrem Melt!-Auftritt, dass ihre Lieder nicht nur zum Nachdenken gut sind, sondern auch zum einfach nur so Spaß Haben und Rock'n'Rollen - sofern man denn "irgendwie obstmäßig drauf" ist. Und zugleich fühlt man aus jedem einzelnen Ton: Diese Band ist nicht nur maßgeblicher Bestandteil des deutschen Popkanons, sondern schon längst ihr eigenes Denkmal.
Arno Raffeiner

Tomte-Konzerte sind inzwischen wie Futtern bei Muttern. Man weiß genau, was man bekommt, aber es schmeckt trotzdem immer wieder gut. Man braucht es nicht zu oft (alle paar Monate sonntags reicht), aber fährt trotzdem glücklich nach Hause (bzw. stürzt sich weiter in den Festival-Wahnsinn), mit dem Gedanken: Danke, gerne wieder… Jetzt aber genug der Analogien. Tomte sind klasse. Punkt. Perfektionierte Indie-Gemütlichkeit. Glückliche Menschen singen Textzeilen wie diese: "Wir werden pur und simpel lachen / wir werden schwimmen im Geld / So soll es sein / So war es erdacht!". Das ist simpel, das ist großartig, das ist manchem vielleicht ein wenig zu sehr Stadion-Indie, aber die Leute haben auf dem "Melt!" ja genug andere Schmankerl, die sie sich anschauen können. Irgendwann erzählt Thees dann auch stolz, dass er mit Art-Brut-Eddie die Handy-Nummern getauscht hat und dass er im Jahr zuvor auf "dem großen Pimmel des Baggers" gesessen hat, um da mit Bandkumpel Olli Koch (der nur zufällig wie mein Bruder heißt) über den Kapitalismus und die westliche Welt zu diskutieren. Und Thees: den improvisierten Akustik-Song über Kerry Kings Tätowierer im speziellen und Gräfenhainichen im besonderen hätten wir dann gerne auf unserem "Melt! 2007"-Sampler. Fotos.
Daniel Koch



The Streets. Lange Version.

Aphex Twin. Lange Version.

Es ist kühl geworden in Ferropolis. Mitten in der Nacht rücken die Leute bei Nightmares On Wax noch mal ganz eng zusammen und wärmen sich an einer Art dubbigem Jamaica-Feeling. Mastermind DJ Ease, Sänger und Sängerinnen sind hellwach, als sie mit dem Übersong "Le Nuits" ihr Set starten. "Celebration, Celebation"-Rufe sollen sonst instrumentale Tracks stimmungsmäßig aufwerten und es wird sich ins Zeug gelegt, einen fast schon missionarischen Happy Vibe zu versprühen. Das Publikum dankt es und vertanzt sich die Beine, schließlich muss man auch fit bleiben für den nächsten Act, Roni Size.
Vanessa Romotzky

Ferropolis morgens um sechs, sieben, acht (?), die Morgensonne scheint, blendet den Master of Ceremony, der seit gefühlten 18 Stunden Roni Size am Mic begleitet und ein paar hundert Leute drehen einfach durch. Tun das schon seit Stunden. Nutzen den Platz zum Tanzen und Stampfen. Es nimmt kein Ende. Soll es auch nicht. Hinten stehen ein paar verrockte Gestalten, die sich das Ganze benommen anschauen. Was hier läuft? Genau weiß ich es auch nicht. Und das, obwohl ich dabei war. Der Bass geht einfach direkt in Bauch/Bein/Po und duldet keinen Widerspruch. Den hätte ich für die Backstage-Dame, die ein wenig blasiert meinte: "Drum'N'Bass ist so Neunziger." Das mag ja wohl stimmen, aber gerade jetzt und hier funktioniert er großartig. Besonders wenn er von einem sadistisch grinsenden Altmeister aufgelegt wird, der uns einfach nicht gehen lassen will.
Daniel Koch

Samstag, 15.07.2006, Big Wheel Stage. Der Soundmagier Jamie Lidell in seinem todschicken Morgenmantel löst (fast) nur mit seiner geloopten Stimme eine Euphoriesturm vorm Big Wheel aus und schmuggelt eine ganze Menge Soul auf den technoidesten Floor. Alles ist in Bewegung, nur ein Raver-Pärchen wirkt paralysiert, entweder auf Droge oder fassungslos ob der künstlerischen Performance - oder sogar beides.
Ansgar Fleischmann

Ach, die Jungs wieder. Kann man sich ein Melt! ohne die beiden Rocker aus Jena vorstellen? Nein, nein, nein. Das fängt schon bei diesem Ganzkörpereinsatz für die Sache ein. Da wird nicht nur geschwitzt und gedreht, da wird auch mal eben eine Flasche Wodka aus der Pulle nebenher getrunken. Musikalisch lieferten die Wighnomy Brothers wieder eines dieser kranken Cut´n´Humor´n´Bass-Sets ab, immer noch einne Spur gewagter, als man den wild pitch vom letzten Mal in Erinnerung hatte.
Thomas Venker



Dominik Eulbergs naturalistischer Technoansatz konnte sich natürlich vor dieser imposanten Kulisse frei entfalten, im Hintergrund der See und vorne dieses Wunderkind mit den vielen Flächen. So wurden auch die Grenzen zwischen Tier und Mensch auf der Tanzfläche fließend.
Sascha Gerster

Ellen Allien versorgt die vielen Tanzwütigen auf dem Big Wheel Stage mit ihrem gewohnt guten Melt!-Set, das dieses Jahr klanglich sehr von der kürzlichen Apparat-Kollaboration geprägt ist: Breite, melancholische Flächen, aber sehr treibend und dezent breakig. Vielleicht gibt es ja dieses Jahr endlich eine Live-Veröffentlichung, wir zumindest freuen uns schon mal.
Roland Wilhelm

Samstag, 15.07.2006, Gemini Stage. Radio Soulwax presents. Pitchtuner mussten es zeitgleich mit den Editors aufnehmen, sonst wären vielleicht noch mehr Menschen in den Genuss ihrer funkigen Melange aus Indie und Elektronik gekommen. Trotzdem nicht schwer für das sympathische Trio, das Gemini-Zelt bei Laune zu halten. So bemerkte doch Gitarrist Hannes sehr treffend: "Wir sind eine Tanzband!"
Ansgar Fleischmann

Das Pop regiert am zweiten Abend die Gemini Stage. Sagenhaftes Zusammenspiel des belgischen Poptrios, trotz Komplettausfall der Monitorboxen. Bent Van Looy, wie immer ein Genuss, ihn schwitzend, sitzend, auch mal stehend, aber vor allem rockend am Schlagzeug und Mikrofon zu sehen. Fucking unglaublich, sein gekonntes Zusammenspiel von Trommeln und Gesang.
Jasmin Lütz

Jamie Lidell und Matthew Herbert haben sich offensichtlich vorab in Sachen Bühnenoutfit abgesprochen: "Okay, wenn Du Dich traust, mach ich's auch!" Jedenfalls tragen beide bei ihren Auftritten eine Art Morgenmantel um die Taille geschwungen, der bei Herbert etwas königlicher und bei Lidell Jarvis-Cocker-mäßig nerdiger ausfällt. Herbert teilt sich die Bühne mit Soul-Sänger und -Sängerinnen, um die Songs seines neuen Albums "Scale", auf dem sehr viel Gesang arrangiert wurde, live umzusetzen. Obwohl alles ganz klar Herberts Handschrift trägt, überlagern so die Vocals ein wenig seine vertrackte elektronische Hexerei. Vielleicht liegt das aber auch am verzauberten Morgenmäntelchen, denn Lidell glänzt ja auch mit überbordender Soulfulness. Matthew Herberts Auftritt ist so oder so sicher eines der vielen Melt!-Highlights; ich kann nur nicht umhin, Dani Siciliano zu vermissen.
Vanessa Romotzky

Hier wird sich zugenickt. Du bist auch nicht bei den Streets? Das Festivalvolk ist in großer Erwartung, vielleicht haben die meisten schon einen früheren Gig von WhoMadeWho gesehen und wissen, was sie auf sie zukommt. Ich warte unvoreingenommen, aber ebenso tanzwillig. Da tauchen die Herren auch schon auf, mit Federn in Form von Engelsflügeln auf dem Rücken. Die passenden Lichteffekte zum Auftritt setzen erst später ein, egal, gekichert und sich zugeblinzelt wird, und zwar das ganze Konzert lang. Richtig, denke ich, bloß nicht sich selbst zu ernst nehmen. Nach einer kurzen Schrammel-Einleitung spielen sie den ersten Hit, "Rose". All diese fremden, gebräunten Menschen um mich herum beginnen zu tanzen, hüpfen und strahlen wie die Verrückten. Die Band versucht noch, mit eingelegten Pausen und Breaks ein bisschen Dramatik ins Set zu bringen, doch das ist längst nicht mehr nötig. Euphorie pur. Spätestens bei "Space to Rent" wartet keiner mehr auf den Refrain. Irgendwie springt alles durcheinander.
Amelie Schneider
Als ich das Melt! Line Up dieses Jahr in die Hände bekommen habe war meine Freude über das Booking von WhoMadeWho alles andere als gering. Immerhin haben mich die Dänen musikalisch bei so manchem Meilenstein im letzten Jahr musikalisch begleitet. Doch wie würde die Live-Umsetzung der Musik aussehen? Klar, das mit dem Bandnamen betitelte Erstlingswerk ist tanzbar. Richtig tanzbar. Aber nachdem die „Green Versions“ nachgelegt wurde, hatte ich meine Bedenken. Würde man vor der Gemini Stage für Bestuhlung sorgen müssen? Aber meine Zweifel waren völlig umsonst. Die Drei aus Kopenhagen brachten die Erde in Gräfenhainichen ebenso zum Erschüttern wie früher die riesigen Braunkohlebagger, unter denen das Festival stattfindet. Ganz in weiß betraten WhoMadeWho die Bühne. Mit Engelsflügeln auf dem Rücken! So ein extravagantes Outfit hätte ich lediglich von den Pet Shop Boys erwartet. Aber um mich jetzt weit aus dem Fenster zu lehnen: WhoMadeWho haben den alternden Herren, die am Vorabend auf der Mainstage auftraten, die Show gestohlen! Aber mal so was von! Eine ganze Stunde verlangten die Dänen dem Publikum alles ab, da blieb kein Auge trocken. Der Schweißperlen wegen natürlich. Die Live-Umsetzung war grandios: Der Sound klang nicht so reduziert wie auf der Platte, sondern schön flächig, alles durchdringend. Rock die Maus und ab nach vorne! Und da „Who Made Who“ bekanntlich auch eine LP von AC/DC ist, nahmen sich die Dänen deren epische Endlos-Werke wohl an einigen Stellen zum Vorbild, denn Songs wie der Smasher „Space For Rent“ wurden in einer wahnsinns Zehn-Minuten-Version zum Besten gegeben. Überhaupt haben die Dänen keinen klassischen „Band spielt auf Bühne vor Publikum“-Auftritt hingelegt, eher ein echtes Elektro-Live-Set mit immer steileren Spannungsbögen. Da folgte ein Höhepunkt dem anderen und die Begeisterungsgänsehaut durchschauderte mich wohlig während ich wild zum Beat zuckte. Da kommt man schon mal in Versuchung meltmeisterliche Schlachtrufe tatsächlich hinausgröhlen zu wollen: „So was hat man lange nicht gesehen! So schön! So wunderschöööööööön!“
Christina Bohn


Die Paten der samstäglichen Gemini-Stage, Soulwax, als ihr eigenes Remix-Projekt Nite Versions live. Dieser Knaller versprach viel und hält alles. Tanzbar bis zum Abwinken. Nur ein paar besoffene Idioten weniger hätte man sich vor der Bühne gewünscht, aber Hüpf-Hits wie "E-Talking" und "Another Excuse" entschädigten für manchen Ellenbogen in den Rippen und wurden bis weit über die Zeltränder hinaus frenetisch gefeiert.
Ansgar Fleischmann

2manydjs
Das 2manydjs-Set ist um einiges straighter als erwartet und weist, außer bei gewissen "Madonna-Momenten", nicht die Dichte an Superhits auf, die sie einem sonst um die Ohren knallen. Eher kommen die - natürlich genauso massenkompatiblen - Tracks von Acts wie Tiga oder Justice zum Einsatz. Das Tempo ist extrem hoch und die Euphorie am Limit, nur AC/DC zum Schluss ist für Typen wie mich ein ganz schöner Downer, und einen großen Unterschied zum darauffolgenden Digitalism-Set kann man eigentlich gar nicht feststellen.
Roland Wilhelm

Einmal mehr stellen sich Digitalism als Meister des retardierenden Moments heraus. Wieder und wieder durchbricht das Hamburger Kitsuné-Duo sein aufpeitschendes Live-Set mit ruhigen Phasen, macht selbst vor einem Cure-Sample nicht halt. Das Sternenlicht brennt schon längst nicht mehr über Ferropolis, aber ihr "Zdarlight" ertönt immer noch.
Ansgar Fleischmann

Es ist Sonntag Morgen, das Festival neigt sich langsam dem Ende zu, und der Gedanke „Jetzt muss ich die letzten Stunden noch bestmöglich nutzen, um glücklich schlafen gehen zu können“, füllt mein gesamtes Hirn aus. Roni Size und Dynamite MC haben unverschämterweise die „Zugabe“-Rufe des Publikums ignoriert und schon um 6:30 Uhr das Feld geräumt, so dass ich aufgeputscht zurückbleibe und entscheiden muss, wer weiterhin den Soundtrack zu meiner Körperschüttelei stellen soll. Die Wahl zwischen Mathias Kaden und Le Hammond Inferno fällt wegen des unbestreitbar größeren Prollfaktors auf letztere, und so finde ich mich an der Gemini Stage wieder, wo ich mich unter die anderen Dancefloorzombies mische. Die mitterweile aufgegangene Sonne enthüllt allerlei nackte blasse Oberkörper, weit aufgerissene Pupillen und Schweißflecken in T-Shirt-Achselhöhlen. Wer jetzt eine Sonnenbrille dabei hat, ist König. Aber LHIs Happydiscopogoibizahouse-Klänge bieten glücklicherweise ja jedem die Chance, sich cool zu fühlen, sofern er/sie nur genug von sich selbst überzeugt ist bzw. genug intus hat, um jeden aufgesetzten Hipness-Anspruch zu vergessen. „Krawall und Remmidemmi“ ist tatsächlich das einzige Stück, das mir konkret im Gedächtnis geblieben ist, doch lehne ich mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass bestimmt irgendwann im Laufe des Sets auch „Rocker“, „Never Be Alone“ und das eine oder andere Überbleibsel der Bastard-Pop-Welle zum Einsatz kamen. Als die Extra-Käse-Pizza in meinem Magen anmeldet, dass es mit dem Tanzen langsam genug ist, lasse ich die zappelnde Masse im Zelt hinter mir und begebe mich in Richtung Shuttlebus, wobei ich den Bounce-Bounce-Rhythmus beibehalte. Ein solider Abschluss. Messer und Gabel
Samstag, 15.07.2006, Melt! Klub @ ORANGERIE. Die Halle sieht schäbig aus, heruntergekommen und mit ihrer alten, schlichten DDR-Architektur einfach toll. Es würde ihr gut stehen, wenn ein paar der Fenster eingeschlagen wären. Es ist jetzt kurz nach acht und das Licht ist wunderbar golden. Perfekte Szenerie für die Musik von The Whitest Boy Alive. So friedlich und so Berlin irgendwie. Es ist unser erstes Konzert an diesem Abend und die perfekte Überleitung vom Badesee zur Festivalatmosphäre. Eine Wonne, in all die sonnengezeichneten Gesichter zu sehen. Erlend Øye steht die Band sehr gut, er scheint sich wohl zu fühlen, dass das Augenmerk nicht nur auf ihn gerichtet ist. Ich mag, dass der Bassist Marcin Oz Tennis-Shorts zu Turnschuhen trägt und wir tuscheln kurz über das selten gesehene Phänomen schöne Männerbeine. Dann wird geschwiegen und gelauscht. Eine selige Müdigkeit macht sich breit. Das ist aber auch einfach bei dieser Stimme, die einem schon so vertraut ist, von der man sich schon so lange so gerne einlullen lässt. Einen kurzen Moment kommt es mir so vor, wir wären alle persönlich eingeladen worden, an diesem in meiner Wahrnehmung ersten Whitest-Boy-Alive-Konzert teilzuhaben. Wer jetzt hier ist, kennt die Band entweder persönlich oder hat einen gut informierten besten Freund mit exzellentem Musikgeschmack. Denn gleichzeitig spielen Das Pop und Blumfeld, die zu sehen ja auch seine Berechtigung gehabt hätte.
Amelie Schneider

Trotz der großen Konkurrenz wie Tomte, Jamie Lidell und Herbert ist es in der Orangerie auf dem Festivalgelände brechend voll. Die Schlange vor dem Melt! Klub will nicht enden, als Peter Licht (alias Meinrad Jungblut) zum Auftritt bittet, um seine neue Platte "Lieder vom Ende des Kapitalismus" live zu präsentieren. Keiner wusste, ob er heute im Halbschatten, gedoubelt oder als Kartoffel die Bühne betreten würde. Doch das Publikum wird Zeuge einer der wenigen Auftritte, bei dem sich der Künstler höchst persönlich die Ehre gibt. Souverän, als wäre er schon jahrelang Abend für Abend durch die Klubs gezogen, liefert er sich nur mit Gitarre und vom Keyborder begleitet der erstaunlich textsicheren Meute aus. Die beiden schelmischen Herren, selbst ein wenig überrascht über so viel Feedback von der Zuhörerschaft, haben sichtlich Spaß an ihrem Auftritt, wie man auch am Dauergrinsen des Klavierspielers sehen kann. Immer wieder werden alle zum Mitsingen hingerissen. Und nach den Hits vom neuen Album sowie einiger alter Stücke wie "Ihr Lieben 68er" oder "Heiterkeit" muss das Publikum nicht erst groß überredet werden, einen Chor zu "Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt" anzustimmen, der mit seinem Enthusiasmus selbst den Sänger vom Sithar-Spielen abhält. Zum Schluss natürlich noch "Sonnendeck" und die Masse fließt glücklich und zufrieden wieder in Richtung der anderen Bühnen. Ein sehr gelungener Auftritt.
Benjamin Ikes

Battles nehmen beim diesjährigen Melt! so etwas wie eine Sonderrolle ein, denn Postrock-Bands aus dem amerikanischen Underground waren in Gräfenheinichen nie wirklich überrepräsentiert. Trotzdem schaffen sie es bei ihrem samstäglichen Auftritt im Melt! Klub, auch Elektro-Connaisseure zu überzeugen, denn ihre Instrumentaltracks sind so virtuos wie rhythmisch stringent und tanzbar, ganz so, als ob sich die die Leute um Ex-Helmet-Schlagzeuger John Stanier extra ein neues Set fürs Melt! ausgedacht hätten. Nicht nur deshalb passen sie gut in die ordentlich gefüllte, aber keinesfalls übervolle Orangerie, in der sie nach einer guten Stunde fast alle Anwesenden mit offenen Mündern zurücklassen und als Teil des Warp-Specials offenbarten, wie vielseitig und findig dieses einstmals als reines Elektronik-Label gestartete Unternehmen immer noch ist.
Christian Steinbrink

Da in der kleineren Extra-Konzert-Location, der Orangerie, darauf geachtet wird, dass es drinnen noch angenehm bleibt und man daher draußen einen Moment Schlange steht, spähe ich zunächst eine zeitlang durchs Fenster. Das scheint gut zu Kante zu passen, dieser Blick durch eine Spalte, eine Art anonyme Intensität, wie man da mit ein paar Anderen der Band zuschaut. Aber auch drinnen ist es nicht minder besonders. Kante tragen in ihren Songs nach wie vor eine Dringlichkeit, eine Unruhe wie im Titel ihres neuen Albums. Die neuen Stücke wie "Die Wahrheit" gehen schlicht ins Mark. In diesem Stil wird dann auch mit "Die Summe der einzelnen Teile" das Set würdig geschlossen. Und laut Frisurkunde verraten Peter Thiessens lange Haare und Bart übrigens auch optisch eine Art Verweigerungshaltung, eine Konzentration auf Musik.
Vanessa Romotzky

Mann, sah der müde aus, als er auf dem Festivalgelände ankam - und kein Wunder, es führen zwar alle Wege nach Rom, aber das machte den Rückweg von Schneider TMs Auftritt in der italienischen Hauptstadt am Vorabend auch nicht kürzer und weniger anstrengend. Bis zu seiner stage time ist er aber wieder voll am Start und performte mit seinem partner in crime Cpt. Michigan einmal mehr eines dieser mitreißenden Schneider-TM-Sets, die uns immer wieder zeigen, warum wir ihm damals so gerne von Indie zu Elektronik gefolgt sind. Nur zu heiß war es im Melt! Klub. Puh....
Thomas Venker