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»Mehr als 75% des Materials, das ich anhäufe, bekommt niemand zu hören«

Hudson Mohawke

Der aus Glasgow stammende Produzent Ross Birchard hat in den letzten drei Jahren den Durchbruch geschafft. Der Schotte, der dem LuckyMe-Produzentenkollektiv angehört, stieß mit seinen HipHop/Turntablism-geschulten Wonky-Produktionen auch abseits enger Szenezusammenhänge auf großes Interesse.
Geschrieben am

So heuerte der Rapper Kanye West den 26-jährigen Hudson Mohawke als Produzenten für sein Crew-Album »Cruel Summer« an. Just nach einem weiteren Studioaufenthalt mit West bot sich Thomas Venker die Gelegenheit, mit Birchard über seine musikalische Reise zwischen den Welten zu sprechen.

Was muss ein Sound haben, dass er dich interessiert?
Er muss einen emotionalen, psychologischen Effekt auf mich ausüben. Ich kann gar nicht sagen, dass er genau diese oder jene Eigenschaft benötigt, er muss es generell schaffen, meine Aufmerksamkeit zu erwecken.

Denkst du vor dem Produzieren viel darüber nach, wohin deine Soundreise gehen soll?
Ich bemühe mich, nicht zu viel darüber nachzudenken. Wenn man zu fokussiert an eine Produktion herangeht, kann das auch kontraproduktiv sein, da es die Perspektive einengt. Im besten Fall schält sich während der Arbeit eine hoffentlich eigenständige, kraftvolle Ästhetik heraus.

Bringt dieses prozessorientierte Arbeiten mit sich, dass du viel Material aussortierst?
Mehr als 75% des Materials, das ich anhäufe, bekommt niemand zu hören. Das klingt nach viel Ausschuss, aber ich wäre gerne noch vorsichtiger bei der Auswahl. Meistens ist es aber so, dass, wenn das eine Projekt in der Schlussphase steckt, schon das nächste ansteht.

Wie viel Zeit verbringst du im Studio?
Das kommt darauf an, ob ich viel reise in einer Woche oder ob Kollaborationen anstehen. Wenn ich keine derartigen Verpflichtungen habe, dann bin ich eigentlich jeden Tag im Studio.

Vielleicht kannst du ein bisschen zu deiner Arbeitsweise erzählen. Wie gehst du an Produktionen heran?
Ich bin, wenn ich nicht gerade mit anderen zusammenarbeite, immer alleine in meinem dunklen Studio, weit weg von der Welt. Was nicht heißt, dass ich die Kollaborationen oder die zuletzt häufiger stattgefundenen Mainstream-Projekte, bei denen viel mehr Leute involviert sind, nicht zu schätzen gelernt habe. Man muss sich, wenn man aus meiner Welt kommt, nur erst daran gewöhnen, dass bei jemandem wie Kanye West immer zehn Leute im Studio mit rumhängen. Unsere Welten haben wenig miteinander zu tun, wenn man die Rahmenbedingungen von Aufnahmen betrachtet, aber wenn es um die konkreten Aufnahmen geht, sind die Unterschiede eher marginal. Wir haben uns in den letzten Jahren angenähert und in der Mitte getroffen: Kanyes Sachen sind experimenteller geworden, und meine Sachen sind weniger experimentell als früher.

Sprichst du mit Künstlern wie Kanye West darüber, was sie an deinen Sounds reizt? Sprichst du generell mit ihnen über aktuelle Musik?
Leute wie Kanye sind viel offener für Musik, als ich früher vermutet hätte. Ihr Umfeld spielt ihnen oft Neues vor, allein schon, da sie wissen müssen, was abgeht, wenn sie an der Spitze der Popwelt bleiben wollen.

Du hast für Björk ihr Stück »Virus« remixt. Inwieweit unterscheidet sich deine Arbeit als Remixer von deiner Arbeit als Produzent in eigener Sache?
Ich kannte Björk vorher nicht, hatte sie aber ein paarmal live gesehen, was mich sehr beeindruckt hat. Ich fertige nicht viele Remixe an. Ein Stück muss mich schon sehr überzeugen, dass ich eine Anfrage nicht ablehne. Dann aber kann es toll sein, etwas Neues aus dem Alten zu formen.

War es ein gemeinsamer Prozess?
Da ich meistens ablehne, habe ich es mir angewöhnt, dass ich kein Reinreden akzeptiere. Ich mache das Stück genau so, wie ich es für richtig halte, und dann ist der Remix fertig.

Gibt es aktuell andere Produzenten, die dich inspirieren?
Es gibt einige Leute, die ich mag und die leider noch nicht genug wahrgenommen werden von der Öffentlichkeit. Ich denke an James Pants und Dimlite, die beide auf Stones Throw veröffentlichen. Ich schätze es, wenn Produzenten experimentell arbeiten, nicht nur Beats basteln, sondern sehr gute, durchdachte Musik konstruieren. Ich bin ein großer Four-Tet-Fan.

Siehst du einen speziellen Sound, der 2013 kommen wird?
Der Sound von 2013 passiert schon. Es ist der Sound von Leuten wie Rustie und mir. Wir hoffen, dass wir unsere Produktionen im nächsten Jahr noch bekannter machen können.

Wobei du schon viel erreicht hast. Hättest du vor drei Jahren, als du bei Warp unterschrieben hast, gedacht, dass du nur kurze Zeit später regelmäßig mit Kanye West im Studio sein würdest?
Wenn man zu viel über solche Dinge nachdenkt, kommt man zu nichts. Andere zu bewundern stört nur, letztlich sollte man die Dinge leben, wie sie kommen, und mit einem Star arbeiten, als ob ein Freund neben einem sitzt. Aber hin und wieder muss ich mich kneifen, dass ich jetzt machen kann, was ich immer machen wollte.

Du kennst sicherlich die Sound-Apps von Björk und Brian Eno. Interessiert dich das Medium?
Ich bin an alternativen Albumpräsentationsformen interessiert und verfolge die Entwicklungen. Ich weiß aber nicht, ob eine App der richtige Weg ist. Björk und Brian Eno sind beide an einem Punkt in ihrer Karriere angekommen, wo sie nicht mehr groß über Albumverkäufe nachdenken müssen, da sie das Maximum dessen, was sie erreichen wollten, geschafft haben. Ihnen geht es heute eher um den Kunstaspekt. Das sieht bei mir anders aus, ich bin noch nicht so bekannt. Ein solcher Schritt käme für mich zu früh.

Was ist denn das Maximum, das du für dich siehst? Die Chartsspitze?
Die Charts sehe ich als nicht realistisch für meine Soloproduktionen. Aber es wäre schön, wenn ich mit meinem nächsten Album als eigenständiger Künstler wahrgenommen und nicht wie bislang unter irgendeiner Soundzuschreibung in ein Fach mit anderen Künstlern einsortiert würde. Davon träume ich, und dafür muss ich noch hart arbeiten.