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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schweden sind die neuen Norweger

Mando Diao

Rock’n’Roll lebt nach wie vor von Klischees. Da darf in einer Story über eine schwedische Band natürlich auch der Journalist, der einen skandinavischen Namen trägt, nicht fehlen. Also werde ich nach Schweden geschickt, um den Jungspunden von Mando Diao auf die Füße zu treten [womit der Autor zeigt
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Rock’n’Roll lebt nach wie vor von Klischees. Da darf in einer Story über eine schwedische Band natürlich auch der Journalist, der einen skandinavischen Namen trägt, nicht fehlen. Also werde ich nach Schweden geschickt, um den Jungspunden von Mando Diao auf die Füße zu treten [womit der Autor zeigt, wie sehr mehr ihm das Schwedische von Björn gegenwärtig ist als der Redaktion; der Autor]. Seit einem Familienurlaub, als ich vielleicht sechs Jahre alt war, bin ich nicht mehr dort gewesen. Aber ich habe ja einen eins a Icebreaker in der Tasche, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen: Meine Mutter nannte mich Björn, weil sie damals einen gleichnamigen schwedischen Skispringer, der drei Jahre in Folge die Vierschanzentournee gewann (Björn Wirkola), so toll fand.

Aber der Reihe nach. Hier zunächst einmal zum Abhaken die weiteren Klischees der Reise zu Mando Diao: # Die Promoterin der Plattenfirma hat Flugangst. # Wir werden am Stockholmer Flughafen von einer Volvo-Limousine abgeholt. # Wir werden in einem Hotel untergebracht, das kein Geringerer als Benny Andersson von ABBA vor anderthalb Jahren im Herzen Stockholms eröffnete. # Die Band kommt am Interview-Tag um Stunden zu spät, wegen eines Mega-Hang-overs vom Konzert-Abend zuvor. # Bei ebendiesem Konzert komme ich mit einer deutschen Besucherin ins Gespräch, die gerade Urlaub in Schweden macht – sie arbeitet bei H&M. # Nach meiner Rückkehr tausche ich bei meiner Bank die restlichen Kronen in Euro um, der Mann am Schalter fragt mich ernsthaft, ob ich denn auch Elche gesehen habe. All das wäre eigentlich kaum erwähnenswert, wenn nicht Mando Diao selbst mit ihrer Behauptung, sie seien die »best band in the world« das größte Klischee liefern würden. Man darf also gespannt sein auf ein Gespräch voller wunderschöner Plattitüden und großkotziger Anfeindungen in alle Richtungen. Doch Gustaf Norén, einer der beiden Sänger/Gitarristen/Songwriter des Quartetts, überrascht im Verlauf des Interviews mit einem beneidenswert klaren Blick auf das, was er tut. Außerdem haben wir deutschen Journalisten das Glück, dass ›Hurricane Bar‹, Mando Diaos zweites Album, bereits im vergangenen Herbst in ihrem Heimatland erschienen ist. So sind wir – sieben an der Zahl – die Einzigen, die an diesem Tag etwas von ihnen wissen wollen. Gustafs frühe Redelaune liegt also zum einen am überschaubaren Schedule dieses Tages, zum anderen aber sicher auch an der Tatsache, dass wir zunächst nur über Fußball sprechen: Henrik Larsson, schwedischer National-Stürmer und einer der Stars der letztjährigen EM, zieht sich am Tag vor unserem Interview im Spiel seines Vereins FC Barcelona gegen Real Madrid einen Kreuzbandriss zu und ist für sechs Monate außer Gefecht gesetzt. Gustaf hält mir eine Tageszeitung vor die Nase, die ebendiese Meldung auf dem Titel trägt. Ein guter Einstieg, denn im Folgenden verrät er, dass auch er bis zum 17. Lebensjahr aktiv war und immer von einer Karriere als Kicker geträumt hat. Fußballer oder Rockstar, das war die Frage. Jungsträume eben. Wie glücklich muss ein Mensch sein, der so einen Traum dann auch verwirklichen kann? Dass dafür kompromissloser Einsatz nötig ist, stellt Gustaf von vornherein außer Frage: »Unser Konzept heißt Erfolg. Die Idee von Mando Diao war von Anfang an die, aus dem Nichts zu kommen, alle anderen zu überholen und straight to the top zu gehen.«

Klassischer Gitarren-Pop und große Klappe, das gab es zuletzt bei Oasis. Und das hat Spaß gemacht. ›Hurricane Bar‹ ist allerdings noch kein ›What’s The Story (Morning Glory)‹, um bei diesem Vergleich zu bleiben. Das sieht Gustaf ähnlich, er hat aber auch prompt eine Erklärung parat: »›Hurricane Bar‹ fühlt sich für uns an wie das Debüt-Album, weil wir zum ersten Mal bewusst für ein Album komponiert haben. Die Songs auf ›Bring ‘em In‹ waren unsere damals aktuellen Demos und nicht zur Veröffentlichung gedacht. Dem Label gefiel aber gerade das, und so kamen die Songs ungeschminkt in die Läden.«

Und seitdem sind die vier Schweden nonstop auf Tour – konsequenterweise wurden die Songs für ›Hurricane Bar‹ deswegen auch on the road komponiert. Und noch viele mehr. 50 Demos waren es am Ende des Auftrittsmarathons. Gustaf Norén und Björn Dixgard – die beiden Songwriter – waren gezwungen, auszusortieren, was den Unterschied zwischen ›Bring ‘em In‹ und ›Hurricane Bar‹ erklärt. Die Songs auf ›Hurricane Bar‹ sind viel eingängiger und weniger krachig als auf dem (vermeintlichen) Debüt. Gustaf: »Wenn du aus 50 Liedern die zwölf besten aussuchst, sind dies immer Pop-Songs. Das sind die Nummern, die Tiefe haben, zeitlos sind, ›Hurricane Bar‹ ist eigentlich ein ›Best Of‹ der vergangenen zwei Jahre.« An der Qualität ihres Songwritings besteht wirklich kein Zweifel. Sie orientieren sich an Vorbildern aus den 60s und konzentrieren sich auf die Melodie. Mando Diao haben das große Glück, zwei Sänger/Komponisten im Team zu haben, die sich wunderbar ergänzen, die sich das Singen und auch die Songwriting-Credits teilen. Natürlich erinnert das an Lennon/McCartney, und auch die Schweden haben keine Lust, das immer gleiche Feld zu beackern oder sich auf Bewährtes zu verlassen: »Wir wollen uns bewegen. Wir haben jetzt zwei ähnliche Alben gemacht, das dritte wird auf jeden Fall ganz anders. Wir haben zwar schon Songs und Ideen, aber wie Mando Diao auf dem nächsten Album genau klingen werden, weiß ich noch nicht. Es wird sich unterscheiden von dem, was wir bislang gemacht haben, egal, ob die Fans dann enttäuscht sind.«

Weiter, immer weiter. Dazu gehört auch das Bewusstsein, dass es wichtig ist, nicht Teil einer Szene zu sein oder sein zu wollen. Gustaf pflegt bewusst keine Freundschaften zu anderen Musikern, sondern fühlt sich mit diesen eher im Wettstreit. Mando Diao sind eben die Besten, und so kaufe ich ihm sogar narzisstische Beklopptheiten der Sorte »wir haben alle ein mit eigenen Autogrammen versehenes Mando-Diao-Poster zu Hause hängen« ab. Und: »Wenn wir merken, dass es mit Mando Diao einmal nicht mehr vorwärts geht, hören wir auf.« An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Jungs gerade mal Anfang 20 sind. Und trotzdem haben sie mit ›Hurricane Bar‹ ein dermaßen wunderschönes Pop-Album mit einer Fülle an großen Songs vorgelegt, die bei anderen Bands für mehrere Alben reichen (müssen), dass die Prognose, dass es sich um eine langlebige Band handelt, nicht zu forsch erscheint. Übrigens: Weder Gustaf noch einer der in Dutzenden angesprochenen Stockholmer kennt den Skispringer Björn Wirkola. Keiner will sich scheinbar an diesen National-Helden erinnern. Komisch. Ob es vielleicht daran liegt, dass Wirkola Norweger ist (wie es die Internetrecherche nach der Rückkehr aus Schweden ergeben hat)? Aua. Das wirft Fragen auf: Warum hat mich meine Mutter wohl angelogen? Und wird mich die Redaktion jetzt für das nächste a-ha-Interview besetzen? [Die erste Frage können wir ihm nicht beantworten, die zweite aber definitiv verneinen; die Red.]

Hotel Rival
Selbst wenn man den Chef persönlich – Benny Andersson von ABBA – nicht zu Gesicht bekommt, ist sein Hotel in Stockholm allemal etwas ganz Besonderes. Unter einem Dach findet man neben dem normalen Hotelbetrieb ein großes Kino, eine eigene Bäckerei, Bars und Restaurants. Standard-Zimmer gibt es ab ca. 130 Euro die Nacht.

Hurricane Bar
Die Bar, die dem Album seinen Namen gab, gibt es wirklich. In der Heimatstadt der Band – der düsteren Industriestadt Borlänge – war dies der Club, in dem Mando Diao erste Shows absolvierten. Hier mussten sich die vier ersten Respekt erspielen. Hier bekamen sie aufs Maul, und hier wurden sie gefeiert. Hier ging’s los. Daher die Hommage.