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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Radio Autumn Attic

Martin Newell

Seit die Zeitung Independent seinen Gedichten und Glossen nicht mehr so viel Platz einräumt wie noch zu Beginn der Dekade, haben sich Martin Newells Lesereisen als dessen Haupteinnahmequelle herausgebildet. Besonders der autobiografische Roman “This Little Ziggy”, der die Bemühungen eine
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Seit die Zeitung Independent seinen Gedichten und Glossen nicht mehr so viel Platz einräumt wie noch zu Beginn der Dekade, haben sich Martin Newells Lesereisen als dessen Haupteinnahmequelle herausgebildet. Besonders der autobiografische Roman “This Little Ziggy”, der die Bemühungen einer Provinz-Glamrockband auf ebenso kurzweilige Art zusammenfasst, wie die Aufzeichnungen seines späteren Cleaners-From-Venus-Kompagnons Giles Smith (“Lost In Music”; siehe Artikel im Intro #93) erfreuen sich auf der Insel großer Beliebtheit. Einige Kapitel daraus, so etwa die hübsche Geschichte der schwierigen Entleerunsaktion einer Tombolakugel, die im Backstage-Raum als Pisspott herhalten musste, gibt der Autor am Ende von “Radio Autumn Attic”, seinem vierten Album unter eigenem Namen, zum besten. Wie bereits der 2000er-Vorgänger “The Spirit Cage” wurde es im Heimstudio von New Model Army Nelson mit geringst möglichem Aufwand eingespielt, obwohl - wie aus internen Kreisen zu hören war - auch XTCs Andy Partridge an einer erneuten Zusammenarbeit interessiert gewesen wäre.
Doch Newell, der bereits zu Cleaners-From-Venus-Zeiten am liebsten allem, was von seiner vertrauten Arbeitsweise am Vierspur-Rekorder abwich, aus dem Weg gegangen wäre, zog die Beschaulichkeit vor. Diesmal aber leider auf Kosten des Albums. Billige Drumcomputerbeats mögen ja manchmal als Stilmittel gereichen (und verliehen dem Cleaners-Frühwerk auch einen gewissen Charme), hier aber klingen sie nach einer Verlegenheitslösung, die dem Sound der diesmal leider nicht sehr üppig vertretenen Glanzpunkte eher abträglich ist. “Radio Autumn Attic” ist das erste Werk von Newell, das sich den Vorwurf der Selbstkopie gefallen lassen muss. So hört sich “Live As A Broken Doll” wie ein laues Remake von “Goodbye Dreaming Fields” an, “Beat Street” gar wie ein Outtake seiner Frühachtziger-Power-Pop-Band Stray Trollies, und Newells Beatles-Vorliebe erschöpfte sich früher nicht im Mehrfachgebrauch des Gitarrenriffs von “Fixing A Hole”. Schade, schade, da soll endlich einmal das erklärte Vorbild der bundesrepublikanischen Kassettenszene (die Cleaners From Venus machten es dem Fast-Weltweit-Label und dem Telekakao-Club schon Mitte der Achtziger vor, dass liebevoll gemachter Minimal-Pop seine 300 glücklichen Abnehmer finden kann) in einer Intro-Rezension gewürdigt werden, und dann liefert Newell sein schwächstes Werk seit “Town & Country” (der ‘88er-Cleaners-Platte auf RCA Deutschland!) ab. Dafür bietet Joachim Reinbold, der sich auf seinem Jarmusic-Label seit bald zwanzig Jahren und mit rund zwei Dutzend Veröffentlichungen rührig für die Verbreitung des Newell’schen Oeuvres einsetzt, eine Menge Alternativen in seinem Versandprogramm. Besonders empfohlen seien hier der Raritäten-Mix “My Back Wages” und die Vinyl-Ausgabe der “Spirit Cage” (mit lyric sheet & Bonus-7-Inch) oder auch die umfangreiche Cleaners-Kassettografie, die jetzt komplett auf CD vorliegt. Puh, genug der Werbung!