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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Philip Fassing

Maschinenraum #248

Mächtige Schamanen, singende Sägen und ein ausgeprägter Forscherdrang: So divers klangen die Neuveröffentlichungen und Geheimtipps aus dem Fach der elektronischen Musik selten.
Geschrieben am
Man muss sich nicht unbedingt in akademisch-esoterische Theorien versteigen, um Sampling als eine Form der Geisterbeschwörung zu begreifen. Sage Caswell wäre dieser Annahme nach so etwas wie ein mächtiger Schamane, der die Echos der Vergangenheit auf seinem Debütalbum »Hoop Earring« (Spring Theory) in unwahrscheinliche House- und Ambient-Skizzen kanalisiert. Ein Dualismus, der schon seine letztjährige EP »Sleep Quarter« befruchtete und hier nochmal eine ganz eigene Faszination entfaltet.
Es ist vermutlich eine der größeren Herausforderungen, die Dramaturgie eines guten DJ-Sets auf Albumlänge zu komprimieren und dabei ausschließlich mit eigenen Titeln zu bestreiten. Eine Hürde, die der Berliner Produzent Chambray erstaunlich unangestrengt nimmt und dabei fast schon nonchalant demonstriert, dass dem Hörer weitaus mehr Geduld abverlangt werden kann als allgemein angenommen wird. So ist »Reliev« (Ultramajic) vor allem ein Spiel mit den Kontrasten, bei dem die rohe Natur schnörkelloser Techno-Variationen immer genau dann von harmonischen Ornamenten verziert wird, wenn es gerade notwendig ist. 

Chambray

Reliev

Release: 11.11.2016

℗ 2016 Ultramajic

Wenn es an etwas in den vergangenen Jahren nicht gemangelt hat, dann dürfte das digitaler Schlafzimmer-Soul gewesen sein. In Anbetracht von »Best Heard In Shadows« (Apollo) ist man schnell versucht, auch Niels Blondell alias AMyn dieser Strömung zuzuordnen. Völlig zu Unrecht, wie sich bei genauerer Betrachtung zeigt. Denn der belgische Produzent schlägt bisweilen gänzlich andere Wege ein. Narkotisierte Bristol-Referenzen, entschleunigte 2-Step-Rhythmen und ein ausgeprägtes Händchen für cineastische Klangsphären fügen sich hier zu einem unverbrauchten Stil-Mix zusammen, der weitaus mehr zu bieten hat, als ein flüchtiger Blick suggeriert.

AMyn

Best Heard In Shadows

Release: 02.12.2016

℗ 2016 Apollo Records

Es wäre glatt gelogen, wenn ich behaupten würde, alle 111 Tracks von »#savefabric« (Fabric / Houndstooth) gehört zu haben. Trotzdem ist dieses megalomane Compilation-Projekt zur Erhaltung des legendären Londoner Clubs derart beeindruckend, dass es an dieser Stelle keinesfalls unterschlagen werden darf. Unter der einzigen Voraussetzung, lediglich unveröffentlichte Titel einzureichen, wurden hier schlicht die Künstler aus dem eigenen, erweiterten Umfeld akquiriert. Die Tracklist liest sich dennoch wie ein Who-is-Who der internationalen Club-Szene und unterstreicht eindrucksvoll den Einfluss dieser Institution des britischen Nachtlebens.

Various Artists

#Savefabric

Release: 04.11.2016

℗ 2016 fabric

Zwischen Alec Storey und Laurie Osborne muss eine ausgesprochen gute Chemie herrschen, anders lässt sich ihre fortwährende hochkarätige Zusammenarbeit kaum erklären. Nachdem das Duo als ALSO gleich drei EPs in Folge veröffentlicht hat, kehren sie nun unter ihren regulären Künstlernamen schon wieder mit neuer Musik zurück: Second Storey & Appleblim. Stilistisch orientieren sie sich auf »Gimme 6« (R&S) weiterhin an der experimentellen Symbiose aus Techno und UK-Bass, die hier vor allem mit dem Abschlusstitel »Aperture« fantastisch gelingt.

Second Storey & Appleblim

Gimme Six - EP

Release: 04.11.2016

℗ 2016 R&S Records

Als DJ, Labelbetreiberin und Veranstalterin gilt Or:la in britischen Kreisen längst als interdisziplinäres Multitalent. Mit ihrem Debüt als Produzentin könnte sich das schon bald auch über diese lokalen Grenzen hinaus herumsprechen. »UK Lonely« (Hotflush) spiegelt mit gerade mal vier Titeln eine enorme Bandbreite wider, die von UK-Garage, Techno und Ambient gleichermaßen informiert und dennoch alles andere als stilistische Fingerübung ist. Eine Erkenntnis, für die es streng genommen sogar nur das überdrehte »Limbosoup« bräuchte, auf dem gleich diverse Reize um die Gunst des Hörers buhlen.

Hotflush Recordings

UK Lonely

Über Reinhard Voigt muss man nicht mehr viele Worte verlieren, schließlich ist der Name des Kölners genau wie der seines Bruders ein Synonym für die Definition des rheinländischen Techno-Sounds, und im Grunde auch weit darüber hinaus. Mit »Kontraste« (Kompakt) veranschaulicht Voigt einmal mehr, warum das so ist. Alleine »The Singing Saw«, die A-Seite der Single, trägt eine derart unverkennbare Handschrift, dass man im Grunde nicht mal auf das Cover blicken müsste, um zu erkennen, wer hier am Werk ist. Der titelgebende Sägezahn-Sound schwingt sich hier nicht nur in meditative Höhen auf, sondern erreicht dabei fast schon spirituelle Züge.
Robot Koch hat viele Qualitäten. Eine der prägnantesten Fähigkeiten des Berliner Produzenten ist aber vermutlich seine Wandelbarkeit, die in Kombination mit einem ausgeprägten Forscherdrang immer wieder zu verblüffenden Ergebnissen führt. So auch im Zuge seines jüngsten Projekts, einer Kollaboration mit der Violinistin Savannah Jo Lack. Während Robot Koch schon immer einen gewissen Hang zum Cineastischen pflegte, tritt diese Vorliebe mit »Particle Fields« (Trees & Robots) erstmals derart artikuliert in den Vordergrund. Dem variantenreichen Violinenspiel wird dementsprechend viel Raum gelassen, Koch weiß sich zurückzunehmen – eine Qualität, von der dieses Album stark profitiert.

Robot Koch & Savannah Jo Lack

Particle Fields

Release: 14.10.2016

℗ 2016 Trees & Cyborgs