×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war’s in Duisburg: Der Plan ist schlecht

Massive Attack v Adam Curtis

Die Ruhrtriennale ist für Massive Attack der perfekte Ort für die Emanzipation vom Pop-Geschäft. Mit einer gewaltigen Multimedia-Performance gemeinsam mit dem BBC-Dokumentarfilmer Adam Curtis setzen sie ihre eigenen Songs und die vieler Kollegen in einen neuen, politisch kraftvollen und expliziten Bedeutungszusammenhang, ohne dabei auf kraftvolle, poppige Reize zu verzichten.
Geschrieben am

31.08.2013, Duisburg, Landschaftspark Nord

 

Den Fehler, einen Auftritt einer Popband im Rahmen eines Kulturfestivals wie der Ruhrtriennale für ein Popkonzert zu halten, macht man immer nur einmal im Leben. Zum Glück sind es an diesem dritten Tag der Aufführung von Massive Attack und Adam Curtis nur sehr wenige Unglückliche, die eigentlich mit der Intention nach Duisburg gefahren waren, zu »Unfinished Sympathy« oder »Teardrop« auf alte Zeiten zu tanzen. Denn zu Tanzen gibt es hier nur wenig. Auch wenn die Reize der Vorführung sicher nicht nur schwer zu durchschauen sind.

 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Massive Attack sich für zu würdevoll und vielleicht auch für zu alt halten, den Mechaniken des Pop-Betriebs noch weiter Rechnung zu tragen. Ihr letztes Album »Heligoland« liegt drei Jahre zurück, und auch die Auftritte zu dieser Veröffentlichung hielten sich in einem sehr eng gesteckten Rahmen. Dass Robert Del Naja schon lange an anderen Kunstformen arbeitet, unterstreicht »Massive Attack V Adam Curtis« aufs Deutlichste – auch wenn sich streng genommen auch jede beliebige andere Band hier hätte auf die Bühne stellen können.

 

Der Abend beginnt in der gigantischen Kraftzentrale mit einer Paukenschlag: An etwa der Hälfte des Gebäudes werden bewegte Bilder projiziert, an beide Seiten und den Kopf der Halle bis hoch an die Decke. Man sieht den Film des britischen Filmemachers Adam Curtis in vielfacher Ausführung, zumeist wird dasselbe Bild mehrfach projiziert, manchmal ergänzen sich die einzelnen Ausschnitte auch. Erst nach den Eingangssequenzen des Films tritt die Band hinter der Leinwand der Kopfseite der Halle auf, die einzelnen Musiker werden kurz vom Scheinwerferlicht erfasst, danach liegt der Fokus wieder vollkommen auf Curtis’ Film.

 

Man muss wissen, dass gerade Robert Del Naja entscheidend in die Entstehung des Films eingebunden war. Weiß man das nicht, kann man leicht den Eindruck gewinnen, Massive Attack seien nur aus Gründen ihrer Prominenz Teil des Projektes – wirklich maßgeblich ist ihre Show für die Vorführung nicht. Schließlich sind »Safe From Harm« und »Karmacoma« die einzigen »eigenen« Songs, die die um drei Musiker und die Sänger Horace Andy und Elizabeth Fraser (Cocteau Twins) verstärkte Band an diesem Abend spielt. Der Rest sind fast ausschließlich Coverversionen von Songs der 1970er bis 1990er: Von Burt Bacharach bis Nirvana, von Leadbelly über Bauhaus bis The Jesus & Mary Chain und Mudhoney – viele oft bis an die Grenze zur Unkenntlichkeit verfremdet.

 

 

Die gemanagte Welt

 

Das Kern- und Glanzstück der Vorführung macht aber der Film von Curtis und Del Naja aus, wobei die Zuschreibung »Dokumentation« viel zu kurz gegriffen ist. In acht Akten führen die beiden ein System von Weltpolitik aus, in denen oft der Begriff der »gemanagten Welt« als Leitmotiv fällt. Es geht um Erklärungsversuche und die letztendliche Unerklärbarkeit gesellschaftlichen Handelns. Sie verbinden dafür Einzelschicksale und Biographien mit weltpolitischen Ereignissen wie etwa der Tschernobyl-Katastrophe oder der Hinrichtung des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu und seiner Ehefrau mit Biographien eher unbekannter, aber einflussreicher Akteure wie Physikern oder Börsenmaklern. Das Bild, das sie von der Welt seit den 1970ern skizzieren, ist düster, explizit ohne den Eindruck von Hoffnungslosigkeit zu erwecken. Curtis’ und De Najas Motive sind oft nachdenklich und pessimistisch, gleichzeitig aber kraftvoll und enorm ausdrucksstark. Da kommt auch die Musik ins Spiel – eine Soundkulisse, die die Bedrohung auch mal in Form von Kakophonie oder krachendem Feedback untermalt.

 

Gute zwei Stunden dauert das Schauspiel, ohne dass die Dringlichkeit und Vehemenz seiner Aussage irgendwann zurückstecken würde. Es ist beeindruckend, manchmal gar überfordernd, immer jedoch erreicht die Botschaft selbst diejenigen, die eigentlich für ein entspanntes Trip-Hop-Set gekommen sind. Es ist ein starkes Stück einer starken Ruhrtriennale, deren explizite Suche nach neuen Darstellungsformen offenbar Früchte getragen hat. Und ganz ohne frohe Botschaft geht auch niemand der Besucher in der ausverkauften Kraftzentrale nach Hause: » The future is full of possibilities. You can make anything happen«, wird allen in der letzten Projektion noch mal ins Gedächtnis gerufen. »Now find your own way home«.