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Musikalische Zeitgeistschnittchen

Max Richard Leßmann im Gespräch

Jede Zeit braucht ihre Chronisten. Dass Vierkanttretlager-Frontmann Max Richard Leßmann schon länger ein Auge auf diesen Job geworfen hat, dürfte spätestens seit dem 2015 veröffentlichten »Krieg und Krieg« klar sein. Mit seinem ersten Soloalbum »Liebe in Zeiten der Follower« singt Leßmann jetzt über die Zerrissenheit der Welt und die Romantik im Digitalen.
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Mit dem Namen Max Richard Leßmann hat man zwei Möglichkeiten: Man wird Sparkassenfilialleiter in Herne oder strebt eine ernsthafte Musikerkarriere an. Dazwischen liegt vermutlich nicht viel. Wenn man das Soloalbum von Leßmann hört, ist man froh, dass er keine Bausparverträge verkauft. Mit »Liebe in Zeiten der Follower« hat Leßmann seinen Platz gefunden und serviert der Welt feinste musikalische Zeitgeist-Schnittchen.

Während auf dem letzten Vierkanttretlager-Album »Krieg und Krieg« eine große Wut auf die Welt zu hören war, tritt Leßmann solo aus der Dunkelheit ins Licht. Das mag für Freunde der härteren Töne wahrscheinlich erst mal ein Schock sein, stellt aber tatsächlich gar keinen so krassen Bruch dar, wie er erklärt: »›Liebe in Zeiten der Follower‹ ist so etwas wie das Negativ von ›Krieg und Krieg‹. Es geht darum, liebevoller zu sein. Auf ›Krieg und Krieg‹ wollte ich einen Widerspruch erzeugen und provozieren, indem ich singe: ›Die Welt ist schlecht. Alle müssen sich umbringen.‹ Ich singe das nicht, weil ich es wirklich glaube. Ich wollte, dass die Leute sagen: ›Nein! Das stimmt nicht! Es ist nicht alles schlecht! Ich will mich nicht umbringen!‹« An diesen Schrei nach mehr Liebe knüpft jetzt also das neue Album an – mit swingenden und fein komponierten Melodien, die nach dem ersten Hören nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Keine Frage: Diese Songs wurden geschrieben, um zu bleiben. Genau das war auch Leßmanns Absicht: »Für mich ist die Vorstellung ganz schön, dass jemand in 30 Jahren das Album hört und ein ähnliches Gefühl bekommt wie ich, wenn ich heute Frank Sinatra höre. Ich wollte das Gefühl dieser Zeit abbilden.«

Das Fundament seines Albums ist Leßmanns Liebe zur Sprache. Die spürt man zum Beispiel auf der zweiten Single. Mit der Zeile »Ich wünschte, dass ich niemanden mehr kennte« erweckt er den wunderschönen Konjunktiv II zum Leben und zeigt, was man mit der deutschen Sprache alles machen kann. Und »Weil ich dich favorisier, folge ich keinem Menschen außer dir, weil du mein Herz administrierst, hast du alle anderen ausradiert« ist eine Liebeserklärung, die bei Millionen Deutschlehrern vermutlich für feuchte Träume sorgt. Sein liebevoller Umgang mit der deutschen Sprache geht Hand in Hand mit einer Wertschätzung für musikalische Nostalgie, die von Sebastian Madsen, der das Album produziert hat, behutsam arrangiert und interpretiert wird. Da finden sich deutliche Anlehnungen an die 20er-Jahre und die Comedian Harmonists, aber auch ein schwelgender Tango wie in »Die Welt hinter den Worten« oder Streicher in »Ein Lied aus Dir«, die dem Vorspann eines alten James-Bond-Songs entliehen sein könnten.
Sebastian Madsen beschrieb das Musizieren mit Leßmann so: »Wenn ich mit Max gemeinsam Musik mache, dann muss ich nicht viel nachdenken. Die Akkorde flutschen wie von selbst aus meinen Fingern.« Diese Leichtigkeit ist dann auch der alles bestimmende Ton dieses Albums. Hier ist nichts schwer, und in den schönsten Momenten klingen die Songs nach einer Zeit, in der elegante Menschen in Italien am Gardasee unter lachsfarbenen gestreiften Sonnenschirmen Campari auf Eis trinken, rauchen und leben, als wenn es keine Krisen und Kriege gäbe.

Trotzdem bleibt das Album durch seine Texte nie in dieser Nostalgie hängen. Im Gegenteil: Leßmanns Wertschätzung gegenüber dieser verwirrten Internet-Follower-Welt, in der wir alle leben und liken, bietet einen spannenden Kontrast, der nicht nur im Titel deutlich wird. Max Richard Leßmann gelingt es mit Beobachtungsgabe und Charme, das flüchtige Hier und Jetzt in seinen Songs festzuhalten, ohne dabei wie ein Max Raabe in der eigenen Figur gefangen zu sein. »Liebe in Zeiten der Follower« wächst dank aller Beteiligten besonders in seiner Detailverliebtheit über sich hinaus. So wurde das Video zu »Spuren auf dem Mond« zum Beispiel in Lissabon am Tag des Supermondes bei natürlichem nächtlichen Licht gedreht. Und zum Album bekommt man die »Romantische Allgemeine«, eine auf altrosa Papier gedruckte Zeitung, in der sich begleitende Texte zum Produktionsprozess finden. Dieses Gesamtwerk zeigt, dass die Leichtigkeit des Albums nicht vom Himmel gefallen ist, sondern dass viel Arbeit dahintersteckt. Das Leichteste der Welt ist eben nur dann leicht, wenn man es wie einen perfekten Zaubertrick tausend Mal geübt hat und sich seiner selbst sicher ist.

»Liebe in Zeiten der Follower« enthält viele musikalische Fußnoten und Referenzen, ohne jemals ironisch zu sein. Wie auch Dagobert meint Max Richard Leßmann die Sache mit der Romantik ernst. »Es gibt so viele Künstler, die sich hinter dieser ironischen Pose verstecken und bei denen alles an der Ironie abperlt, das wollte ich nie. Mit Ironie hält man Menschen auf Abstand; mir ging es immer schon darum, komplett aufzumachen.« Wer liebt, macht sich verletzlich, vielleicht ist das die einfachste und wichtigste Nachricht dieses Albums. Max Richard Leßmann schreibt und redet schlau über die Zeiten, in denen wir leben. Das muss man nicht mögen, aber man sollte den Mut schätzen, dass jemand etwas Neues wagt. Wäre dieses Album ein Tier, es wäre wahrscheinlich ein Königspudel: leicht aus der Mode gekommen, majestätisch, aber trotzdem mit der nötigen Hipster-Eleganz, die dadurch entsteht, dass man der Welt immer einen stilsicheren Schritt voraus ist. Dieses Album ist ein Geschenk, weil es alles Destruktive dieser Zeiten auf Abstand hält und die Ästhetik des Lebens zelebriert. Sicher gibt es Leute, die schöne Dinge grundsätzlich für banal halten und Romantik scheiße finden, denen ist allerdings generell nicht mehr zu helfen. Der Rest der Welt darf sich zu »Liebe in Zeiten der Follower« zurücklehnen, der Romantik eine neue Chance geben und dabei lässig und fußwippend mit Campari auf die Leichtigkeit des Seins anstoßen.

Max Richard Leßmann

Liebe in Zeiten der Follower

Release: 21.07.2017

℗ 2017 Max Richard Leßmann, under exclusive license to Caroline International, a division of Universal Music GmbH