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Backstage beim Turmbau zu Babel

Making-of zum neuen Video von Drangsal

Schlecht gelaunt, kalt und seufzend – so klang Drangsals »Harieschaim«. Knapp zwei Jahre später muss man für die fröhlich-forsche Single »Turmbau zu Babel« umdenken. Den Flirt mit dem Weltschmerz lässt sich Max Gruber für sein neues Video aber dennoch nicht nehmen. Carina Hartmann war am Set dabei.

Geschrieben am

Tief im Westen, dort, wo sich der Berliner aus dem Szenebezirke nie freiwillig hin verirrt, liegt der Spandauer Ortsteil Haselhorst. Ha-sel-horst – Wahnsinn, was hört sich das unsexy an! Wäre es auch, wenn sich dort nicht einer der ältesten Produktionsorte Deutschlands verstecken würde. Über 700 Filme und Serien wurden am ehemaligen Standort von CCC-Film produziert – darunter Teile der Karl-May- und Edgar-Wallace-Streifen. Und heute? Gibt Max Gruber hier in einer Zwischenwelt von Romantik und Dystopie den Sterbenden. Strass-Steine bedecken sein Gesicht, die fleischfarbene Kombination aus Unterhemd und Schlüpfer seinen mit Tattoos übersäten Garzellenkörper. Eine junge Schönheit hockt im Wasser. In ihren Amen liegt der Sänger. Regungslos, vielleicht schon tot. Herzlich willkommen in der Endzeit!


Wir schreiben den Produktionstag des neuen Drangsal-Videos. Die Single »Turmbau zu Babel« ist der Vorbote des zweiten Albums »Zores« und kündigt für »Harieschaim«-Verliebte mit einer saftigen Ohrfeige Veränderungen an. Statt englischer Texte gibt es fast ausschließlich deutsche Zeilen zu hören. Dominierte auf der 2016er-Platte noch der verhuschte Achtziger-Wave-Sound, prescht die Gitarre nun nach vorne, während sich Gruber mit Farin-Urlaub-Gedächtnisstimme mehr denn je in den Überschwang hineinwirft. So ist »Turmbau zu Babel« vor allem eine radikale Hinwendung zum Pop. Unterstellt man Gruber den Spaß an der Provokation, dann provoziert dieser Song in erster Linie damit, Spaß erzeugen zu wollen und schamlos mit eingängigen Text-Konstruktionen zu spielen. »Gib mir doch bitte deinen Kuss / Die Lippe wünscht Zusammenschluss« oder »Ich lieb‘ dich so« heißt es da. Das ist beim ersten Hören so grenzenlos kitschig, dass man erleichtert ist, beim Videodreh  keine Blumenwiese vorzufinden, durch die Glücksbärchi-Max springt.

Bild: Caroline International

»Das hier passt alles überhaupt nicht zum Song, nicht wahr!?«, grüßt der klitschnasse Musiker mit einem triumphierenden Lachen. Gerade noch musste er in Ophelia–Manier im Teich treiben. Vor uns liegen acht Tonnen Erde, aus denen eine ungemütliche Wasserlandschaft mit Black-Metal-Ästhetik gezaubert wurde. Das Konzept stammt u.a. von Regisseur Fritz Schiffers, der normalerweise beim Theater Zuhause ist und heute sein erstes Musikvideo dreht. Nacheinander lässt er die bedeutungsschwanger guckenden Protagonisten des Videos mit ihren aufwendig drapierten Kostümen in den Teich steigen. Später werden die melodramatischen Szenen mit Nahaufnahmen von zerquetschten Früchten, Fleisch und Blut ergänzt. Davon zeugen bereits die ausgebreiteten Fisch-Gedärme. Ähm, pfui?


»Wenn man einen Song mit einer – wie du sagst – schwierigen Zeile wie ›Ich lieb‘ dich so!‹ hat, dann muss man dem etwas entgegensetzen«, erklärt Gruber die beirrenden Bilder. Ein ironisches Kontrastspiel könnte man meinen. »Naja«, wendet er ein. »Der Song sagt auch auf tragische Weise: Was auch immer noch passiert, es ist egal, denn ich habe eh nichts mehr von Wert.« Ist das nun schon Resignation oder noch Positivismus? »Beides! Ich glaube, es geht in dem Song darum, das Positive in der Resignation zu finden.«

Bild: Caroline International

Um diese Gefühlswelt zu unterstreichen, orientiert man sich beim Dreh an Epen zu Größenwahn und Selbstliebe. Schon die titelgebende Erzählung aus dem Alten Testament dreht sich um den gescheiterten Versuch der Menschheit, Gott gleichzukommen. Heute steht der Narzissmythos im Vordergrund. Im Schnelldurchlauf: Narziss ist der Sohn des Flussgottes Kephissos und der Nymphe Leiriope, dem prophezeit wird, dass er so lange leben wird, bis er sich selbst kennenlernt. Aufgrund seiner Schönheit wird er von Männern wie Frauen umworben, die er allesamt abweist. Als er eines Tages an einer Quelle steht, sieht er sein Spiegelbild, verliebt sich und ertrinkt bei dem Versuch, sich mit seinem Ebenbild zu vereinen. Es dämmert also langsam, warum Gruber erst am Fuße des Teichs liegt und später drauf gehen muss.


»Wenn wir dafür keinen fucking Preis bekommen, weiß ich es auch nicht«, urteilt er am Ende zufrieden mit seinen funkelnden Steinen im Gesicht. Und er geht noch weiter: »Es gibt kein deutsches Musikvideo, das so aussieht wie dieses!« Ob das nun gut oder schlecht ist, darf an dieser Stelle jeder für sich entscheiden. Fest steht: Ein Meisterwerk der Inszenierung ist »Turmbau zu Babel« allemal geworden. Und ist es nicht genau das, was spannenden Pop ausmacht?


Und so sieht das Video am Ende aus:

Drangsal

Zores

Release: 27.04.2018

℗ 2018 Drangsal, under exclusive license to Caroline International, a division of Universal Music GmbH

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