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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Telekom Electronic Beats presents 313ONELOVE

Marie Staggat über ihren Detroit-Fotoband

Die Detroiter House- und Techno-Szene hat schon in den Neunzigern ein Zuhause im Berliner Club Tresor gefunden. Es ist also mehr als ein »perfect match«, wenn dort am 31. März bei der »Telekom Electronic Beats presents 313ONELOVE«-Party ein Fotoband gefeiert wird, der eine Liebeserklärung an die Protagonisten der Detroit-Szene ist. Und es ist auch kein Zufall, dass die Fotografin des Bandes, Marie Staggat, eine enge Verbindung zum Club hat. Wir haben sie interviewt und zeigen Bilder aus ihrem Band.
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»In Detroit gibt es nichts anderes zu tun, als Musik zu machen. Diese Tatsache ist genau der Grund, warum es funktioniert. Das ist ironischerweise auch der Kern der Sache: Wir können Musik machen, die auf der ganzen Welt goutiert wird, weil wir uns völlig frei von anderen Ablenkungen auf sie konzentrieren können.« So beschrieb es Underground-Resistance-Mitglied, DJ und Produzent Cornelius Harris in einem Beitrag für die Telekom-Electronic-Beats-Reportage »72 Hours In Detroit«. Auch wenn Harris schon seit Jahrzehnten den Sound der Stadt prägt, ist er dort noch immer präsent wie eh und je: Ganz im Geiste von UR nutzt er die vereinigende Kraft der Musik, um der desolaten Situation des finanziell bankrotten Detroits etwas Positives entgegenzusetzen. Er leitet einen Kurs für Jugendliche in der Detroit Public Library und schließt damit eine Lücke, die aus Detroits misslicher Lage resultiert: »Kunst und Kultur sind im Schulunterricht inzwischen kaum noch existent. Das Schulsystem ist stark von der Wirtschaft Detroits abhängig – und das Erste, was zusammengestrichen wird, ist ja immer die Kunst.« Ein hartes Fazit, aber auch der Antrieb seiner Arbeit.

Cornelius Harris ist einer der 180 Künstler, die Marie Staggat in ihrem wunderschönen Fotoband »313ONELOVE« auf ihre sehr nahe, eindringliche Weise porträtiert. Nick Speed, der hier so cool aus dem Foto heraus raucht, ist ein weiterer. Und ähnlich wie Harris hat auch er die Stadt nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Der HipHop-Produzent, der schon für Talib Kweli, Eminem, 50 Cent und M.O.P. am Mischpult saß, sieht sich noch heute als Botschafter und Kenner Detroits. Seine bei YouTube zu findende Kurzdoku »One Day In Detroit« zum Beispiel ist ein sehr charmanter Rundgang durch die Szene.

In ihrem Buch »313ONELOVE – A Love Affair With Electronic Music From Detroit« lässt Marie Staggat die musikalische Geschichte Detroits nicht nur durch ihre Bilder, sondern auch in begleitenden Interviews erzählen. Neben den hier genannten Künstlern sind zum Beispiel auch Carl Craig, Robert Hood, Moodymann sowie zahlreiche weitere Wegbegleiter des legendären Labels Underground Resistance vertreten.

5 Fragen an Marie Staggat

Die junge Berlinerin ist Teil des Tresor-Teams und zugleich eine etablierte Fotografin. Neben der Arbeit an dem nach der Telefonvorwahl Detroits benannten »313ONELOVE« fotografierte sie bereits für Groove, De:Bug, SZ und auch für Intro.

Du bist gerade wieder in Detroit – es scheint ja fast, als pendelst du zwischen Berlin und der Motorcity. Wie kam diese intensive Verbindung zustande?
Ich versuche wirklich so oft wie möglich nach Detroit zu fliegen. In den letzten Jahren vorwiegend, um das Projekt zu realisieren, aber natürlich auch, um meine Freunde zu besuchen. Vor sechs Jahren war ich zum ersten Mal dort. Das Interesse an Detroit kam mit meiner Arbeit im Tresor Club. Jeder kennt ja die enge Beziehung zwischen Tresor und Detroit. Ich habe schon immer elektronische Musik gehört, aber Techno und House aus Michigan hat mich noch einmal ganz anders fasziniert und inspiriert. Ich wollte unbedingt herausfinden, warum, und der Geschichte auf den Grund gehen.

In einem anderen Interview von dir las ich, dass du dich bewusst von dem »ruin porn«, den viele in Detroit sehen oder betreiben, distanzieren willst. Also nicht die Feststellung verbreiten willst, »Hier war mal was schön«, sondern eher nach dem Motto »Hier ist was schön!«. Kannst du die gegenwärtige Schönheit Detroits in Worte fassen?
Man sagt ja immer: »Schönheit liegt im Auge des Betrachters«. Für mich ist Detroit die schönste Stadt der Welt. Aber ich habe da vielleicht auch die rosarote Brille auf. Ich habe ein anderes Empfinden für Ästhetik und Dinge, die mich ansprechen. Ich liebe roughe, grafische Strukturen, ich liebe Klarheit aber auch Chaos. Für mich ist ein grauer Himmel toll. Und ich finde auch eine Ruine wunderschön, weil sie ja trotzdem Leben ausstrahlt und eine Geschichte zu erzählen hat. Aber ich wollte mich nicht genau auf diese Dinge reduzieren – weil das ja genau das ist, was Leute über Detroit denken, dass die Stadt grau, tot, arm und gefährlich sei. Aber Detroit durchlebt einen tollen Wandel. Die Stadt hat schon immer eine ganz bestimmte Aura gehabt, die sich gar nicht in Worte fassen lässt. Es passiert da gerade so viel. Ich sehe immer wieder was Neues, wenn ich da bin. Die Menschen hier sind Kämpfer, echt, liebenswert, talentiert und kreativ – und das spürt man hier überall.

Deine Porträts rücken mir regelrecht auf die Pelle, wenn man sie zu lange anschaut. Warum hast du dich für diese besonders intensive Ästhetik entschieden?
Ich liebe Close-Ups. Ich finde, dann ist man einer Person am nächsten. Man hat vielleicht manchmal fast das Gefühl, dass man sie kennt. Das Projekt ist aus tiefstem Herzen entstanden – meine Liebeserklärung an Detroit. Die Beziehungen und Freundschaften, die ich zu den Menschen hier pflege, sind bedingungslos, tiefgründig und echt. Und vielleicht möchte ich dadurch auch, dass der Betrachter meiner Bilder ein Gefühl dieser Nähe bekommt.

Welcher Künstler hat dich damals mit Detroit-Techno angefixt und warum?
Oh, das war auf jeden Fall nicht nur ein Künstler! Ich habe riesigen Respekt für jeden der Artists dort, aber die ersten Wegbegleiter für mich waren auf jeden Fall die Underground Resistance Crew – welche großartige Releases die gehabt! Und ich befürworte deren Einstellung von Antikommerz sehr. Pirahnahead und DIVINITI sind beispielsweise auch heute noch zwei meiner Lieblingsartists. DIVINITI mit ihrer Engelsstimme und Maurice (Pirahnahead), der Sachen komponiert, da fällst du vom Hocker.
Dann gab es aber natürlich auch so Hits wie »Jaguar« (Rolando), »Strings Of Life« (Rhythm Is Rhythm) oder die frühen Cybotron- und Model 500-Sachen, die man auf jeden Fall erwähnen muss und die mich hungrig auf Detroit gemacht haben.


Die Einnahmen des Bandes willst du für Jugendprojekte spenden, die in Verbindung mit Musik stehen. Kannst du dazu schon etwas Genaueres sagen?
Ich möchte den kompletten Erlös dieses Buches gern in Musikprojekte für Kinder und Teenager in Detroit stecken. Mein Traum wäre es, eine Musikschule zu eröffnen, allerdings wäre da der Nachteil, dass es dann nur ein bestimmter Standort wäre. Im Moment ist die Idee, vielleicht Projekte mit den Kirchen zu entwickeln. Das ist ein Ort, der sich in jedem Viertel befindet und wo die Menschen sich sicher und aufgehoben fühlen. Es gibt aber auch schon bestehende Projekte, die ich sehr spannend und toll finde. Ich will aber erst einmal abwarten, wie viel Geld zusammenkommt, und dann entscheiden, was sich damit realisieren lässt.

Telekom Electronic Beats präsentiert nicht nur den Band, sondern auch die Launch-Party mit zahlreichen Detroit-Acts am 31. März im Globus im Tresor-Gebäude, Köpenicker Straße 70. Los geht’s um 20 Uhr.