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04.09.08 Düsseldorf, LTU-Arena

Madonna und Robyn live

Madonna zappt sich auf ihrer Welttournee mit großem Brimborium durch 25 Jahre Madonna-Disko- und Madonna-Ikonographie und hinterlässt mitunter mehr Fragen als Antworten.
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Madonna zappt sich auf ihrer Welttournee mit großem Brimborium durch 25 Jahre Madonna-Disko- und Madonna-Ikonographie und hinterlässt mitunter mehr Fragen als Antworten. Ein zweistündiger Multiball am buntesten Flipper der Pop-Spielhalle. Wem das zu schnell ging, der hatte Pech gehabt.

Ein schönes Bild: Robyn und Band stehen schon deutlich vor 20 Uhr auf dem circa zehn Quadratmeter großen Rechteck am Ende des späteren Madonna-Laufstegs, der weit in das Publikum hineinragt, und spielen ihre Songs. Am Ende natürlich auch "With Every Heartbeat", das in England schon die Charts knackte. Viel braucht die Schwedin, die auch Intro für seine Veranstaltungen in der Vergangenheit immer wieder mit Kusshand buchte, nicht, um zumindest die ersten Reihen in Verzückung zu bringen. Ein Stündchen später wird klar werden: Robyns Arbeitsplatz bedeutet im Masterplan von Madonnas Bühnenshow nur den allerletzten Außenposten des Show-Universums. Ein kleines Rädchen im Atomkraftwerk Megashow.

Als Madonna gegen 21.15 Uhr neben dem riesigen, ständig die Form ändernden Videowürfel erscheint, weiß jeder in der gut gefüllten, aber nicht ausverkauften LTU-Arena, dass es jetzt losgeht. Nicht aber, dass es von nun an zwei Stunden lang keine einzige ruhige Sekunde mehr geben wird. Die Show zeigt mit den ersten Takten schon ihre Wesenszüge, die sich nicht mehr groß ändern werden: Flimmern, Bilderstürme, Stilmixe, Brechungen. Kurz: Ein zweistündiges Dauer-Zapping steht bevor. Die überbordende, mitunter fast zu exaltierte Choreografie bleibt bei diesem Umschalten zwischen Song, Kostüm und Stil in der ersten halben Stunde unter anderem häufiger im DSF hängen: Madonna und ihre vielen, vielen Tänzer beim Seilspringen, Boxen oder auf dem Laufband. All das im ständigen Wechsel und unter Einsatz größter Technik. Rannte man zu einer unglücklichen Zeit beispielsweise für nur zwei Minuten zur Toilette, konnte man unter anderem komplett verpassen, wie plötzlich ein weißer Oldtimer von hinten und durch den Videowürfel auf die Bühne fuhr, Madonna und Tänzer auf seiner Haube mitnahm, sich weiter auf den Steg und bis ins Publikum hinein schob, sich dort wie von Zauberhand um die eigene Achse drehte, um wieder durch den Videowürfel zu verschwinden. Oder haben das die Zehntausenden etwa nur geträumt?

Analog flirrte auch der Soundtrack zu diesen zum Teil rätselhaften Bildern zwischen einst und jetzt hin und her. Zunächst spielt Madonna einige Songs von "Hard Candy", unterbrach sich aber bald schon nostalgisch selbst durch eine Art Bigbeat-Version von "Get Into The Groove" und einer Hardrock-Version von "Borderline", bei der sie, wie überhaupt häufiger an diesem Abend, Gitarre spielte. All das nicht etwa durch kurze Stille oder längere Ansagen unterbrochen, sondern ineinander gemixt oder verzahnt durch Songfetzen (auch Fremdaufnahmen wie Eurythmics' "Here Comes The Rain Again") oder Samples wie das omnipräsente "Tick-Tack-Tick-Tack-Tick-Tack" aus "4 Minutes", das aber erst ganz am Schluss tatsächlich als Song zu hören war.







Der Einsatz von Menschen, Material, Redundanz und der Wille, aus der Show etwas ganz besonders Denkwürdiges zu machen, hatten einen Haken: Noch eine Stunde nach Beginn des Konzerts war die Stimmung in der Halle gar nicht so gut, wie es das Treiben auf der Bühne suggerierte. Womöglich, weil zu viele Songs ein neues Stilgewand und einen neuen Ablauf bekommen hatten? Oder ging den meisten Zuschauern schlicht alles viel zu schnell? Wie auch immer: Die Wende zum kollektiven Mitklatschen brachte bezeichnenderweise eine vollanaloge Folk-Band, die Madonna unter anderem bei "La Isla Bonita" begleitete und auch den Zuschauern zum ersten Mal genug Luft zum Atmen ließ, um endlich selbst emotional werden zu können. Danach folgte dann abrupt der aus Funk und Fernsehen schon hinlänglich bekannte Video-"Skandal". Sie erinnern sich: Bilder von McCain, Hitler, Auschwitz versus Bilder von Obama, Kennedy, Streichelzoo. Die Welt, aufgeteilt in schwarz und weiß. Aber es gab auch noch eine dritte Lesart, die sicher nicht wenige als den eigentlichen Skandal empfanden. Nämlich in diese vermeintlich politisierende Collage immer wieder Madonna selbst eingeschnitten zu sehen. Und zwar nicht mahnend, leidend, warnend, argumentierend, sondern in Lack und Leder lasziv tanzend an einer Stange. So ergab sich für manche eine neue, nicht minder unangenehme Lesart der Szene: Sex, Auschwitz, Sex, totes Kind in Afrika, Sex, McCain, Sex.

Mit einem letzten Block, bestehend aus unter anderem "Hung Up", "Like A Prayer", "Give It 2 Me" und "4 Minutes" endete das Konzert nach circa zwei Stunden plötzlich, aber schlüssig auf dem auch gefühlten Stimmungshöhepunkt. Kurz zuvor hatte Madonna, die wegen technischer Probleme eine A-Capella-Version von "Like A Virgin" angestimmt hatte, noch Folgendes wissen lassen, das hier nicht unerwähnt bleiben soll: "I Love you Düsseldorf - You almost make me feel like virgin". Danke für das Kompliment. Einige von uns fühlten sich aber hingegen fast schon zu gebrechlich für die schnelle Taktung deiner Show. Kann ich's noch mal in Zeitlupe sehen?