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D2001

Mein Bruder der Vampir

(R: Sven Taddicken; D: Roman Knizka, Hinnerk Schönemann, Marie Luise Schramm, Julia Jentsch) Es gibt in Sven Taddickens Langfilmdebüt “Mein Bruder der Vampir” eine Szene, in welcher der von Alexander Scheer dargestellte Kleinkriminelle Manu einen Tanz aufführt, der gleichzeitig Hommag
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(R: Sven Taddicken; D: Roman Knizka, Hinnerk Schönemann, Marie Luise Schramm, Julia Jentsch)

Es gibt in Sven Taddickens Langfilmdebüt “Mein Bruder der Vampir” eine Szene, in welcher der von Alexander Scheer dargestellte Kleinkriminelle Manu einen Tanz aufführt, der gleichzeitig Hommage als auch Parodie auf die berühmte “Singin’ In The Rain”-Szene in Kubricks “Clockwork Orange” ist. Scheer, brillant in “Sonnenallee”, katastrophal in “Victor Vogel”, darf hier als junger Malcolm McDowell Filmgeschichte zitieren, und die Reduktion seiner Nummernrevue auf einen trostlosen Plattenbauten-Spielplatz und einen alten Kassettenrekorder steht repräsentativ für die Transformation der großen Themen Kubricks auf den Mikrokosmos der Kleinfamilie bei Taddicken. Eindringlinge wie Scheer müssen diesmal draußen bleiben. Man müsste schon den Schluss des Films preisgeben, will man “Mein Bruder der Vampir” und seiner Aussage gerecht werden. Hier nur soviel: Die Schlusseinstellung ist von Andrew Birkins “Zementgarten” abgeschaut, aber viel schonungsloser und doch humoristischer. Es geht also um die Kleinfamilie und den Versuch der Flucht. Es geht auch um die Pubertät und die erste Liebe, um die Schwierigkeit, sich aus vertrauten Mustern zu befreien; eigentlich um die Schwierigkeit, überhaupt zu leben. “Mein Bruder der Vampir” ist ein weiterer Film über Teenage-Angst, er geht dabei aber viel weiter als der biedere “Crazy”, gleicht in der Radikalität, in der die Gefühle Jugendlicher dargestellt werden, die aus dem einen oder anderen Grund am Rande der Gesellschaft stehen, eher Almut Gettos jüngst gelaufenem Film “Fickende Fische”. Die Rollenverteilung ist dabei klar: Der Vampir, der geistig zurückgebliebene, 30jährige Bruder Josch, sehnt sich nach denselben Gefühlen, die sein kleiner Bruder hat. Und das sind in der visuell geprägten Welt des Vampirs nun mal die Wonnen körperlicher Liebe. Der selbsternannte “Fürst der Finsternis” beobachtet den Bruder beim Verkehr mit seiner hübschen Freundin; die kleine Schwester Nic, selbst auf der Suche nach der großen, ersten Liebe, unterstützt ihn bei diesen nächtlichen Erkundungsreisen. Im Laufe des Films merkt man, dass die scheinbar Normalen eine größere emotionale und sexuelle Inkompetenz offenbaren als ihr behinderter Bruder. Das bewegt sich manchmal gefährlich in der Nähe zum Gutmenschen-Film, aber Taddicken bekommt stets die Kurve und verfängt sich nur selten in Klischees. Und wer Roman Knizka als prolligen Versager aus Vanessa Jopps “Vergiss Amerika” in Erinnerung hat, wird seine Verwandlung in den Fürsten der Finsternis als schauspielerische Meisterleistung fraglos zu schätzen wissen.