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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die 2-Mann-Armee

Massive Attack

Als 1991 mit „Blue Lines“ das erste Album des losen Haufens aus Bristol erschien, war so mancher seiner heutigen Fans noch gar nicht geboren. Warum Massive Attack auch 2010 noch zu den einflussreichsten Bands zählen, erklärt uns ihr (Intro-) Weggefährte Georg Boska
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Als 1991 mit „Blue Lines“ das erste Album des losen Haufens aus Bristol erschien, war so mancher seiner heutigen Fans noch gar nicht geboren. Warum Massive Attack auch 2010 noch zu den einflussreichsten Bands zählen, erklärt uns ihr (Intro-) Weggefährte Georg Boskamp.
 
Beginnen wir mit den gar nicht so Erfolg versprechenden Rahmenbedingungen: Nicht nur, dass sich das aus der britischen Soundsystem-Kultur der späten Achtziger hervorgegangene Wild-Bunch-Kollektiv im Laufe der Jahrzehnte von seiner hochambitionierten „Five man army“-Urform zu einem ungleichen Ego-Doppel mit Begleit-Combo downgesizt (und erst rückblickend gesundgeschrumpft) hat – diverse zwischenzeitliche Auflösungserscheinungen, seltsam anmutende Alleingänge und interne musikalische Meinungsverschiedenheiten der krassesten Art nagten permanent an der Band-Substanz.



Genau diesen Prozessen und der Tatsache, dass man sich als echter Bristolian mit zunehmendem Alter gerne aus dem Weg geht, ist es geschuldet, dass zwischen den Alben vier bis fünf Jahre liegen. So ging Sängerin Shara Nelson bereits nach der ersten Tour Anfang der Neunziger verloren, Mitstreiter Tricky warf das Handtuch kurz nach Fertigstellung des zweiten Albums „Protection“, und der genialistische Ideengeber und Haupt-DJ Mushroom ging während der Produktion von „Mezzanine“ 1997 von Bord. Spätestens da galten die Tage der Band als gezählt.

Der globalen Faszination für den Mythos Massive Attack allerdings konnte der personelle Abbau überraschend wenig anhaben, was nicht zuletzt an ihren als legendär kategorisierbaren Auftritten liegt. In puncto Live-Präsenz stehen die verbliebenen Herren 3D und Daddy G. nämlich bis heute (mit ihrem aktuellen „Heligoland“ im Gepäck) relativ konkurrenzlos da. Dank gut geölter Backingband, dementsprechend fehlender Scheu vor dem Darbringen der eigenen Evergreens, sehr fähigen Gastsängern und nicht zuletzt großartigen Visuals gehört ein Massive-Gig mit zum Besten, was man auf dem Popmarkt abbekommen kann – obendrein gehört Reggae-Legende Horace Andy zur festen Livebesetzung von Massive Attack, für nicht wenige schon ein Hauptgrund für den Besuch.
Ob bzw. inwiefern „Heligoland“-Albumgäste wie Tunde (von TV On The Radio) oder gar Super-Mate Damon Albarn (Blur) in dieser Saison auf der Massive-Attack-Festivalbühne stattfinden werden, bleibt fraglich, sicher ist hingegen, dass unkaputtbare Hits wie „Safe From Harm“, „Unfinished Sympathy“ oder „Karmacoma“ auf der Setlist auftauchen werden, umrahmt von handverlesenen Tracks der letzten zwei Studio-Werke. Gerade hier zeigt sich, was für eine lange, stilistisch herausfordernde Reise die Band hinter sich hat: von bekifften Darlings der Acid-Jazz’elnden Ziegenbart-Hipster über Veredlungsjobs für Madonna und Co. sowie unendlich viele Downtempo-Produktionen hin zum sperrigen Indiepop. Und die konstant massive Sound-Transformation geht unberechenbar weiter – das ist das Geheimnis von Massive Attack.