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Kleines Fest ganz groß

Mamallapuram-Festival

Das Benefiz-Festival überzeugte eher durch Bilder als durch nackte Zahlen: Trotz mäßigem Publikums-Zuspruch überwog die Glückseligkeit.
Geschrieben am
10. & 11.08.07, Burg Storkow (bei Berlin)

Immergut und Haldern Pop haben es vorgemacht: Ein Musikfestival kann auch im Kleinen an Größe gewinnen, wenn nur die Idee dahinter gut ist. So wie auch beim Mamallapuram-Festival in Storkow, wo am Wochenende für die Berlin-Brandenburger Indie-Familie aufgespielt und für das gleichnamige Küstendorf in Indien gesammelt wurde. Hat man einmal "Mamallapuram" über Google Earth angeflogen, mag man sich kaum ausmalen, welches Bild der Zerstörung das Seebeben im indischen Ozean dort vor mehr als zwei Jahren hinterlassen hat.

Deshalb ging das junge Veranstalterteam des Benefiz-Festivals wohl ähnlich missionarisch und nimmermüde zu Werke wie damals die Helfer vor Ort. Kaum ein Konzert in Berlin oder ein Festival irgendwo in der Republik vergingen, wo man einmal keinen der liebevoll gestalteten Flyer von emsigen Mamallapuram-Helfern in die Hand gedrückt bekam. Auf den einschlägigen Wegen des Berliner Nachtlebens hatte man sich sogar neumodischer Street-Promotion bedient und zigfach das Konterfei des Festivals auf die Straßen gesprayt. Auf Schritt und Tritt verfolgte einen das Mamallapuram. Selbst eine Clubtour mit den Bands und Freunden des Festivals, die von Leipzig über Greifswald und Rostock bis nach Hamburg führte, hatte man sich aufgeladen und dafür jeden Cent dreimal umgedreht. Wofür die Mühe, fragt da schon mal der Ökonom? Denn letztlich fanden sich an beiden Festivaltagen jeweils kaum mehr als 300 Gäste auf der hübschen Burg Storkow ein, wo die Puhdys 2009 ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum feiern wollen.

Wer das Festival deshalb als Fehlinvestition verbucht, würde wohl auch versuchen, den Bildungsgrad des indischen Mamallapuram in Bildungsabschlüssen zu messen. Ein schwerer Fehler. Denn in Storkow wird frei nach der Philosophie des Haldern Pop in Bildern und nicht in Zahlen gedacht. Die Festivalshirts mit Strommasten und Vogelschwärmen werden von einer jungen Helferin handgemalt, bei den Programmheften ist jede Seite per Hand ausgeschnitten, die Festivalbändchen sind definitiv die hübschesten im Sommer 2007 und bei der Tombola muss man neben dem eigenen Namen auch sein Lieblingstier angeben. Noch Zweifel? Der Ökonom winkt ab. Außerdem liefern das Berliner Indie-Label Sinnbus, ein Haufen bayerischer Handlungsreisender und Thees Uhlmann den schönen Soundtrack zu diesem Spendenmarathon.

Zum Beispiel mit dem blutjungen Marble Man alias Josef Wirnshofer aus dem oberbayerischen Traunstein, der mit seinen 18 Jahren als große Songwriter-Hoffnung gilt, weil er mit Nick Drake und Elliot Smith die richtigen Taufpaten hat und auch seine Version von 'All Along The Watchtower' gefiel, ehe er am Abend etwas zu tief ins Glas schaute. Auch ein gutes Stichwort für den nächsten Herrn: Thees Uhlmann war nur mit Gitarre nach Storkow gekommen, um Tomte-Liedgut vorzuspielen, zwischendurch den Festivalnamen falsch auszusprechen und von seiner beidseitigen Bespielbarkeit zu erzählen.

Ter Haar klangen mit ihrem verschwurbelten Postrock als erster Sinnbus-Act äußerst viel versprechend, ehe der eigentlich Headliner Ampl:tude seine Super-Nintendo-Applikationen verfrüht von der Bühne schraubte, weil Roman Fischer mit Band von Augsburg aus doch tatsächlich in das falsche Storkow gefahren war. Nämlich in das Storkow in Mecklenburg-Vorpommern. Nach Klez.e, die man nun wirklich nicht mehr als Seitenprojekt von Delbo abstempeln sollte, durfte Herr Fischer dann doch noch singen, was mit geschlossenen Augen stellenweise stark an Placebo erinnerte.Zweiter Mama-Tag: I Might Be Wrong aus Berlin wären mit ihrem melancholischen wie treibenden Electro-Pop der perfekte Morr-Act, wären sie nicht schon bei Sinnbus. Mexican Elvis wiederum sind über Gitarrist Laury Reichart mit dem Münchner Zündfunk-Universum verbandelt und spielten immer wieder absichtlich stolpernden Gitarrenpop, der trotz des starken Landregens seine Abnehmer fand. Genauso wie der Berlin Mitte-Auswurf Rich & Kool, der sein Spielgeld beim nächstem Auftritt aber gerne für sich behalten kann und es stattdessen für bessere Songs investieren sollte. Gleiches gilt für den nervenden Trash von Mittekill, um die zweite Enttäuschung zu später Stunde schon mal vorwegzunehmen.

Die vier Damen von Audrey wurden von Sebastian Cleemann von Kate Mosh am frühen Abend dezent als eigentlicher Headliner des Festivals angekündigt und wurden den Vorschusslorbeeren im intimen Rahmen mehr als gerecht. Typisch skandinavisch wurden hier alte und neue Songs mehrstimmig ins Mikro gehaucht. Vorsicht, Stilbruch: Beatplanet bezogen die Legitimation für ihren Auftritt wohl weniger durch ihren Halbruhm für die seligen Sofaplanet ('Liebficken') und die Grand Prix-Anbiederung bei Stefan Raab als vielmehr aus der Tatsache, dass die Band ihre Wurzeln in Storkow hat und mit ihrem Beat-Pop in Großbesetzung auch niemandem ernsthaft weh tut. Es waren ja auch nicht nur sophisticated Berliner, sondern auch Normalvölkler im Publikum.

Kate Mosh walzten im Anschluss in gewohnt großartiger Manier alles nieder, was nicht mehr als zwei Ideen pro Song vertragen kann. Und nach drei neuen Appetithappen darf man schon mal die Homepage ins Favoritencenter aufnehmen. Weniger derb, dafür eine Spur leichtfüßiger kamen danach Bodi Bill auf die Bühne, die ihren hübschen Minimalelectro-Folk von 'No More Wars' bereits ordentlich vorprogrammiert hatten, dass auf der Bühne mehr getanzt als letztlich Musik eingespielt wurde. Trotzdem eine gute Band, wenn sie noch ihre hibbeligen Ansagen in den Griff bekommen. Und auch die Aftershow-Party des Mamallapuram sei an dieser Stelle noch erwähnt: Stattgefunden hat sie nämlich in der örtlichen Kegelbahn, wo bis weit nach sechs Uhr morgens Pirouetten gedreht wurden. Fazit: Schönes Fest, guter Zweck, mehr Anwesenheit gerne willkommen!

.: www.mamallapuram.de :.