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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Counterfeit 2

Martin L. Gore

Einmal mehr ein Coveralbum. Schon "Counterfeit", das Solodebüt von Martin Gore, bestand nur aus Coverversionen. Und irgendwie war es klar, dass es auch diesmal so werden würde, zu oft betont er in Interviews, wie lange es jedes Mal dauern würde, bis er alle Songs für ein Depeche-Mode-Album zusammen
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Einmal mehr ein Coveralbum. Schon "Counterfeit", das Solodebüt von Martin Gore, bestand nur aus Coverversionen. Und irgendwie war es klar, dass es auch diesmal so werden würde, zu oft betont er in Interviews, wie lange es jedes Mal dauern würde, bis er alle Songs für ein Depeche-Mode-Album zusammen habe. Keine Zeit zu verlieren also. Genau das macht auch das erste Stück "In My Time Of Dying" (im Original ein von Bob Dylan arrangiertes Traditional) deutlich. Ein Song über das Sterben. Ein friedlicher Song über das Sterben. Gore singt davon, dass sich Jesus um alles kümmern wird und dass bitte schön niemand heulen soll. Das klingt so, als ob da einer im Reinen mit dem Prinzip Leben und Sterben ist - oder aber, dass er es gerne wäre. Oft tragen wir ja auch nur den Wunsch als scheinbaren Spiegel unserer Existenz vor uns. Selbstbetrug, das tiefste und dauerhafteste Prinzip allen menschlichen Seins.

Denn wie sehr muss man von Gott, der Natur oder an wen man gerade sonst so glaubt, gestraft sein, dass man sich damit abfinden kann, in seiner Wirkungsessenz beschränkt zu sein? Wer sich da nicht verarscht fühlt, dem ist doch nicht mehr zu helfen. Nein, man muss gar nicht so egozentrisch-selbstverliebt sein, dass man nach der Ewigkeit begehrt. Wenn die Leute mal ehrlich wären, mehr über das Leben und den Tod reflektieren würden, dann würden sie sich auch eingestehen, dass sie verdammt stark geführt werden von der Anwesenheit des Todes in ihrem Sein: Denn was ist es sonst, wenn alle immer Kinder wollen? Neben der Angst, im Alter allein und für sich verantwortlich zu sein, geht es doch auch um das Leugnen der eigenen Endlichkeit. Und das Schlimmste dabei: Man kann es nicht ändern. Wenn man sonst den Oberen, den Machthabenden und -ausübenden nichts glaubt, an diesem Punkt scheint leider wirklich was dran zu sein, gehen doch auch sie ihren Weg unter die Erde. Hm, obwohl, vielleicht sollte man mal buddeln gehen an den Gräbern der Top 20 of Politik und Ökonomie, am besten in Amerika. Denn wenn was geht, dann da. Das ist klar.

"In My Time Of Dying" ist ein guter Startpunkt, denn Gore gibt mit ihm eine Stimmung vor, die er nicht mehr brechen wird - einzig "Loverman", eine Nick-Cave-Coverversion, soll später mit ihrem rockigen Gestus und Gores ausnahmsweise extrem expressiver, nicht gedrosselter Stimme etwas aus der dunklen, nachdenklichen, ruhigen Atmosphäre herausbrechen. Es ist aber keine depressive Melancholie, die "Counterfeit 2" prägt, keine dich allzu sehr runterziehende, sondern eher eine anstupsende, eine, die dich fühlen lässt. Fühlen, dass da was unheimlich Schönes ist, das Leben eben, das in seinem Arrangement neben so viel Stimulierendem und Euphorie-Stiftenden aber auch Falsches mit sich trägt, Vergänglichkeit zum Beispiel. Oder Einsamkeit. Die Einsamkeit, wie sie beispielsweise der Rockstar in "Stardust" spürt und die auch Gore nur allzu gut kennt. Von sich. Und von dem Mann an seiner Seite, gerade was das untrennbare Paar Drogen/Einsamkeit angeht, das in "Stardust" die Hauptrolle gibt.

Das Erstaunliche ist, dass Gore all das mit den Songs und Worten anderer ausdrückt. Sein Puzzle gibt den Songs ein derart stimmiges Umfeld, dass man - ohne Kenntnis des Konzepts Coveralbum und einiger Originale - gar nicht auf die Idee kommen würde, dass hier jemand seine Aussage aus denen anderer generiert. Es ist schon ein hoher Anspruch an ein reguläres Album, dass ein Künstler mit einer derartigen Konsequenz und Stringenz agiert, für ein Coveralbum, das normalerweise eher am Abgrund zum Debakel balanciert, stets dem affirmativen Pleasen der Meute näher steht als dem wirklichen Kreieren einer eigenen Interpretation (die meisten setzen covern als popistisches Moment in ihr Schaffen, da ihnen selbst bis zu diesem Zeitpunkt nicht genügend Songs mit einer derartigen Prägnanz gelungen sind, bei denen die Fans und andere mit frenetischem Jubel und wissendem Nicken reagieren), dem Erklimmen der nächsten Stufe. Das nicht nur in jedem einzelnen Fall zu schaffen, sondern durchgehend, zeugt fast schon von magischen Fähigkeiten. Oder, weniger pathetisch-esoterisch gesprochen, von einer sehr, sehr großen Sorgfalt bei der Auswahl und Herangehensweise.

Jene Magie oder Sorgfalt hat Gore scheinbar problemlos aus dem Depeche-Mode-Songwriting-Kontext auf den Martin-L.-Gore-Adaptions-Songwriting-Kontext überführt. Nicht nur textlich ist das hier stringent, auch musikalisch klingt es Song für Song wie ein Depeche-Mode-Album, aber eben ein ohne die energetischen Power-Gahan-Momente auskommendes Depeche-Mode-Album, und zeigt so nur einmal mehr das, was wir alle eh schon wissen: Gore ist der Marionettenspieler, ohne den die beiden anderen nichts wären. Wobei angemerkt werden muss, dass das nichts Schlimmes ist, denn erstens ist es zumindest einem von ihnen gar nicht so bewusst. Und zweitens profitieren alle von diesem System. Aber es ist auch nicht so, dass Gore autark und ohne ein Reflektieren der anderen die Songs für Depeche Mode schreibt - das zeigt "Counterfeit 2" ganz deutlich. Wo Gore sonst für drei zu sprechen scheint - und das wohl irgendwie auch muss, denn der Song ist nun mal für das Performance-Trio Depeche Mode kreiert (und keine andere Band ist so sehr auch eine Liveband wie Depeche Mode, das wissen wir nicht erst seit der Tourdoku "Music For The Masses") -, spricht er auf "Counterfeit 2" nur für sich. Und kreiert so eine ganz neue Ehrlichkeit - mit den Worten anderer wohlgemerkt, und das kann in seiner großen Leistung gar nicht oft genug betont werden.

"Counterfeit 2" schließt soundtechnisch direkt beim letzten Depeche-Mode-Album "Exciter" an. Gores Versionen der Stücke von Julee Cruise, Kurt Weill, John Lennon / Yoko Ono, David Bowie / Iggy Pop, Lou Reed und etlichen anderen klingen wie reduziertere, in sich zusammengekaute Versionen der "Exciter"-Songs. Sie sind genauso crispy, clickend, knarzig und detailversessen wie diese, aber in ihnen ist nicht dieses ganz große Pathos angelegt, mit dem Gore die Momente des Dave Gahan zu inszenieren pflegt, die in dieser anderen Rollenvermittlung den Pop-Appeal von Depeche Mode ausmachen. Vielleicht ist das die Tragik von "Counterfeit 2".

Das Album macht einmal mehr deutlich, dass Pop auch bestimmte Charaktere braucht, die ihn transportieren. Und als ob Gore, selbst ein wichtiger Charakter, das geahnt habe, verzichtet er darauf, sich in die Rolle des noch größeren Charakters spielen zu wollen, beschränkt sich lieber früher und findet sich so wohl auch damit ab, dass dieses Album nicht so breit rezipiert werden wird wie "Exciter" - und gibt damit vielleicht auch eine deutliche Message gen Dave Gahan ab: Man muss sich im Leben immer bewusst sein, was man kann und was man besser nicht machen sollte. Das widerspricht zwar jetzt allem DIY-Punk, den ich sonst predige, angesichts meiner Kenntnis des da kommenden "Ich will auch mal Songwriter sein"-Gahan-Albums geht es aber nicht anders.

Und wenn als letztes Lied "Candy Says" erklingt, wenn die blauen Vögel hinter der Schulter verschwinden, dann ist sie endgültig da, diese eine Träne, die die ganze Zeit schon raus wollte. Aber auch ein glückliches Lächeln auf der Wange, denn dieser Vogel fliegt freiwillig und agil nach oben. Das wünschen sich doch alle immer - selbst jene, die sich nicht damit abfinden wollen, vergänglich zu sein. Aber Candy sagt auch, dass sie ihren Körper und seine Bedürfnisse in dieser Welt hasst. Ob das der einzige Schlüssel zum Arrangieren (welch schlimmes Wort) mit dem Ableben ist? Geht das Loslassen wirklich nur, weil die Natur uns langsam, aber sicher zerlegt? Dann vielleicht doch lieber ausbrennen ...

Thomas Venker

Interview: Thomas Venker / Michael Krumbein

Lass uns mit dem ersten Stück auf der Platte anfangen. "In My Time Of Dying" ist nicht unbedingt das, was man zu Beginn einer Platte erwartet. Ist der Tod ein Thema, das dich so sehr beschäftigt?

Ich hatte schon immer eine Obsession mit dem Tod. Ich kriege oft Panik-Attacken und denke dann immer, dass ich sterbe. Es gibt überhaupt keinen konkreten Anlass, aber ich rede mir dann ein, dass ich sterbe. Ich mag den Song sehr, es ist ein sehr schöner Song über den Tod, der versucht, einem Trost im Tod zu spenden. Er hat dieses christliche Motiv, dass Jesus dir beim Tod hilft.

Ich denke ja, dass die Menschen zu wenig über den Tod nachdenken. Wenn sie sich sagen würden: "Ich habe 70 Jahre, um etwas zu erreichen", dann würden sie ihr Leben und ihren Umgang mit anderen Menschen sicherlich überdenken.

Viele Gesellschaften gehen ja mit dem Tod anders um als wir, und anscheinend machen sie es so wesentlich besser, weil sie nicht davor wegrennen.

Wenn du schon so viel über den Tod nachdenkst, ist es doch überraschend, dass du zu diesem Zeitpunkt in ein Flugzeug steigst und Europa bereist [das Interview fand kurz vor Kriegsbeginn statt], wo viele US-Künstler doch genau das jetzt vermeiden.

[lacht] Ich hatte eine lange Panik-Attacke den ganzen Flug über. Die einzige Möglichkeit war, eine Schlaftablette zu nehmen und die meiste Zeit zu schlafen. Aber man muss einfach weitermachen. Klar, es macht zur Zeit keinen Spaß, durch die Gegend zu fliegen, und den Gedanken, jetzt durch die europäischen Metropolen zu reisen, finde ich auch unangenehm. Aber man kann auch nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun.

Das zweite Stück des Albums, "Stardust", ist eine zynische Abrechnung mit dem Leben als Popstar. Du hast es auch als erste Single ausgewählt. Wie viel von deinen persönlichen Erfahrungen stecken in dem Song?

Der erste Grund, überhaupt irgendeinen Song für diese Platte aufzunehmen, war, dass er mir wirklich gefiel. Bei diesem hier gefiel es mir, dass er zu einer Zeit erschien, als ich mich so richtig für Musik zu begeistern begann. Alle Kids, so im Alter von 12 bis 16, sind verrückt nach Musik. Und als ich gerade anfing, meine ersten Singles zu kaufen, habe ich auch meine erste David-Essex-Platte gekauft. Der Song stammt ja aus dem Film "Stardust", der vom Niedergang eines Rockstars handelt, der so richtig auf Droge ist. Der Song fasst wirklich sehr gut die Einsamkeit zusammen, die man als Popstar erfährt.

Es wäre also nicht verkehrt, einige deiner eigenen Erfahrungen in den Song zu interpretieren?

Nein, ich denke, dass der Song für mich eine größere Relevanz hat als für die normale Person auf der Straße. Einige der Textzeilen erscheinen sehr persönlich.

Merkst du manchmal, dass Leute wegen deines Superstar-Status' bestimmte Ideen nicht an dich herantragen? Dass zum Beispiel jemand, der ein kleines Elektronik-Festival organisiert, dich gar nicht erst versucht zu buchen, weil er denkt: "Das ist der Typ von Depeche Mode, den kann man nicht fragen"?

Nein, ich bekomme schon einige Angebote. Für die Zeit, nachdem ich die Promotion für diese Platte abgeschlossen und ein paar Konzerte gespielt haben werde - keine große Tour, vermutlich fünf, sechs Shows in Europa und eine in Amerika -, habe ich ein paar Termine angeboten bekommen, auf Festivals zu spielen. Ich überlege sogar, aufzulegen. Das sind interessante Sachen. Ich bekomme schon einige Angebote, habe aber selten die Zeit, das anzunehmen, da ich normalerweise immer mit etwas anderem beschäftigt bin.

Fährst du manchmal zu solchen Festivals wie Mutek oder zum Sonar - wo ich auch mal Fletch getroffen habe -, um dir die kleineren Acts anzugucken?

Ich war noch nie beim Sonar oder einem solchen Festival. Da ich ja nun auch in Amerika lebe, erscheint es mir immer wie ein Mordsaufstand, zurückzukommen.

Und diese Sachen, die in Los Angeles passieren? Wie zum Beispiel die Szene um Kit Clayton, verfolgst du die?

Ich interessiere mich schon seit Jahren sehr für die Underground-Elektronik-Szene. Ich habe zuletzt nicht mehr aufgelegt, tue das aber immer wieder mal und spiele dann Low-Key-Elektronik-Zeug. Nicht so Sachen mit Beats, sondern eher abstraktes Zeug.

Hast du jemals darüber nachgedacht, ein Label zu starten, so, wie es jetzt dein Kollege Fletch gemacht hat?

Ich glaube, dass es schwer ist, genug Sachen zu finden, die man auch veröffentlichen will. Ich würde wahrscheinlich ein oder zwei Platten pro Jahr finden, die ich liebe und rausbringen möchte. Dann muss man sich um Acts kümmern und wirklich hinter den Sachen stehen, die man veröffentlicht. Ich würde ungern Platten rausbringen, die ich nur mittelmäßig finde.

Aber Fletch macht doch genau das. Er hat nur diese eine Band, Client, um die er sich von Aufnahme bis Marketingstrategie kümmert. Er ist sehr glücklich damit, eine Platte pro Jahr zu veröffentlichen.

Das ist doch schön für ihn.

Bist du dir der Parallelen zu Vince Clarks und Erasures Output bewusst? Die haben jetzt ja auch ein Coveralbum veröffentlicht.

Dieses Mal war ich schon etwas interessierter, als ich es sonst bin. Ich hatte zufällig mit Gareth Jones gesprochen, der mit Erasure viel zusammengearbeitet hat, als ich gerade mit meinem Projekt anfing. Er sagte: "Ach, du nimmst ein Coveralbum auf? Das ist ja interessant. Ich habe gerade eines mit Erasure aufgenommen." Mir war also schon, als ich mit der Arbeit an meinem Album anfing, klar, dass Erasure auch ein Cover-Album aufnehmen. Ich habe ein Exemplar der Platte vor vier Wochen bekommen und muss sagen, dass ich glücklich bin, dass es mit meiner rein gar nichts zu tun hat. Das ist etwas komplett anderes. [lacht] Ich hatte auch nicht erwartet, dass die etwas Vergleichbares machen würden.

Man konnte schon an "Exciter" feststellen, dass es dich wieder zu mehr Elektronik zieht. Die Entscheidung für Mark Bell als Produzent war offensichtlich. Dein Solo-Album geht da sogar noch weiter in diese Richtung.

Ich komme gerade vom Pressetermin in Frankreich, und viele Leute dort meinten, Parallelen zwischen "Counterfeit 2" und "Exciter" erkennen zu können: die Verwendung von Elektronica und auch der Minimalismus. Es ist ganz einfach eine Reflexion dessen, was mich zur Zeit interessiert.

Aber "Minimal" ist da doch schon Understatement. Du hast ja viel Arbeit in die Sounds gesteckt, irgendwas passiert immer. Man hört bei jedem Durchgang neue Details.

Diese Platte ist ganz anders als die erste "Counterfeit". Damals habe ich alle Sachen ganz einfach zu Hause programmiert und bin dann für nur kurze Zeit mit Rico Conning ins Studio gegangen. Wir haben es so aufgenommen, wie ich es programmiert hatte, und waren in wenigen Wochen fertig. Dieses Mal war ich mit Andrew Philpott, der auch die Live-Sachen für Depeche Mode programmiert, und Paul Freegard, der mit mir die Vorproduktion von "Exciter" gemacht hat, acht Monate konstant im Studio.

Wie empfindest du es eigentlich, wenn andere Leute Depeche-Mode-Songs covern? Jetzt gerade hat Talla2XLC "Enjoy The Silence" gecovert, Playgroup haben "Behind The Wheel" neu aufgenommen. Hörst du dir so etwas an, und was denkst du darüber?

Mein Verlag trägt immer wieder Freigaben an mich heran, und ungefähr 95% der Coverwünsche kommen aus irgendeinem Grund aus Deutschland. Die meisten Versionen mag ich nicht besonders. Von vielen höre ich nie wieder etwas. Normalerweise gebe ich die Songs einfach frei. Es war andererseits eine große Ehre, dass Johnny Cash "Personal Jesus" gecovert hat. Das war überwältigend.

Das gibt dir doch auch den Respekt, den du lange für dein Songwriting vermisst hast, oder? Man hat dir zwar den Ivor Novello Award verliehen, aber ansonsten hast du dich doch schon darüber beklagt, dass man dein Songwriting nicht angemessen schätzen würde.

Ja schon. Auf der anderen Seite respektiere ich Johnny Cash jetzt aber auch mehr. Weil ich denke, dass er sehr offen gegenüber neuer Musik ist. Man würde ja nicht wirklich vermuten, dass er sich Nine Inch Nails anhört. Ich mochte auch das "For The Masses"-Album aus dem Jahr 1998. Einfach nur, weil es so abwechslungsreich ist. Es machte mir bewusst, dass wir auf so vielen musikalischen Gebieten Einfluss hatten und nicht nur auf einem.

Wobei ich am überraschendsten fand, dass The Cure mit auf der Platte waren. Die sah ich eigentlich immer auf einer Augenhöhe mit euch, weniger als den klassischen Fan.

Wobei wir ja Freunde sind. Robert war immer sehr freundlich.

Ich habe mich gefragt, ob du die Turner-Platte kennst? Ich finde, sie ähnelt deiner Platte sehr.

Nein, die kenne ich nicht.

Turner hat eine Konzeptplatte über die Liebe aufgenommen - wobei das Konzept hier fast stört, da das Wort das Empathische am Album ein bisschen absorbiert. Worauf ich hinaus will, ist: Würdest du unterschreiben, dass deinem Album, auch wenn es ein Coveralbum ist, ein Konzept zugrunde liegt, eine Geschichte, die du durch die Auswahl und die Anordnung der Songs erzählen willst?

Ich denke, dass wie bei unseren Alben da ein Pfad ist, der durch alle diese Songs läuft. Wenn ich mir die Ideen hinter den Songs ansehe, dann sind es dieselben Themen wie hinter den Songs, die ich selbst schreibe. Das ist nun mal das, was mich interessiert. Ich denke, die Songs funktionieren meiner Ansicht nach schon als Ganzes, auch wenn sie von verschiedenen Leuten kommen. Macht das für dich Sinn? [lacht]

Jaja, sicher. Ohne diesen Zusammenhalt der Songs käme so eine Platte sicher wie ein Sampler rüber. So aber ist es durchaus als ein Künstleralbum zu bewerten.

Ich denke schon, dass da eine Atmosphäre ist, die durch das ganze Album durchläuft. Der einzige Track, über den ich mir sehr Sorgen gemacht habe, war "Lost In The Stars", weil er traditioneller - mit Klavier und Streichern - aufgenommen wurde. Ich war mir nicht sicher, wie er so zwischen den anderen Songs erscheinen würde. Ich denke aber, dass er funktioniert - weil das Album diese Grundidee hat. Ich musste ihn vorsichtig platzieren. Er hätte sicher neben einigen bestimmten Songs nicht funktioniert, aber da, wo er jetzt ist, ist er gut aufgehoben. Und liefert auch etwas Erleichterung zwischen den ganzen elektronischen Sachen.

Warum hast du dich entschieden, den Song nicht elektronisch zu arrangieren?

Der Song ist so komplex, die Akkorde sind wirklich sehr wichtig bei dem Stück. Jeder Song hat etwas, was sehr wichtig ist, und hier sind es meiner Meinung nach die Akkorde. In dem Moment, als ich versuchte, das in einen Elektronik-Kontext zu übertragen, ging das Erasure-Meter in die Höhe [lacht]. Die schönste Version des Songs stammt übrigens von Lotte Lenya.

Das bringt uns zu der Frage, ob es eigentlich irgendeine musikalische Epoche gibt, die dich nicht interessiert.

Nein. Und ich bin ehrlich gesagt auch etwas traurig, auch wenn die Platte schon sehr vielfältig ist, dass ich einige meiner Vorlieben nicht unterbringen konnte. Ich mag Gospel und wollte gerne einige Gospelsongs covern, die passten dann aber nicht zu der Platte und der Atmosphäre. Ich konnte das also nicht machen. Ich war auch überrascht, dass der Nico-Song auf der Platte schon so alt ist. Ich habe mich dann mal auf die Suche nach dem Original gemacht. Ich habe jetzt eine Platte aus den 50er-Jahren, obwohl ich glaube, dass das Stück sogar noch älter ist. Die Qualität ist so schlecht, dass es eigentlich in den 30er-Jahren aufgenommen worden sein muss.

Du hast dich also selbst um diese ganze Recherchearbeit gekümmert?

Ja, nachdem mir zum Beispiel klar war, dass der Song gar nicht von Nico ist, wollte ich mein Cover nicht auf ihre Version aufsetzen. Ich wollte eine Originalversion des Songs finden.

Hast du nie darüber nachgedacht, ein Soloalbum mit eigenen Songs aufzunehmen?

Da gibt es einen Konflikt, sollte ich als Teil von Depeche Mode eigene Songs für meine Soloarbeit nutzen. Ich bin kein so ergiebiger Songwriter, sodass sich die anderen beschweren würden, dass die Pause zwischen den Depeche-Mode-Platten noch länger würden. Es sind ja jetzt schon drei oder vier Jahre zwischen DM-Platten. Würde ich meine eigenen Songs veröffentlichen, wären wir schnell bei sechs Jahren. Das würde die anderen beiden bestimmt nicht gerade begeistern. Und in so ein Phil-Collins-Genesis-Szenario ausarten - alleine der Gedanke daran ist beängstigend. [lacht]

Gibt es zwischen euch dreien eigentlich einen Austausch? Zwischen Dave und dir zum Beispiel, jetzt, wo ihr beide Soloplatten gemacht habt?

Ich habe einige von Daves Songs gehört, ganz zu Beginn seiner Arbeit, ich denke aber, dass das sehr einfache Versionen, frühe Demos waren. Ich habe seitdem nichts mehr gehört, weiß aber, dass es jetzt fertig ist. Ich habe gestern mit ihm gesprochen, und er hat meine Platte auch noch nicht gehört. Wir sehen uns nicht wirklich oft: Er lebt in New York, ich in Santa Barbara ...

Wenn ihr als DM arbeitet, seht ihr euch wohl genug ...

Ja, wenn wir an so einem Projekt arbeiten, leben wir mehrere Jahre miteinander.

Ich denke, der untypischste Song für dich auf der Platte ist der von Nick Cave, weil er so maskulin und aggressiv ist. Hat es Spaß gemacht, sich mal in solchen Emotionen auszuleben?

Das ist in der Tat der Song, der sich vom Rest abhebt. Auch, weil ich da mal nicht geflüstert habe, sondern die Worte richtig rausschreie. Das hat Spaß gemacht. Ich wollte unbedingt einen Nick-Cave-Song covern, und es kam mir falsch vor, den so ruhig wie die anderen zu singen. Ich wollte ein Nick-Cave-Feeling haben.

War es sehr schwer, das zu erreichen?

Es war nicht sonderlich schwierig, ich musste mich nur in eine andere Gedankenwelt begeben.

Hast du eigentlich was vom DAF-Revival gehört?

Nein. Gibt es da ein Revival?

Ja, sie haben letztes Jahr auf der Love Parade einen Reunion-Gig gegeben, und seit Montag ist ein neues Album draußen.

Wirklich? Mit neuen Songs? Das klingt interessant ...

Nein, tut's nicht ...

Nein? [lacht]

Das Label wollte keine Promos verschicken, sodass wir 75 Minuten mit ihnen in einem Tonstudio saßen und uns die Platte anhören mussten. Die Musik war wie dieser belgische Techno vom Ende der 80er-Jahre, und Gabi singt diese wirklich schlechten Texte. 15 Songs - und zwei sind okay. Der Rest ist echt ...

Das ist schade. Sie waren mal eine meiner Lieblingsbands.

In Deutschland erschien letztes Jahr "Verschwende deine Jugend", ein Buch über die Punkbewegung Ende der 70er- / Anfang der 80er-Jahre, und darin enthalten ist eine Passage, wo Gabi sagt, er würde nie wieder etwas mit DAF machen. Er könne mit dem Verkauf von Drogen

mehr Geld verdienen und habe den Mist nicht mehr nötig. Zwei Jahre später tut er es doch ...

Das ist witzig, dass du erzählst, sie hätten euch in ein Studio bestellt. So idiotisch, wie das klingt - aber wir haben zum Beispiel gestern erfahren, dass mein Album schon bei Ebay verkauft wird. Das ist umso komischer, da die Promos dieses Wasserzeichen haben und wir genau sagen können, wessen Original-CD dazugehört. Und trotzdem können wir nicht viel machen. Das ganze System ist so löchrig. Wir können dem Besitzer der CD nichts nachweisen. Er kann immer noch sagen, dass man ihm das Original geklaut habe oder dass jemand es, ohne dass er es bemerkte, kopiert habe. Na ja, jetzt ist es draußen ... [lacht]

Das scheint dich aber nicht wirklich zu ärgern ...

Schon bevor die Platte raus war, sagte Daniel von Mute mir, dass er der Meinung sei, dass das Internet für diese Platte ein super Promotion-Tool sei. Ich glaube also nicht, dass es großen Schaden verursachen wird.

Ähnlich seid ihr ja auch schon bei der "Exciter" vorgegangen, wo ihr vorab kurze Stücke der Songs auf eurer Homepage eingestellt hattet.

Ja, genau.

Man erzählt sich, dass du nachts oft stundenlang an Hotelpianos sitzt und Songs spielst. Kannst du sagen, wie viele Songs du eigentlich so in petto hast?

Es sind Tausende, ich hatte eine sehr traurige Kindheit. [lacht] Als ich noch ein Kind war, kaufte ich mir jede Woche dieses Heft, es hieß Disco 45. Da waren die Texte der ganzen Chartshits drin. Und ich habe zu Hause Stunden damit verbracht, dazu Gitarre zu spielen und mir die Akkorde beizubringen. Aus irgendeinem Grund sind diese ganzen Texte - so bis zum Jahr 1980 - immer noch in meinem Kopf. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass man einige Gehirnzellen verliert, aber ab 1980 kann ich mich an keinen Songtext mehr erinnern. [lacht]

Das Phänomen kenne ich: Ab einem bestimmten Alter konnte ich mir auch keinen Songtext mehr merken. Bei mir war es mit 26: Ich kann ganze Alben auswendig, aber seit meinem 26. Geburtstag bleibt nichts mehr hängen.

Wie kommt das nur? Ich verstehe das nicht.

Als ich kürzlich mit Fletch sprach, erzählte er mir, dass du in Besitz dieses ominösen "Toast Hawaii"-Tapes bist, das ihr als Depeche Mode 1986 in Berlin aufgenommen habt. Fletch singt, Dave spielt Schlagzeug, und ihr habt da Coverversionen eingespielt. Das gilt ja als Fletchs Solo-Album, das du ihm aber nicht geben willst.

Sobald ich es geschafft habe, die Sachen auf CD zu überspielen, gebe ich ihm eine Kopie. Das war schon komisch: Jemand gab mir dieses Tape, und ich hatte keine Abspielmöglichkeit. Ich musste es mir auf dem Hello-Kitty-Kassettenrecorder meiner Tochter anhören. Der meiner Tochter hat aber keinen Line-Ausgang, sodass ich erst noch einen Kassettenrecorder kaufen muss, um es zu überspielen.

Das andere Projekt, von dem er mir erzählte, war die DM-Remix-Compilation, für die er sich gerade durch 18 CDs hört. Bist du da irgendwie involviert?

Ich fürchte, das müssen wir uns alle mal anhören. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich sowieso gegen diese ganze Geschichte. Na ja, wir arbeiten aber demokratisch, sodass ich hier nicht sagen werde, dass die Platte nicht rauskommt. Momentan sehe ich aber keinen Sinn darin, eine Platte mit alten Remixen rauszubringen. Die müssen wirklich gut und auch repräsentativ für unsere Bandgeschichte sein. Da 15 oder auch nur zehn auszuwählen ist sehr schwierig.

(Mute / Emi)