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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

The Story Of Disco Culture

Maestro

New York Ende Mai dieses Jahres. Es ist Sonntag. Mein Kollege Konni und ich sitzen am frühen Nachmittag im L-Train und rasen von Brooklyn Williamsburg nach Manhattan, mit Kurs auf die 6 Hubert St. Unser Ziel heißt Club Vinyl. Der Club, in dem zu der Zeit die berühmte, wöchentlich stattfindende "Body
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New York Ende Mai dieses Jahres. Es ist Sonntag. Mein Kollege Konni und ich sitzen am frühen Nachmittag im L-Train und rasen von Brooklyn Williamsburg nach Manhattan, mit Kurs auf die 6 Hubert St. Unser Ziel heißt Club Vinyl. Der Club, in dem zu der Zeit die berühmte, wöchentlich stattfindende "Body & Soul"-Session beheimatet war, ist der richtige Ort, um unsere Mission zu starten: die Organisation einer deutschlandweiten Clubtour für den US-Dokumentarfilm "Maestro".

Wir betreten fast leere Räumlichkeiten. In der Luft schwirren Partikel von Duftmitteln umher. Der Support-DJ spielt für die wenigen Ausdruckstänzer sphärische Downbeat-Afro-House-Tracks. Dann betreten François Kevorkian, Danny Krivit und Joe Clausell den Club. Und kaum steht das "Body & Soul"-DJ-Trio hinter den Reglern, füllt sich auch der Dancefloor - und zwar ziemlich heterogen. Vom Musik-Nerd über den muskelbepackten Gay und asiatischen Touristen bis hin zum Anzugträger ist alles dabei. Man spürt, dass das hier etwas Besonderes ist. Die Musik steigert sich, der Bass wummert genau richtig und setzt die Crowd in Bewegung. Dennoch packt uns die vielbeschworene Magie am Ende nicht ganz so, wie wir es vorher erwartet hatten. Aber immerhin: Der Event vermittelt einen vagen Eindruck davon, wie es in den 70er- und 80er-Jahren abgegangen sein muss, als in Nightspots wie der Paradise Garage, dem Studio 54, dem Loft oder in The Gallery die Hände nach oben gingen und das Geschrei der Leute die Musik übertönte, als Disco die Hysterie auf die Tanzfläche gebracht hat.


It's All About Music!

Aufgrund exzessiver Touren durch diverse Plattenläden sind wir nach zwei Tagen in New York um einige Vinyls reicher und sitzen zufrieden vor einem Café in Soho. Und warten auf den Regisseur von "Maestro": Josell Ramos. Kein einfacher Gesprächspartner - was wohl auch daran liegt, dass der gelernte Fotograf erst mal abchecken will, was für Jungs ihm da gegenübersitzen. Immerhin geht es ja ums Geschäft. Aber vor diesem steht selbst in Amerika noch der Inhalt. Ramos erzählt uns zunächst, wie es zu dem Film gekommen ist: Zu Beginn gab es die Idee, die Geschichte der New Yorker Underground-Dance-Szene als Fotostrecke anzulegen. Reizvoll - aber nicht genug. Die meisten der Mitwirkenden waren sich schnell einig, dass das Thema unbedingt mit bewegten Bildern angegangen werden müsse. Von wegen näher dran an dem, um das es geht: das bewegte und bewegende Leben. Dass sich diese Umorientierung nicht gerade beschleunigend auf das Projekt auswirkte, liegt auf der Hand, zumal während der Dreharbeiten ständig neue Ideen aufkamen. So dauerte es ganze vier Jahre, bis "Maestro" fertiggestellt wurde. Was aber nicht verhinderte, dass der Film schon vor dem ersten Screening zum heiß thematisierten Diskurs-Objekt wurde, denn die US-House-Szene zeigte sich äußerst angetan von dem historisierenden Unterfangen. Was da so alles diskutiert wurde, lässt sich unter www.deephousepage.com nachlesen.


The Movie

In "Klute" folgt Donald Sutherland Jane Fonda in den berüchtigten New Yorker Nachtclub The Sanctuary. In einer kurzen Einstellung innerhalb der nur wenige Minuten dauernden Filmsequenz sieht man den DJ-Prototypen und Slip-cueing-Erfinder Francis Grasso in action - eines der wenigen historischen Dokumente jener Tage, denn damals waren Videokameras noch nicht so around wie heute ... Ergänzend zu diesen Originalaufnahmen von 1971 wurde Grasso für die Doku auch interviewt - eines seiner letzten Interviews vor seinem Tod, der 2001 nicht gerade überraschend kam. Der Nightlife-Pionier hat wie so viele Hedonisten jener Tage für das ausschweifende Nachtleben einen exorbitanten Preis zahlen müssen: Er sah zuletzt aus wie eine Mischung aus Mick Jagger und Iggy Pop - was neben dem substanzraubenden Lebensstil auch an einer kleinen Racheaktion der New Yorker Mafia lag ... Neben der optischen Lektion kommt in seinem Gespräch mit einer anderen DJ-Legende, Nicky Siano, aber auch einiges Lehrmaterial rüber. Vor allem reden sie aber natürlich über die legendär wilden Party-Nächte in den 70ern, denn schließlich geht es Ramos mit seinem Filmdebüt darum, die Wurzeln der New Yorker Clubkultur aufzuspüren. Er selbst bezeichnet jene Epoche als "the movement that became the dance music of today." Womit sich eine Frage aufdrängt: Ist es Ramos gelungen, den damaligen Esprit einzufangen?
Bei einer Filmproduktionsfirma, unterhalb von Chinatown gelegen, dürfen wir uns davon überzeugen - und sind es danach auch tatsächlich. Mal abgesehen von stilistischen Mängeln wie der bei manchen Interviews mauen Ausleuchtung oder der teilweise seltsamen Kameraführungen - aber an solch nebensächlichen Details hängen wir Clubtypen uns nicht auf, wir sind ja keine Erbsenzähler -, hat Ramos einen hervorragender Film vorgelegt, zumal ihm besonders der schwierige Spagat zwischen Underground-Nerdismus und Mainstream-Crossover geglückt ist.

Man muss nicht ganz so "deep into the story of dance culture" sein, um den Protagonisten in ihren Ausführungen folgen zu können - was im Umkehrschluss aber nicht heißen soll, dass Vorwissen nicht zu einem Mehrwert bei der Rezeption führte. Es ist durchaus hilfreich, wenn man Larger-than-life-Legenden wie Larry Levan kennt. Dass genau dieser hier gedroppt wird, ist kein Zufall: Levan ist so was wie der rote Faden im Film. So gut wie alle Interviewpartner, darunter Frankie Knuckles, Tony Humphries, François K. und David Mancuso, kommen während ihrer Geschichten automatisch auf den DJ der Paradise Garage zu sprechen. Wie kein anderer Protagonist jener Tage war er ein Symbol für den Club. Die Leute kamen hauptsächlich wegen ihm in die King Street, die zwischen 1977 und '87 nicht nur sein Arbeitsplatz, sondern auch seine Wohnung war. Richtig gelesen: Der besessene Kerl nutzte den Club als großes Wohnzimmer. Im Schlafzimmer, das praktischerweise direkt hinter der DJ-Kanzel lag, fummelte er wie besessen an Männern, Drogen und dem mächtigen Soundsystem herum. Auch Levan dürfen wir in "Maestro" hinter den Decks beobachten. Überhaupt gibt es mehr exklusives Originalmaterial, als man annehmen konnte - remember: die Videokamera-Sache -, beispielsweise Videosequenzen von Nicky Siano in der Gallery oder von Keith Haring beim Tanzen.

Selbstredend, dass solch ein Projekt nicht mit der Fertigstellung des Films endet. "Maestro" ist geradezu prädestiniert, nicht nur einen normalen Kinostart zu bekommen, sondern auch dafür, an den Ort gebracht zu werden, wo die Inspiration und Geschichte des Films liegt: im Club - womit klar sein dürfte, dass die Gespräche mit Josell Ramos gut gelaufen sind. Im November und Dezember geht der Film auf Clubtour. Die Termine dazu finden sich im Veranstaltungskalender. Für nächstes Jahr ist eine DVD mit Bonusmaterial (u. a. zu Tee Scott sowie Interviews mit Madonna, Stevie Wonder und Grace Jones) geplant. Und dann kommt natürlich auch noch der Soundtrack. Also: Kein Ende in Sicht, die Geschichte wird weitergeschrieben.