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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Philip Fassing

Maschinenraum #247

Wenn das Fach für Neuerscheinungen plötzlich voller Alben ist, dann kann nur Herbst sein. Hier sind die spannendsten Veröffentlichungen für Freunde von Disco, House und Techno.
Geschrieben am
Ganze fünf Jahre ist es inzwischen her, dass Tiger & Woods mit »Through The Green« erfreuten – einem fast schon unverschämt mondänen Debütalbum, das die Kunst des Disco-Edits erstaunlich souverän durchbuchstabierte. Dass die beiden den Faden mit »On The Green Again« (T&W) nun wieder genau dort aufnehmen, darf dementsprechend als erfreuliche Nachricht verstanden werden. In treibende Loops gewickelte Versatzstücke des 1980er-Funk kann es schließlich nie genug geben – erst recht nicht, wenn sie so auf ihre Essenz verdichtet werden wie hier. 

Tiger & Woods

On the Green Again

Release: 04.11.2016

℗ 2016 T&W Records

Ewan Smith alias Youandewan stellt bereits seit einigen Jahren unter Beweis, dass er seine Produzentenrolle zu keiner Zeit als Dienstleistungsgeschäft versteht und die Funktionalität seines scheu-melancholischen House-Entwurfs streng der emotionalen Wirkung unterordnet. Im Grunde beste Voraussetzungen für ein Langstrecken-Debüt, das sich nicht wie eine Kollektion zusammenhanglos kompilierter Singles anfühlt, und hier tatsächlich mit derart viel Leidenschaft und Seele beschritten wird, dass man »There Is No Right Time« (Aus Music) am liebsten ganz für sich allein hätte. So viel Egoismus muss an dieser Stelle erlaubt sein.

Youandewan

There Is No Right Time

Release: 14.10.2016

℗ 2016 Aus Music

Es ist ein beliebtes Missverständnis, die Komplexität eines Songs an der Quantität seiner Aufnahmespuren oder des zugrunde liegenden Equipments festzumachen. Wie fehlgeleitet diese Annahme ist, kann man hervorragend an dem jüngsten Album von Benjamin Brunn veranschaulichen, der mit »Plastic Album« (Third Ear) einmal mehr vorlebt, wie man auch mit einem übersichtlichen Setup ganze Sound-Welten kreieren kann. Für seine mal elegant, mal leicht verspult dahin mäandernden House-Skizzen braucht Brunn nämlich in der Regel nicht mehr als eine Roland TR-808 und einen Clavia Nord Synthesizer.

Benjamin Brunn

Plastic Album

Release: 09.09.2016

℗ 2016 Third Ear Recordings

Phil Gerus hat bereits mehrfach bewiesen, dass er wirklich ein goldenes Händchen für die tanzbare Zusammenführung von Vintage-R’n’B, Disco und House hat – EPs für Labels wie Bastard Jazz oder Futureboogie haben daran bisher keinen Zweifel gelassen. Mit »Pleasure & Pains« (Lumberjacks Boogie) kann der aus Moskau stammende Produzent dieses Niveau fast schon erschreckend souverän halten und demonstriert einmal mehr, wie Funk für den Club heutzutage zu klingen hat: trocken, reduziert und doch voller Hingabe und liebevoller Details. 
Sascha Borchardt alias Monoloc ist mit seinem zweiten Album »The Untold Way« (Dystopian) ein so stimmungsvoller Soundtrack zum Weltuntergang – oder dem, was danach kommt – gelungen, dass man sich dem surrealen Zauber dieses zwischen Techno und Ambient pendelnden Werks kaum entziehen kann. Obwohl das Album in seiner düsteren Opulenz streckenweise fast schon an die Arbeit klassischer Horrorfilm-Komponisten wie Alan Howarth oder Fabio Frizzi erinnert, sucht man hier vergeblich nach nostalgisch zurückblickenden Referenzen oder gar cineastischen Reminiszenzen. Dafür sind Borchardts finstere Arrangements schlichtweg zu abgeklärt.
Mit Platten für Labels wie Phonica, Permanent Vacation oder Mule Musiq hat sich Neil McDonald alias Lord Of The Isles in den vergangenen Jahren eine beträchtliche Reputation erarbeitet, zu der nun auch »In Waves« (ESP Institute) beitragen wird. Auf seinem Debütalbum vermittelt der erratische Schotte eine zu gleichen Teilen kauzige und melancholische Vorstellung davon, wie Dance irgendwann mal hätte klingen können. Eine Form des Retrofuturismus, die sich dem augenzwinkernden Selbstzweck ähnlich gearteter Musik widersetzt und so erstaunlich aufrichtig wirkt.
Marquis Hawkes hätte eigentlich allen Grund, die Dinge nach der Veröffentlichung seines fantastischen Debütalbums im vergangenen Juni etwas langsamer anzugehen. Stattdessen macht der Berliner aber genau dort weiter, wo er damals aufgehört hat und veröffentlicht mit dem Instant-Hit »Dornroosje« (Aus Music) eine Ode an den gleichnamigen Club im niederländischen Nijmegen. Über ein stolze Spieldauer von knapp neun Minuten variiert Hawkes hier eine dramatische Akkord-Figur, die trotz ihrer simplen Beschaffenheit souverän über die ausgedehnte Spielzeit trägt und sich dank Hawkes’ markanter Handschrift schlichtweg gut anfühlt.
Paul Rose alias Scuba hat keinen guten Zeitpunkt erwischt, um die jüngste Ausgabe der Fabric-Mix-Serie zu übernehmen. Schließlich ist die Zukunft der Londoner Club-Institution aktuell alles andere als gewiss. Die schwierigen Umstände halten ihn allerdings nicht davon ab, mehr als 40 Tracks von Künstlern wie Midland, Carl Craig, Pearson Sound oder Ben Klock für diesen technisch wie musikalisch beeindruckenden »fabric 90« zu verdichten und zu einer abstrakten Erzählung über das Nachtleben zu formen. Obwohl die knapp 75 Minuten mit einem klaren Fokus auf Techno in seiner klassischen Spielart bestritten werden, gibt sich der Mix in seinem Wechselspiel aus melancholischen Akzenten und funktionalen Passagen überraschend abwechslungsreich.