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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Philip Fassing

Maschinenraum #235

Digital ist besser? Von wegen: Selten wühlte der Maschinenraum derart leidenschaftlich durch DAT-Kassetten und MPC-Disketten wie diesen Monat.
Geschrieben am
Mit mehreren 100.000 Anhängern auf allen erdenklichen Kanälen ist das aus Bristol und London stammende Blogger/DJ-Kollektiv Eton Messy längst einer der wichtigsten Tastemaker, wenn es um geschmäcklerischen Deep-House mit Pop-Affinität geht. Die in Eigenregie veröffentlichte EP »Terminal« (Eton Messy) der Londonerin Kayper dürfte dem Sonderstatus des Kollektivs zuträglich sein. Sie demonstriert, wie sich aus gängigen Formeln immer noch große Momente zaubern lassen.
Momente, die Dimitris Kesses alias SEK mit »Mirror Mirror On The Wall« (Lost My Dog) nicht mehr ganz so stimmig wie zuvor gelingen wollen. Lebten die jazzverliebten Groove-Studien des Griechen bisher vor allem von ihrer angenehm direkten Ansprache, fühlt man sich angesichts des jüngsten Outputs nicht mehr wirklich als Teil eines herzlichen Dialoges. Ausnahme: der fantastische Titeltrack mit seinen schmutzigen, beseelten Akkord-Pirouetten.
Wie sehr sich House aktuell um die eigene Geschichte dreht, wird hübsch von Joe Goddard (Hot Chip) veranschaulicht, der kürzlich eine Reihe liegen gebliebener Skizzen seines Studionachbars George T veröffentlicht hat. Komplett analog in den 1990ern entstanden, könnten die schwärmerisch und rau gehaltenen Loops von »I’ll Do Anything« (Greco-Roman) genauso gut einer gecrackten Ableton-Version irgendeines jungen Talentes entsprungen sein. 
In dem Schaffen von Joe McBride alias Synkro sind die Schatten der Vergangenheit dagegen nur noch bei genauer Betrachtung auszumachen. Schließlich findet der aus Manchester stammende Ausnahmeproduzent mit dem längst überfälligen Debütalbum »Changes« (Apollo) endgültig seinen Platz zwischen gespenstischen Ambient-Texturen und spukenden Rhythmus-Figuren.
Eine nicht zu unterschätzende Qualität, die auch der stilistische Multitasker Mark Dobson alias Ambassadeurs grandios beherrscht und mit seinem Debütalbum »Patterns« (Lost Tribe) aufregend durchexerziert. Hier geben keine schnöden Formalien wie bpm oder Taktung die Richtung vor, sondern einzig die verträumte, melancholische Grundstimmung. Und die zieht sich derart konsequent und stimmig durch diese zwölf zwischen House, Downtempo und UK-Bass pendelnden Songs, dass die Skip-Taste gar nicht benötigt wird.
Wenn sich Sizarr-Schlagzeuger Marc Übel mal wieder für sein Soloprojekt Gora Sou zwischen exotischem MIDI-Instrumentarium und obskuren Feldaufnahmen verbuddelt, dann fällt das in der Regel überraschend wenig catchy aus. Gut so, denn irgendwo zwischen all den extraterrestrischen Radiosignalen und abseitigen Ambient-Exkursen trifft »Ramifications« (Orange Milk) eine eigenartig artifizielle Stimmung, die mit gängigen Mitteln wohl kaum zu erzeugen sein dürfte – und gerade deshalb so spannend ist.
Dass der allgegenwärtige Konsens auf holprig tanzbaren Analog-Abhandlungen noch lange nicht abgeklungen ist, unterstreicht auch der Bremer Produzent Qnete mit seinen »Lessons In Finding« (Lobster Theremin). Lektionen wohlgemerkt, die zu gleichen Teilen bockig und grazil wirken, also genau jene Maschinen repräsentieren, denen sie entsprungen sind. So funkt es, wie es nun mal funken muss, wenn sich Anachronismus und Futurismus zu nahe kommen. Wer die zwangsläufige Reibung in Kauf nimmt, wird definitiv nicht enttäuscht.
Romansoff ist so etwas wie Qnetes Bruder im Geiste, der mit »Infinite Dreams« (Mörk) dann auch folgerichtig auf dem Sublabel des Lobster-Theremin-Imprints debütiert. Der aus Bukarest stammende DJ und Produzent sieht sich ebenfalls streng der analogen Aura verpflichtet und kreiert mit seiner jüngsten EP einen wundervoll verträumten und kantigen House-Entwurf, voll von detailverliebten Percussion-Figuren und melancholisch schwelgenden Synthesizer-Flächen.
Mit seinen elegischen und ruhelos zappelnden MIDI-Ornamenten verzückte uns Ross Tone alias Throwing Snow schon im April, nun erscheint mit »Glower / Clasp« (Houndtooth) die zweite von drei geplanten Singles für dieses Jahr. Nicht mehr ganz so eindeutig auf die Tanzfläche zugeschnitten, fügen sich beide Stücke dramaturgisch so schön in die Abfolge, dass man am Ende des Dreiteilers nur auf eine ordentliche Box-Set-Veröffentlichung hoffen kann.