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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Festival mit dem Gaul

Maifeld Derby 2015

Die Steckenpferde gesattelt, der geschmackssichere Indie-Parcours lockt zum fünften Mal zu einem musikalischen Ritt in der Kurpfalz. Get Well Soon und Sizarr sind hier zu Hause und zeigen den anderen Acts, wo die Gerte hängt. So war's beim Maifeld Derby.
Geschrieben am
22.-24.05.2015, Mannheim, Maimarktgelände

Es ist jedes Jahr ein toller Augenblick, wenn man zum ersten Mal das Palastzelt betritt und einem der pferdige Strohgeruch in die Nase steigt. Das Indie-Festival Maifeld Derby in Mannheim feiert in diesem Jahr sein 5-jähriges Bestehen und wir feiern mit.

Der Freitag ist dem Festivalbesucher wettertechnisch sehr wohl gesonnen. Den musikalischen Auftakt haben sich die Alternative-Rocker Clayd aus Mannheim in einem vorangegangenen Voting gesichert und eröffnen das Festival. Anschließend schupsen die Australier Tora entspannten Indie-Pop in die Nachmittagssonne. Einen heißen Anwärter für »The Next Big Thing« gibt es mit Inner Tongue schon zu Beginn des Festivals zu sehen. Die Wiener Band performt mit ihrer Mischung aus musikalischer Leichtigkeit und Soundverliebtheit zum ersten Mal auf einem Festival. Musik mit Puls. Anschließend gibt es im Parcours d´Amour, der seinen Namen redlich verdient hat, And The Golden Choir im Duett mit seinen selbsteingespielten Platten zu bewundern, der mit Get Well Soon seinen Platz getauscht hat. Der großartige Ghostpoet verausgabt sich im Zelt, während die coolen Russen Motorama einen mit ihrem New Wave Sound wieder runterkühlen. Doch der Abend hat erst begonnen: Get Well Soon holen sich den Autoren Arnold Stadler mit auf die Bühne und überraschen durch ein Crossover aus Lesung und Konzert. Der große José Gonzales übernimmt dann das Zepter und zeigt einmal mehr, dass sich seine Musik live noch mal wärmer und intensiver anhört. Wem das zu weich ist, der kann sich von Love A den Arsch versohlen lassen. 

Der Samstag beginnt früh, ab 13:30 stehen schon wieder die Bands auf der Matte. So richtig wach wird man allerdings erst beim Auftritt der Kanadier Tops, die tighte Indie-Popsongs mit Attitude liefern. Natürlich nicht zu vergessen ist die fürs Maifeld Derby übliche Steckenpferd-Dressur. Hier verausgaben sich passionierte Steckenpferd-Dompteure mit gewagten bis hocherotischen Figuren. Unglaublich, wie wild so ein Steckgaul werden kann. Back to Stage: The Soft Moon liefert einen Mix aus Post-Punk, New Wave und Krautrock und erinnert mit der flüsternden Stimme des Hauptakteurs an New Order, The Cure oder Editors. Es folgt der Auftritt von Sizarr, ein Heimspiel für die Jungs, die so ziemlich das ganze Festival vor der Bühne versammeln. Die Songs des neuen Albums klingen auch auf der Bühne ausgereifter. Die Jungs aus der Pfalz wissen wirklich, was sie da tun und bleiben nach wie vor eine Lieblingsband des Festivals. 

Auch die Schweizer um Klaus Johann Grobe hauen anschließend in die Tasten ihrer Heimorgel, eine krautig-jazzige Spacerockdisco-Rakete. Der Auftritt von Foxygen dürfte einem nicht nur wegen der sehr ausgeprägten guten Laune des Sängers Sam France in Erinnerung bleiben (Achtung, da hört die Bühne auf!), sondern weil man zum Sixties-Appeal eine Art abgefahrenes Musical mit drei Tänzerinnen oben drauf bekommt. Zum Schluss blasen einem die Postrocker Mogwai den Staub aus dem Gehörgang, sodass einem nach dem Tanz um Von Spars Electro—Pop-Entwürfe der Tinnitus sanft in den Schlaf fiept. 
Der Sonntag startet wie üblich verkatert und entspannt. Das Publikum lungert auf den grünen Flächen rum. Oder setzt sich entspannt in die Plastikschalensessel des Parcours d´Amour, um sich zum Beispiel von Petite Rouge erst sanft einlullen zu lassen, um anschließend von ihren nerdigen Electro-Eskapaden aus dem Schlaftaumel gerissen zu werden. Man muss wohl kein Genie sein, um der Karlsruher Künstlerin eine große Karriere vorherzusagen. Von einem Newcomer zum nächsten. Auch Drangsal weiß, wie man performt. Die Band mag unverschämt jung aussehen, dennoch poltern die Synthies und E-Drums wie bei den alten Helden von Joy Division, New Order oder den Misfits. Auf jeden Fall eine Entdeckung, von der man in Zukunft sicherlich noch hören wird. Spätestens bei Wanda dürfte der Restkater mit frischem Bier ertränkt worden sein. Die Wiener sind einfach sympathisch geile Rampensäue, wie sie authentischer nicht sein könnten. Endlich gute Stimmung, auch im Publikum, das über weite Strecken etwas teilnahmslos wirkte. Doch jetzt fliegen Frisbees durch die Luft, Staub wird aufgewirbelt und Bier vergossen. Danke, Wanda, Amore! 

Nach der völligen Verausgabung holt einen der Singer-/ Songwriter Fink wieder runter. Doch dabei bleibt es nicht: Thee Oh Sees halten nochmals ein dickes Gitarrenbrett dagegen, sodass man sich fast schon nicht mehr in der Lage sieht, den Auftritt von Ex-Moloko-Sängerin Roisin Murphy durchzustehen. Doch schnell ist die Sorge vergessen. Virtuos, eigensinnig, und trotzdem so angenehm funky, dass zwischen all der Kunstmusik keine Zeit bleibt, einfach herumzustehen. Die letzten Reserven werden freigiebig verschleudert. Eine große Ausnahmekünstlerin krönt ein kleines Ausnahmefestival.