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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eat Me, Drink Me

Marily Manson

Spieler1: Na, hier funktionieren die Buschtrommeln ja sehr gut. Schon vor dem offiziellen VÖ der Platte fanden sich auf Amazon mehr Kundenrezensionen als bei manchen anderen Blockbusterplatten, nachdem sie ein Jahr draußen sind. Obwohl: So eine Aussage impliziert ja auch das Dilemma, dass das Album
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Spieler1: Na, hier funktionieren die Buschtrommeln ja sehr gut. Schon vor dem offiziellen VÖ der Platte fanden sich auf Amazon mehr Kundenrezensionen als bei manchen anderen Blockbusterplatten, nachdem sie ein Jahr draußen sind. Obwohl: So eine Aussage impliziert ja auch das Dilemma, dass das Album im Vorfeld schon “geleakt” sein könnte und illegalen Absatz fand. Und das trotz all der Sicherheitshysterie, die um große (bis hin schon zu überhaupt nicht großen) Acts betrieben wird. Aber das soll hier nicht Thema sein, es geht um das Thin White Monster, den beliebten Zwei-Meter-Vampir mit Absinth-Schwäche und Künstlerseele. Typischer Frankenstein-Topos. Gewalt, das Spiel mit der gesellschaftlichen Ablehnung, Schaffenskraft und Feinsinn hinter der rohen Fassade. Finde ich auf “Eat Me, Drink Me” auf jeden Fall auch wieder. Mir gefällt, dass sich die Brachialität der Songs nicht so einfach wie früher auf ein banales Pop-Songschema runterrechnen lässt. Viele Hits von ihm klangen ja nur hart, waren aber eigentlich Travis mit Presslufthammer und Geisterbahn. Die Zielgruppe meckert übrigens über Techno-Beats, meint damit wohl die Industrial-Momente. Die hatte er ja schon immer, nur vielleicht nie so schroff. Ist das vielleicht auch was für dich? Du könntest ja an dem Kunst- bzw. Selbstinszenierungskonzept andocken. Marilyn Manson ist ja immer auch so bisschen ein entstellter Oscar Wilde. Aber dessen pompöser Hedonismus passt vermutlich nicht in deinen Literatur-Fetisch um Thomas Bernhard und die karge Verneinungspose. Oder?

Spieler2: Ich möchte zuallererst auf einen anderen Punkt einsteigen: die Passage mit dem Zwei-Meter-Vampir. Das lässt mich nämlich gerade an Pete Steele von Type O Negative denken, du weißt schon, an den Mann mit dem 2-Meter-Penis. Der soll ja am Wochenende bei Rock am Park/Ring nicht mehr ganz so frisch performt haben. Man bekam Kunde von einem 20-Minuten-Auftritt, bevor ihm die Puste ausging und er abbrechen musste. Worauf ich hinaus will: Type O Negative haben mich musikalisch noch nie interessiert, vor ihrem Weltbild und den Characters ekle ich mich – insofern bin ich ganz unten mit dem Weg, den diese Band geht. Bei Marilyn Manson geht es mir musikalisch ähnlich, als Type fand ich ihn allerdings eine Zeit lang wirklich spannend und auch gar nicht so blöd, wie er oft gedeutet wurde. Er war schon solide inszeniert, da wurden die Kunst-Hausaufgaben gemacht. Und er hatte auch genug einzubringen, um unsere Kneipendiskurse einen Sommer lang zu speisen – aber dann war doch die Luft raus. Und das ist jetzt auch schon wieder einige Jahre her. Insofern habe ich hier weder etwas erwartet noch erhofft, das ist die Ebene Stars, die sich irgendwie immer noch auf einem gewissen Level weiter durchwurschteln, notfalls irgendwann in Las Vegas andocken; den Dreh zurück zum spannenden, zeitrelevanten Werk finden Typen wie der jedoch nicht mehr. Die Angst vor ihm ist weg, jetzt ist er nur noch ‘ne amerikanische Showtype mehr. Von daher muss man neue Veröffentlichungen auch eher als Anlass für Touren lesen denn als zur Disposition stehende Kunstwerke.
Linus Volkmann (1) / Thomas Venker (2)