×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Mit Nils Schlechtriemen

Maschinenraum #263

Im letzten Maschinenraum treffen sich Pioniere und Nachwuchsgrößen elektronischer Musik, Synästhetiker von Weltrang und Improvisateure aller Art zum Abschiedsrave.

Geschrieben am

Ein anonymes Kollektiv von DJs oder eine einzelne Person? Viel ist nicht bekannt über Pom Pom, das Label, das Projekt, die Idee. Seit der Jahrtausendwende erscheinen über den Berliner Plattenladen Spacehall regelmäßig schwarze EPs ohne Titel oder Trackliste, ohne Aufdruck oder Design. Darauf zu finden: einige der faszinierendsten Episoden aus Minimal, Acid und Industrial Techno der vergangenen 20 Jahre. Niemand weiß, wie viele Produzenten seither am Katalog von Pom Pom mitwirken. Auf »Pom Pom 35« (Ostgut Ton) dringen nun sphärische Pads tiefer in die repetitiven Bässe des Projekts ein und entwerfen dabei einen eigenartig nostalgischen Sound, der vertraut und doch aufregend fremd klingt.

Pom Pom

Untitled - EP

Release: 13.04.2018

℗ 2018 Ostgut Ton

In der Kunst Mati Klarweins gehen Farben und Formen halluzinogene Hochzeiten ein, das Organische verschwimmt mit dem Immateriellen. Auch Jon Hassell bedient sich der Überblendung und Verschmelzung des Wahrnehmbaren, um seinem Schaffen eine gewisse Zeitlosigkeit zu verleihen. Von Klarwein ließ sich Hassell besonders für seine neue Albumreihe inspirieren, deren erster Teil »Listening To Pictures (Pentimento Volume One)« (Ndeya) heißt. Die Warp-Tochter wird in den kommenden Jahren neue Heimat außergewöhnlich eklektizistischer Klangmalereien und dem Vordenker der »Fourth World Music« reichlich Spielraum für seine ausgefallenen Ideen bieten. Dass er sich jetzt schon Gedanken über Klang und Wahrnehmung macht, ist dem vorliegenden ersten Teil der »Pentimento«-Serie anzuhören, der hinter jazzaffinen Klängen und indigener Musik aus Afrika sublime Electronica durchschimmern lässt. Hassell lädt zur metaphysischen Entschlüsselung dieser Musik und nennt das »Vertical Listening«, oder: sich selbst beim Zuhören zuhören.

Jon Hassell

Listening To Pictures (Pentimento, Vol. One)

Release: 08.06.2018

℗ 2018 Ndeya

Weiter nördlich schmieden zwei sonderbare Produzenten moderner elektronischer Musik neue Allianzen. Croatian Amor kommt aus Kopenhagen, kollaborierte für sein sehnsüchtig dröhnendes Debüt »Pomegranate« 2013 mit Lust For Youth und tobt sich seither in melancholischem Minimal Synth aus. Jonas Rönnberg alias Varg stammt aus Stockholm, hat gefühlt 17 Projekte gleichzeitig laufen und hinterließ in den letzten Jahren vor allem durch seine brillante »Nordic Flora«-Serie genreübergreifend bleibenden Eindruck. Beide sind zudem keine Unbekannten bei Posh Isolation und bündeln für die EP »Body Of Water« (Posh Isolation) ihre gestalterische Expertise maßgeschneidert nach Label-Ideal. Schummrige Drones und spacige Melodien dienen dem Duo dabei zur Gestaltung träumerisch-sinistrer Atmosphären, innerhalb derer allerlei analoges Gerät zum Singen gebracht wird. Das darf gerne auf Albumlänge fortgesetzt werden.

Croatian Amor & Varg

Body of Water - EP

Release: 04.05.2018

℗ 2018 Posh Isolation

Ebenfalls aus Kopenhagen, aber viel rhythmischer im Gesamtbild ist Rune Bagge. Die Debüt-EP »Pink Dreams« (Northern Electronics) weist den Dänen, über den bisher so gut wie nichts bekannt ist, als geübten Technoproduzenten aus, der sich aber ebenso in gediegenen Gefilden zurechtfindet. Räkelnde Melodiebögen gleiten hier unterkühlt und suchterzeugend in wohldurchdachte Beat-Arrangements, ähnlich Acronym oder Norin, zwei anderen Vertretern des Labels. Lange braucht man daher nicht, um mit diesem Sound warm zu werden und das Kopfkino skandinavischer Waldlandschaften anzuwerfen.

Rune Bagge

Pink Dreams - EP

Release: 23.04.2018

℗ 2018 Northern Electronics

Als Ital legte Daniel Martin-Mccormick zeitgenössischer Clubmusik die Infusionsnadel der 1990er an und schuf an den Schnittstellen von House und Techno irre Klänge für schweißverschmierte Nächte jenseits von Großraumdisco-Ästhetik und Red-Bull-Billings. Nach dem letzten Album »Endgame« konzentrierte sich der New Yorker zunehmend auf sein neues Alias Relaxer und veröffentlichte seither eine Reihe von beeindruckenden EPs, die im Spannungsfeld zwischen toxisch züngelnden Techno-Passagen und sphärischem Ambient oszillieren. »Relaxer V« (Tranquility) erweist sich nicht nur als ihr unwahrscheinlich gelungener Abschluss, sondern auch als Kleinod für alle, die körperliche Musik gerne unterm Kopfhörer genießen.

Muslimgauze wiederbelebt, könnte man meinen. Für Ian McDonnell alias Eomac war Bryn Jones wohl ein maßgeblicher Einfluss beim Produzieren dieses Albums – das ist schon nach den ersten fünf Minuten von »Reconnect« (Eotrax) klar und blieb aufmerksamen Hörern auch beim fulminanten 2016er-Vorgänger »Bedouin Trax« nicht verborgen. Dort bildeten noch flächige Arrangements das Fundament eines ansonsten sehr spirituell anmutenden Industrial-Techno, nun werden elektronische Stakkatos auf ihr Wesentliches reduziert, klingen roh und schamanenhaft. Kann man sich auf diesen intensiven Ritt einlassen, dem wirklich gar nicht an Zugänglichkeit gelegen ist, vollbringt »Reconnect« das Kunststück, aus hämmernden Rhythmen hypnotische Qualitäten abzuleiten.

Eomac

Reconnect

Release: 27.04.2018

℗ 2018 Ian McDonnell

Prairie ist das Projekt des Multiinstrumentalisten Marc Jacobs, der unter diesem Namen vor drei Jahren bereits sein an Cormac McCarthy erinnerndes Debütalbum »Like A Pack Of Hounds« bei Shitkatapult veröffentlichte. Auf dem Nachfolger »After The Flash Flood« (Denovali) forciert er nun die damals entworfenen Genre-Collagen aus fuzzigen Gitarrenloops, melodischem Dröhnen und wuchtigstem Noise-Wummern, die schon längst Vergleiche von Bohren & Der Club Of Gore bis Sunn O))), von Ben Frost bis Prurient provozierten. Atmosphärisch wie ein hochkarätiger Soundtrack bringt Prairie hier das Ende der Welt musikalisch so auf den Punkt, dass es schmerzt.

Prairie

After the Flash Flood

Release: 27.04.2018

℗ 2018 Denovali Records

Schmerzhaft waren für manche Hörer wohl auch die vier Stunden IDM, Glitch und Dub Techno des »Elseq«-Zyklus’ von Autechre aus dem Frühjahr 2016. Gerade einigermaßen verdaut, pulsen Sean Booth und Rob Brown nun schon wieder den nächsten Schwall experimenteller Electronica in den Äther. Die »NTS Sessions 1-4« (Warp) haben zwar »nur« vier Teile, sind aber mit auf die Millisekunde genau acht Stunden Laufzeit länger als die ersten sechs Alben der beiden zusammen. Der Londoner Radiosender NTS buchte Autechre für die einmonatige Residency im April und ließ den gewaltigen Impros der Klangcoder über vier Sitzungen hinweg freien Lauf. Noch mal deutlich gereifter als auf allen Veröffentlichungen der letzten Jahre werden die hochkomplexen Produktionen wieder in Windeseile aufgelöst, zerspult, zerschnitten und bruchstückhaft geloopt – formloser Ambient verfliegt wie Dampf über der kryptischen Maschinensprache von Synthesizern. Das Ausmeißeln dieser unmöglichen Klänge gelingt dem Duo hier live und angeblich weitgehend improvisiert – man mag es kaum glauben.

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr