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So war’s beim Manchester International Festival: Der blaue Anzug

Massive Attack v Adam Curtis

Bevor Massive Attack ihre gemeinsamen Auftritte mit Adam Curtis Ende August in Duisburg im Rahmen der Ruhrtriennale absolvieren, testeten sie das Set noch einmal während des Manchester International Festivals. Christian Werthschulte war vor Ort und schaute, was den Duisburgern alles bevorsteht.
Geschrieben am

Freitag, 12. Juli

Pressereisen sind wie ein wenig wie eine Daily Soap. Der Cast bei dieser Reise nach Manchester: ein Haufen Journalisten aus Funk und Presse sowie ein Pressesprecher, dessen iPhone das Tor zur Stadt ist. Fünf Menschen, eine Mission. In Manchester findet die Uraufführung der Zusammenarbeit von Massive Attack und dem Dokumentarfilmer Adam Curtis statt. Und wir wollen dem notorisch verkifften Robert del Naja von Massive Attack ein paar Worte entlocken. Zumindest das Wetter macht uns keinen Strich durch die Rechnung. »The rain falls hard on a humdrum town«, singen The Smiths über ihre Heimatstadt, aber an diesem Wochenende merkt man davon nichts. Im Gegenteil, so sonnig kennt man Manchester nur aus den verpeiltesten Momenten der Happy Mondays. Überhaupt ist Pop hier überall. Manchester sei die »original modern city«, hat Peter Saville, seines Zeichens Designer von Factory Records, mal gesagt – von wegen Manchester-Kapitalismus und so, ne? Aber seitdem seine Heimat nicht mehr soviel mit diesem Industriekapitalismus zu tun hat, mussten halt die »Creative Industries« und ihr finanzkräftiger großer Bruder, die Immobilienwirtschaft, die Flagge der Stadt hochhalten. Im »Northern Quarter«, das zur Jahrtausendwende noch aus Autowerkstätten und Klamottenlagern bestand, hatten sich zuerst ein Plattenladen ansässig gemacht, dazu haben Johnny Marr und New Order in Gastronomie investiert. Heute stehen dort die typischen Blasenbauten der Nuller Jahre, und selbst in besten Innenstadtlagen sind die »Büro zu vermieten«-Schilder nicht zu übersehen.

 

Diesen Juli konkurrieren sie allerdings mit den Fahnen des Manchester International Festival. Seit 2007 findet dieses Festival statt, vom Line-up her irgendwie hochkulturell, aber in Manchester nimmt man es mit der Unterscheidung nicht so genau. Deshalb hängt Kenneth Branagh, der auf skandinavische Charaktertypen abonnierte Schauspieler, direkt neben dem ehemaligen Haçienda-DJ Dave Haslam. Und vor dem viktorianischen Rathaus spielt ein Cello-Duo »The Final Countdown«, während die Mancunians gegen 14 Uhr mit einem Pint das Wochenende einleiten. Passt schon.

 

Auch in Tino Sehgals Installation »This Variation« wird ein wenig gecovert. In einer alten Bahnlagerhalle betritt man einen schummrigen, fast pechschwarzen Raum. Plötzlich ertönen Stimmen, man hört Schritte und riecht ein unbekanntes Shampoo. Im ganzen Raum haben sich Tänzer verteilt, sie singen »Good Vibrations« oder performen a capella irgendwelche Brostep-Stücke. Manchmal flackert die Deckenleuchte ein wenig und die Tänzer erhalten Statur und Gesicht, bevor sie wieder herumwirbeln. Im Prinzip ist »This Variation« eine Art Schlafmasken-Disco. Man hört die Musik, das Schnaufen der Tänzer und ihre unsicheren Dämmerzustandsgedanken. Und ist damit ganz allein, obwohl man unter vielen ist – intim und Massenkunst zugleich, fast wie das Lieblingsalbum, mit dem man alleine auf der Couch sitzt, obwohl es einige hundert Menschen in diesem Moment genauso tun.

Vor der Halle gibt es das erste Promispotting. Superkurator Hans-Ulrich Obrist rennt an uns vorbei und um ganz sicher zu gehen, dass man ihn auch erkennt, hat er einen marineblauen Anzug angezogen. Selbst der kunstmuffelige Intro-Korrespondent erkennt ihn, hat aber leider keins von Obrists 347 Büchern zum Unterschreiben dabei. In Manchester kuratiert Obrist die neueste Auflage seiner Show »Do it«, bei der die Manchester Art Gallery zum Mitmachen einlädt. Auf mehreren Stockwerken kann man Figuren aus Second Hand-Klamotten legen, aus Zeitungspapier eine Pappmaché-Erdkugel bauen oder auslosen, wer beim Dosenstechen den ersten Schluck macht. Ziemlich anstrengend das Ganze, und als Geste erinnert es auch wenig an die Erzieher aus der Kindergartenzeit, die einen ständig zum Stuhlkreis auffordern, obwohl man lieber mit dem Bilderbuch in der Ecke liegen würde. Wobei die Bilderbücher hier selbstverständlich die riesigen Gemälde mit indischen Tigern und rotbackigen Brauereibesitzern aus der Hochzeit des Empire sind. Lediglich Douglas Couplands Ansammlung aus Morissey-Paraphernalia wirkt umwerfend charmant, aber wer wird bei Coupland auch nicht schwach?

Nach der Schau trennen sich unsere Wege. Der Kollege vom öffentlich-rechtlichen Kultursender geht zu Kenneth Wallander und berichtet später von Schwertkämpfen, dampfendem Torf und passgenauen Pentametern. Der Rest gibt sich Money,  eine dieser neuen britischen Bands, die im Fach Chris Martin-Reenactment promovieren, knutschendes Jungspressefoto inklusive. Der Kollege von der Spex hat dann auch zu Beginn des Auftritts gleich Lippenkontakt mit Sänger Jamie Lee, hält es aber auch nicht zum Ende inmitten der verhallten Gitarrenwände, die im sich irgendwo zwischen My Bloody Coldplay und den Coldplay Twins bewegen, aus. Fazit: Männer können seine Gefühle also mittlerweile zeigen, müssten aber es aber nicht immer. Manchmal würden ein paar Ideen schlicht und einfach ausreichen. Die Rumpfmannschaft aus Intro, ByteFM und Pressesprecher scheitert anschließend noch beim Versuch, ein DJ-Set von Jamie XX zu besuchen, weil die englischen Clubs das Schlangestehen durch Vorverkaufstickets abgelöst haben und trinkt gegenüber des legendären »Ritz« noch ein Red Stripe. Irgendwann ist ja auch mal genug.

 

Samstag, 13. Juli

Der Anzug macht‘s. Hans-Ulrich Obrist (im folgenden HUO genannt) trägt zum Frühstück wieder seinen blauen Anzug und wird als Dank gleich in eine Frühstücksrunde eingeladen. Tino Sehgal sitzt derweil ein wenig introvertierter im Frühstückssaal unseres Hotels in bester Lage: Zwei Minuten zum Bahnhof, zwei Minuten zum Gay Village. Apropos Gay Village: Dort findet dieses Wochenende ein Transgenderfestival statt, die Canal Street und ihre Seitenstraßen sind voll mit den absolut fabulösesten Queens, deren Rolemodels von der Kitchen Sink-Hausfrau bis zum vampigen Super-Goth reichen. Nachmittags sitzen Daddys und Queens, butche Lesben und spindeldürre Twinks in der Sonne, trinken Kaffee, beneiden und begehren sich.

 

Weiter unten am Kanal beginnt das neue Manchester, das Manchester der  umgewandelten Lagerhäuser und der neuen Appartementbauten »am Wasser«. Teil von ihnen sind die »Haçienda Apartments«, passend genannt nach FAC 51, dem Club von Factory Records, der bis 1997 an diesem Ort stand. Madonna spielte hier ihr erstes Konzert in Großbritannien, Mike Pickering und Dave Haslam mixten 1986 Acid House-Sets und die Einstürzenden Neubauten erhielten Hausverbot, weil sie die tragende Stahlkonstruktion des ehemaligen Lagerhauses mit einem Presslufthammer angingen. »Manchester hat Punk durch Wohneigentum ersetzt«, schreibt Architekturflaneur Owen Hatherley über die Stadt, die eine der Geburtsstätten von Postpunk ist. An keiner Stelle wird das sichtbarer als in der Umgebung der Haçienda-Apartments. An der Wand des Appartementhauses weist eine Plakette darauf hin, dass die zweitklassige Britpop-Band James hier ihren ersten Auftritt hatte. Am leerstehenden Industriegebäude auf der anderen Straßenseite werben Plakate für einen Gig der mittlerweile wiedervereinigten Happy Mondays. 500 Meter weiter erhebt sich der Beetham Tower über die Stadt, eine 169 Meter hohe Glasfassade mit einem Hilton, ein paar Condos für die Profis von Manchester City und Manchester United und leerstehenden Luxus-Apartments. In seinem Schatten ist die Free Trade Hall, in der die Sex Pistols ihren ersten Auftritt in Manchester hatten, der Joy Division zu ihrer Bandgründung inspirierte und die heute ein Teil des Radisson Hotels ist. »Was wird die neue Musik sein, die aus den Ruinen des Immobiliencrashs entsteht?« fragt Hatherley. Und hat bis heute keine Antwort erhalten.  Musikalisch lebt Manchester weiter von den Mythen seiner Popvergangenheit.

 

Im temporären Festivalzelt am Rathaus arbeitet derweil Björks Partner Matthew Barney weiter an seiner Privatmythologie. Er hat Ausschnitte aus seinem neuen Projekt »River of Fundament« mitgebracht, das einen wenig beachteten Text von Norman Mailer namens »Ancient Evenings« zur Vorlage hat. Barney mischt Mailers Text mit ägyptischer Mythologie, spielt mit der Idee von Wiederauferstehung und Vergänglichkeit und illustriert das mit einem 20-minütigen Film, in dem er ein Auto in drei selbstgebauten Hochöfen in Detroit einschmilzt, um daraus einen neuen Motorblock zu formen. Die Szene ist live gefilmt, Barney hat Spezialisten aus der amerikanischen Hobbyschmelzer-Szene angeheuert, ein Orchester vor die Hochöfen gestellt und ein Herde Schaulustiger wie Zombies auflaufen  lassen. Ein verschwenderisches Spektakel jenseits von Gebrauchsesoterik und genau deshalb einzigartig.

 

Nachmittags ist frei, der Spex-Kollege und ich wollen im Northern Quarter Platten kaufen. Leider macht uns ein Feuer einen Strich durch die Richtung. In der Oldham Street, in der sich Manchesters beste Plattenläden befinden, brennt ein Friseursalon und die Polizei hat die Straße gesperrt. »Explosionsgefahr«, erzählt uns eine Polizistin und stellt sich zwischen uns und die alten House-Schätzchen im Vinyl Exchange sowie dem fein sortierten Sortiment von Piccadilly Records, die schon mal über ihren Newsletter verkünden, wenn Johnny Marr im Laden war. Wir werden also zum Retro gezwungen und begeben uns in den Second-Hand-Vinyl-Dealer, der mit einem Happy-Mondays-T-Shirt im Schaufenster für sich wirbt. Drei Pfund ärmer und um eine Soul-II-Soul-Platte reicher verlasse ich das Geschäft, spaziere ein wenig durch das Northern Quarter und seine neuen Cafés und Boutiquen. Irgendwo muss es einen international gültigen Masterplan für die Regeneration von Stadtquartieren geben, die Hilton Street könnte auch Köln-Ehrenfeld sein. Den Rest des Tages verbringen wir mit Rumstehen und Warten. Der Interviewtermin verschiebt sich. Wir trinken Bier im Pub, neben uns unterhalten sich Leute vollkommen unironisch über die Cockney Rejects, die Cocktails tragen Namen wie »Disappoint« und die Fred Perry-Shirts sitzen perfekt. Man muss es hier einfach lieben.

Schließlich führt uns die nette Pressefrau des Manchester International Festivals zum Backstagebereich: Zwei Baucontainer, beide schlecht belüftet und mit Deckenflutern aus dem Baumarkt. Jedes autonome Jugendzentrum hat mehr Charme. Das Interview kann beginnen.

 

Robert, wie kam die Zusammenarbeit mit Adam Curtis zustande?

Robert del Naja: Ich war schon lange ein Fan von Adams Filmen. Vor zwei Jahren war ich auf dem Manchester Festival und Alex Poots schlug vor, dass ich ein Projekt mit Adam mache. Dann haben wir angefangen und seitdem läuft die Verschwörung.

 

Worum geht es in Ihrer gemeinsamen Show denn?

Adam Curtis: Bis vor kurzem haben das UK und Deutschland, aber auch die USA oder die Sowjetunion an die Idee von Fortschritt geglaubt. Die Funktion von Politik, aber auch von der meisten Kunst und den meisten anderen Dingen, merkwürdigerweise sogar von Journalismus, war, dass man die Welt verändern sollte. Wir versuchen, den Leuten zu erklären, dass die Art wie ihre Gesellschaft organisiert ist, sehr rigide ist und sehr konservativ. Man wird bedient, man erhält, was man bekommt und alles ist verwaltet. Das kann durchaus nett sein und vielleicht ist es auch ganz angenehm, wenn man ohne Ende die Rolling Stones und Coldplay vorgesetzt bekommt. Aber vielleicht schränkt es uns auch ein, denn wir haben einen Traum verloren, der selbst beim Scheitern noch inspiriert: Dass man die Welt verändern kann. Wir leben in einer sehr unsicheren Gegenwart und es ist an der Zeit, dass wir diese winzige Fassade aus Coldplay und den Stones durchbrechen und uns in etwas gefährlichere Regionen begeben.

 

In ihrer Show spielen Sie viele Coverversionen, u.a. von Jesus and Mary Chain oder auch von Suicide. Warum tun Sie das?

Adam Curtis: Coverversionen ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Wir wollen, dass die Menschen die Musik um sie herum wahrnehmen. Popmusik ist nicht notwendigerweise die neutrale, einfach gestrickte Sache, für die wir sie halten. Die Musik der Vergangenheit mag ein verzückender Teil des Systems sein, aber sie hält uns in dieser statischen Welt gefangen. Wir covern diese Songs nicht, sondern nehmen Musik aus der Vergangenheit, um damit ein politisches Statement zu machen.

 

Wie sah die Zusammenarbeit denn jetzt konkret aus?

Robert del Naja: Das Projekt hat sich über einige Jahre entwickelt. Adam hat uns ein paar Geschichten vorgestellt, die in den Film sollten und dann haben wir Musik zu den verschiedenen Versionen des Films gemacht. Es war sehr organisch. Aber ich hätte auch nie in Adams Art, seine Collagen zusammenzustellen, eingreifen wollen. Dafür liebe ich das, was er macht, viel zu sehr.

 

 

Adam Curtis: Wir haben versucht, zwei Dinge zusammenzubringen. Zum einen die Geschichte der letzten vierzig Jahre, die im Film erzählt wird. Dieser Geschichte besteht aus vielen kleinen Geschichten, die teils lustig, teils traurig sind. Sie dienen dazu, die große Geschichte besser auszuleuchten. Es ist fast wie ein Roman. Alle Charaktere sind echt und ihre Leben überkreuzen sich mal mehr und mal weniger mit der großen Geschichte.  Das wollten wir mit der Macht und Emotion eines Rockkonzerts kombinieren, weil genau das in der zeitgenössischen Kunst und im zeitgenössischen Journalismus fehlt. Sie sind verklemmt, unemotional und interessieren sich nicht für Geschichten. Wir sind emotional und interessieren uns für Geschichten.

 

 

Robert del Naja: Das war eine interessante Herausforderung und fünf Minuten vor der ersten Show hatten wir keine Ahnung, ob es funktionieren würde. Falls es die Leute verstehen, dann wird es ihnen gefallen, dachte ich. Und es war großartig zu sehen wie unser Publikum reagiert.

 

Adam Curtis: Wir sind das wie eine Collage angegangen. Es sollte kein Konzert sein, in dem ich einfach nur mit erhobenem Zeigefinger dastehe und sage: „Wir stecken fest“, sondern wir wollten eine Erfahrungswelt schaffen, in der die Zuschauer unser Argument auch emotional nachvollziehen können. Und dafür benutzen wir die Kraft der Musik und die Kraft des Subbasses.

 

Robert del Naja: Wir haben soviel Bass wie noch nie benutzt – viermal so viel als es üblich ist. Und darauf bin ich ziemlich stolz.

Nach zehn Minuten ist alles vorbei. Wir warten weiter, diesmal auf den Beginn der Show. In der weitläufigen Halle hängen elf Leinwände. Massive Attack stehen hinter einer Wand aus Gazé. Die Aufführung beginnt mit einem langen Monolog von Curtis, der vom einer Künstlerin im London der »Swinging Sixties« zum Sänger UdSSR-Punkband Grob wechselt. Das sind die beiden großen Stränge von Curtis’ Erzählung über das Verschwinden der Zukunft. Im Mittelpunkt steht dabei die Epochenwende 1989. Im Westen schlagen danach »Swinging Sixties«, Pop- und Gegenkultur in den neuen Geist des Kapitalismus um, der sich seine lebensweltliche Toleranz mit einer Ökonomie erkauft, die über Algorithmen immer stärker planbar werden möchte. Und im Osten wird aus der Aufbruchsstimmung das Putin-Regime, in dem Putin eine Opposition inszenieren lässt, um das Auslöschen der Alternativen zu übertünchen. Und die Menschen reagieren auf diese Alternativlosigkeit mit Nostalgie: Der oppositionelle Punk wird zum Führer der rechtsradikalen Nationalbolschewiken, die Tochter der Künstlerin studiert an der Kunsthochschule von Walt Disney und ihr Selbstmord eskaliert ihre Weltflucht lediglich. »Wir sind umgeben von den Geistern der Toten«, sagt Adam Curtis an einer Stelle aus dem Off und zeigt dabei Bilder von Kurt Cobain, während Massive Attack ein Stück von Burial spielen. Die TripHop-Pioniere aus Bristol halten sich bei der Aufführung im Hintergrund, spielen eigene Stücke wie »Karmacoma« neben einer Reihe von Coverversionen. Die gesamte Performance lebt vom Kontrast von Bildmaterial und Soundtrack. Den nostalgischen Abschiedsbrief der Künstlertochter illustrieren Massive Attack, indem sie Reggae-Legende Horace Andy eine Version von »Sugar Sugar« singen lassen. Bilder von Tony Blair mit Gitarre werden von Pulps »Common People« untermalt und der auf dem Riff von »The Passenger« beruhende Hit der russischen Punkband wird zum Soundtrack der Gerichtsverhandlung russischer Neonazis. Es ist eine klassische Montage: ein wenig Eisenstein, ein wenig Crass, vorgetragen im wohlmeinenden Dünkel klassischer BBC-Reportagen. Nach anderthalb Stunden steht noch einmal Elizabeth Fraser (Cocteau Twins) auf der Bühne und singt ein Liebeslied des russischen Punks an seine Freundin. Dann ist Schluss. Die Beamer schalten sich ab und wir werden durch eine 200 Meter lange Halle nach draußen geleitet – geblendet vom Licht eines Suchscheinwerfers und begleitet vom Gebell eines Wachhunds.     

 

Nächste Station: der Festivalsquare. Im Rathaus gibt’s Freibier und Northern Soul-Cover von »Tainted Love« für die Künstler und Festivalmitarbeiter. Draußen legt der ehemalige Haçienda-DJ Dave Haslam auf. Die Tänzer aus Tino Sehgals Performance liefern sich mit ein paar Mancunians einen Breakdance-Battle, Haslam mixt Dinosaur L mit Big Beat und Ameries »One Thing« mit den Stones. Zum Schluss legt er den traurigsten Popsong der Welt auf. »When routine bites hard and ambitions are low«, singt das Gespenst von Ian Curtis und ein ganzes Zelt stimmt ein und liegt sich in den Armen: »Love, love will tear us apart … again…«

 

Sonntag, 14. Juli

Breaking News zum Frühstück: HUO trägt einen neuen Anzug. Nachmittags wird er (im gleichen Anzug) erzählen, wie er als 17-jähriger immer mit Künstlern rumhing. Da hat jemand sein Hobby zum Beruf gemacht. Wir wandern derweil ein wenig durch die Stadt und bestaunen die riesigen bestickten Gewerkschaftsfahnen im People’s History Museum, bevor wir uns im Northern Quarter zu einem Cream Tea mit Scones niederlassen. Vielleicht ist dies der perfekte Manchester-Moment. Unser Café recyclet die 1910er und ihre nicht vom Weltkrieg versehrte Englishness. Der Tee kommt mit Sieb, die Teller sind mit Blümchen bemalt. Zwei Häuser nördlich ist ein XXX-Kino, neben uns fahren die prollig-bonzigen Limousinen der russischen Exilanten die Straße entlang. Und zweihundert Meter weiter brennt der Frisiersalon noch immer. Oh Manchester! So much to answer for.