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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Soulbruder Nummer Eins

Max Herre

Wer die Entwicklung von HipHop und anderen nach Deutschland transferierten schwarzen Popmodellen wie Soul, R’n’B und Reggae nachvollzieht, kommt um den Namen Max Herre nicht herum. Als »Jesus des deutschen HipHop« hat ihn mal jemand bezeichnet. Weil er »politisch« war und so sanfte Augen hatte. We
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Wer die Entwicklung von HipHop und anderen nach Deutschland transferierten schwarzen Popmodellen wie Soul, R’n’B und Reggae nachvollzieht, kommt um den Namen Max Herre nicht herum. Als »Jesus des deutschen HipHop« hat ihn mal jemand bezeichnet. Weil er »politisch« war und so sanfte Augen hatte. Weil er einen kurzen Vollbart unter den dunklen Locken trug. Weil er nicht grimmig unter dem Base-Cap hervorlugte. Weil er 97 mit dem Freundeskreis Soul und Native-Tongue-HipHop (xxxLink1xxx) in die deutschsprachige Beat-und-Reime-Kultur einführte und damit den Mainstream eroberte. Weil Deutschland Lust auf Haut und Seele hatte. In jenem heißen Sommer 97.

Anna 97

Die Girls im Alter von 19 bis 32 schwitzten in der Hamburger MTV-Zentrale. Trotz luftiger Hüfthosen aus federleichten Zeltstoffen, trotz nabelfreier Spaghetti-Tops, trotz Designer-Badelatschen. Im Großraumbüro der Marketing- und Presseabteilung stand in der Mitte ein großer Fernseher. Dort lief, ratterte und smoothte, natürlich, den ganzen Tag lang MTV. »Ooaah, das ist so toll!!!« rief es erst aus einer Ecke, dann aus mehreren, immer dann, wenn das sehr körperliche Freundeskreis-Video ›A.N.N.A.‹ in der Tagesrotation zu sehen war. Von hinten wie von vorn. Und das geschah von Woche zu Woche immer öfter. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein anderes Video in diesem Sommer ähnliche Reaktionen in der Belegschaft auslöste. ›A.N.N.A.‹ musste ein Hit werden. Nicht nur, weil Deutschland Mitte der Neunziger Soul und den neuen R’n’B in die Arme geschlossen hatte. Nicht nur, weil es uns gut ging, nicht nur, weil die Zeichen auf »neue Möglichkeiten« standen: HipHop-Boom, Medien-Boom, neue Jobs und einen Herbst später sogar eine sexy fortschrittliche rot-grüne Regierung. ›A.N.N.A.‹ wurde natürlich vor allem deshalb ein Hit, weil es einfach ein super Song war. Und Max Herre ein Rapper, dem man zuhören mochte. Auch wenn man über 20 war, klebte man bei ihm mit dem Ohr an der Box. Einfach nur, um die Worte und Reime, um Max Herres gepresste Stimme, seinen interessanten Flow, der so herrlich tief in der warmen Musik lag, ganz genau verstehen zu können. Doch Max wurde bald mehr als nur der sanfte Rapper aus Stuttgart. Neben den zwei erfolgreichen Freundeskreis-Alben battelte er sich mit ›Tabula Rasa‹ erstaunlich hoch hinaus in die deutschen Charts. Es war der erste Battle-Rap/Dancehall-Tune in der deutschen Hitparade. Gleiches gelang ihm mit dem ersten deutschen Roots-Reggae (›Halt Dich An Deiner Liebe Fest‹) und, ganz wichtig, dem ersten deutschen High-Class-R’n’B-Hit (›Mit Dir‹). Keine Frage, um das Jahr 2000 herum war Max Herre längst nicht mehr nur noch auf HipHop unterwegs. Er war der spin doctor hinter dem kommunitaristischen Reggae-Soul-Jazz-Rap-Projekt FK Allstars und zuletzt Produzent des Top-10-Albums ›Mamani‹ seiner Partnerin Joy Denalane. In den letzten Jahren hat man den 31-jährigen Stuttgarter, der seit zwei Jahren mit Joy und mittlerweile zwei Kindern in Berlin lebt, immer seltener im klassischen HipHop-Kontext erlebt. Der eine oder andere war überrascht, als Max Herre vor kurzem mit der Single ›Zu Elektrisch‹ mit einer Battle-Hymne zurückkehrte und dass er nun gar mit einem Rap-orientierten Album aufwartet.

Max Herre 2004

Über die Arbeit an deinem neuen Album ›Max Herre‹ sagst du, dass du dich deswegen wieder für HipHop interessiert hast. Was gefällt dir am neuen HipHop?
Die Leichtigkeit. Ich finde gerade bei Leuten wie Jay Z, dass Rap heute sehr natürlich klingt. Dass er viel stärker noch als früher einen gesprochenen, erzählerischen Ansatz hat. Die Leute, die ich jetzt mag, sind Leute, die wirklich erzählen und homogen klingen. Wie in Songs eben. Weil sie sich nicht reinzwängen in Patterns. Auch weil ihre technischen Möglichkeiten auf einem Niveau sind, dass alles natürlich klingt.
Das einzig wirklich Erfolgreiche im deutschen HipHop der letzten Zeit ist Sido. Meinst du, dass diese sehr aggressiven Role-Models die Zukunft des deutschen Rap sind?
Das ist eine Zukunft von deutschem HipHop. Ich glaube, dass deutscher HipHop einfach auch für andere Leute ein Sprachrohr geworden ist. Das finde ich gut. Auch wenn sie mit dieser Ghetto-Romantik kokettieren oder das sogar mystifizieren. Aber dass sie es als eine deutsche Realität aufzeigen, finde ich gut. Ich komme aus einer Zeit, wo die Leute gesagt haben: »Hey, deutscher Rap kann nicht funktionieren. Es gibt doch gar keine Ghettos hier!« Das stimmt einfach nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass man nicht aus dem Ghetto kommen muss, um eine Berechtigung zum Rappen zu haben. Das muss man spätestens seit De La Soul und A Tribe Called Quest nicht mehr.
Hast du eine Erklärung dafür, dass gerade das im Moment so erfolgreich ist in Deutschland?
Es gibt halt wenig deutschen Rap insgesamt zur Zeit. Man muss das aber auch als Post-Eminem-Phänomen sehen. Diese »White Trash«-Ästhetik hatte dadurch einen wahnsinnigen Hype. Es gab diese Enttabuisierung der Sprache und des Sexismus – das hat eine starke Anziehungskraft auf Jugendliche. Wenn einfach jemand kommt und alles sagt. Ohne irgendein Schamgefühl oder das Bewusstsein für eine Verantwortung.
Du selbst hast ja das konträre Image zu Sido: der sanfte Max, der Intellektuelle. Geht dir das manchmal auf die Nerven?
Auf jeden Fall. Das hat mir auch nachgehangen und dazu beigetragen, dass ich nach 2000 keine Lust mehr hatte, das zu machen. Das mediale Bild von mir hat sich so verselbständigt. Natürlich habe ich ein Stück weit selbst Schuld dran. Aber als junger Musiker hast du das auch nicht so auf dem Schirm, was man anstößt mit bestimmten Aussagen und Themen, einer bestimmten Ästhetik. Aber es ging mir schon extrem auf den Geist. Abgestempelt zu werden auf das Polit- und Intellektuellen-Image. Das war einfach nur ein Teil unseres musikalischen Selbstverständnis’, dass man eben auch was über Politik macht.
Würdest du daran etwas ändern im Nachhinein, wenn du es könntest?
Ich glaube, dass wir auch wichtig waren für die Entwicklung von deutschem HipHop. Auch in unserer Haltung den Medien gegenüber. Dass wir gesagt haben, wir wollen bestimmte Zeitungen nicht bedienen und die und die Sendungen nicht machen. Wir wollen nicht Playback spielen. Ich denke, dass das auch ein Umdenken bewirkt hat. Deshalb würde ich es nicht rückgängig machen wollen.

Native-Tongue-Movement Ähnlichen Idealen verpflichtetes Kollektiv der frühen 90er aus HipHop-Acts wie De La Soul, A Tribe Called Quest oder Jungle Brothers. Kennzeichen: gewaltfreie, politische, concious Lyrics. Musikalisch gerne mit Soul- und Jazz-Zitaten. Gegenpol zum ökonomisch weitaus erfolgreicheren Gangsta-Rap. Heute gerne mit dem Präfix »Revival« gedroppt, wenn es um Künstler wie Common, Mos Def oder Black Eyed Peas geht.

Charts-Maxe auf einen Blick Freundeskreis: ›Die Quadratur Des Kreises‹ (1997, höchste Position: No. 12, in den Charts: 21 Wochen, verkaufte Alben: 170.000), ›Esperanto‹ (1999, No. 3, 29, 300.000). Die erfolgreichsten Singles: ›A.N.N.A.‹ (1997, No. 6, 19, 250.000), ›Mit Dir‹ (1999, No. 9, 19, 225.000) FK Allstars: ›En Directo‹ (2000, No. 30, 10, 60.000) Joy Denalane: ›Mamani‹ (2002, No. 8, 23, 130.000)