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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Philip Fassing

Maschinenraum #234

Die Neuveröffentlichungen aus dem elektronischen Fach geben sich aktuell so bunt, dass es selbst bärtiger Westcoast-Pop und krautige Psychedelic-Verschnitte in diese Kolumne geschafft haben. Ist das etwa dieser Sommer?
Geschrieben am
Tippt man den Begriff »Hunch« in einen der gängigen Online-Übersetzer ein, dann wird einem dort unter anderem »Buckel« als deutsches Wort ausgewiesen. Keine Ahnung, ob der mittlerweile in Amsterdam lebende DJ und Produzent Hun Choi alias Hunee diese Interpretation im Sinn hatte – auf sein Debütalbum trifft sie jedenfalls zu: »Hunch Music« (Rush Hour) ist buckelig, also grob, ungeschliffen, beseelt und von dem wachen Geist eines notorischen Crate-Diggers gesegnet.

Hunee

Hunch Music

Release: 03.07.2015

℗ 2015 Rush Hour

Mit »6613« (Hyperdub) ist derweil auch DJ Rashads erste posthume Veröffentlichung erschienen, die uns allerdings nur erahnen lässt, wie viel musikalisches Gold noch in der Schatzkammer der im vergangenen Jahr verstorbenen Footwork-Ikone lagern mag. Die erste Hälfte der EP gewährt neue Perspektiven auf Rashads Vorliebe für klassischen Soul, auf der B-Seite dagegen werden die Vorhänge komplett zugezogen und der Bass aufgedreht. Nicht nur für ausgemachte Anhänger der Chicagoer Legende interessant.

DJ Rashad

6613 - EP

Release: 29.06.2015

℗ 2015 Domino Music

Wer indes immer noch nicht darüber hinweg ist, dass James Blake seine spleenigen Post-Dubstep-Miniaturen zugunsten der großen Festivalbühnen aufgegeben hat, der sollte bei Persian Empire um Rat bitten – oder sich einfach gleich seine aktuelle EP »DONC« (Cosmonostro) gegen eine kleine Spende herunterladen. Halb verschluckte Jazz-Harmonien, fahrig collagierte Gesangsschnipsel und nervös zappelnde Hi-Hats stehen eben nicht nur Engländern gut.
Das britische Duo Bicep türmt auf seiner jüngsten EP »Just« (AUS Music) ohnehin lieber ein meterhohes Arpeggio auf, um es dann entschlossen gen Sechs-Minuten-Marke zu rollen. Dafür braucht es nicht mal die obligatorische Betonung des Viervierteltaktes, die auf der B-Seite mit »Back To You (Tranz Mix)« aber wiederum für den überraschenden Höhepunkt sorgt und durch ein Meer aus analogen, leicht überkandidelten Synthesizer-Flächen führt. Durchaus Geschmackssache, aber auch alles andere als Stangenware.

Bicep

Just - EP

Release: 19.06.2015

℗ 2015 Aus Music

Dass Marvin Horschs EP »Deen« (Dorfjungs) endlich ihren Weg auf Vinyl findet, ist nicht nur sinnvoll, sondern längst überfällig. Weitaus zugänglicher als sein nun schon zwei Jahre zurückliegendes Debüt, aber nicht minder verschroben, wickeln einen die vier Songs umgehend in melancholisch blubbernde Synthesizer-Sequenzen und liebevoll modulierte Harmonie-Figuren ein, die zu keinem Zeitpunkt mehr sein wollen, als sie eigentlich sind. 
Gabriel Legeleux alias Superpoze debütiert auch auf Albumlänge und dürfte mit »Opening« (Combien Mille) so ziemlich jeden glücklich machen, der auch nur ein bisschen was für Jon Hopkins, Nils Frahm oder Pantha Du Prince übrighat. Diese anspruchsvollen Koordinaten lassen den Pariser bisweilen ein wenig angestrengt wirken, wirklich starke Momente fallen dabei mit Songs wie »Ten Lakes« oder »Time Travel« aber durchaus ab. Dementsprechend nicht in Gänze überzeugend, aber mit viel Potenzial gesegnet.
Anspruchsvoll gibt sich auch die jüngste Veröffentlichung auf Nicolas Jaars Label Other People. Dort schlägt der aus Turin stammende Produzent Daniele Mana alias Vaghe Stelle einen auditiven Bogen von der futuristischen Kunsttradition seiner Heimat zu den kontemporären Ausprägungen elektronischer Musik. »Abstract Speed + Sound« (Other People) gibt sich seinem Titel entsprechend zwar kryptisch, aber nie so sperrig, als dass flüchtigen Hörern der Zugang gänzlich verwehrt bleiben würde.

vaghe stelle

Abstract Speed + Sound

Release: 06.07.2015

℗ 2015 Other People

Nicht minder kurios, aber weitaus vertrauter in Form und Anmutung ist das Debütalbum des aus Baltimore stammenden Duos Life On Planets. »Curious Palace« (Wolf + Lamb) bietet angenehm schräg interpretierte Disco-, House- und Synthie-Pop-Entwürfe, die ihr Traditionsbewusstsein ausnahmsweise mal nicht hinter einem Schleier des Respekts verbergen, sondern vielmehr spielerisch vor sich her tragen.
John Talabots jüngste Entdeckung, das aus dem Frankfurter Raum stammende Duo Init, macht es dem Hörer dagegen alles anderes als leicht, in die abstrakten Klangwelten ihres Debütalbums »Two Pole Resonance« (Hivern Discs) zu kommen. Psychedelische Texturen und stoische Rhythmusarbeit regieren, lassen aber vor allem nach hinten raus weniger konzeptuelle Strenge walten, als man zunächst annimmt. 
Woolfy vs. Projections schließen mit »Stations« (Permanent Vacation) derweil ihre 2008 begonnene Album-Trilogie ab und schreiben den wahnsinnigen wie stimmigen Eklektizismus des Vorgängers »The Return Of Love« konsequent fort. Das Gemenge aus Disco, Westcoast-Pop, Balearic und Dub suggeriert zahlreiche Brüche, ist dabei aber derart gekonnt verfugt, dass keinerlei Nahtstellen mehr auszumachen sind und es so zum perfekten Begleiter durch den Sommer wird.