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»Ich möchte auch, dass deren Eltern meine Songs genießen können.«

Sinkane über sein neues Album »Mean Love«

Mit dem Album »Mean Love« veröffentlicht der sudanesisch-amerikanische Sänger Ahmed Gallab alias Sinkane eine Genre-überschreitende Ode an die Musik der Welt. Im Interview spricht er über afrikanische Einflüsse, New York und wie es ist, mit David Byrne zusammenzuarbeiten. Julia Mähner traf ihn in seiner Wahlheimat New York. Foto: Harry Gould Harvey IV
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Es ist Freitagmorgen in Bed-Stuy, Brooklyn. Ahmed Gallab alias Sinkane kommt zu spät zum verabredeten Treffpunkt, der Bedford Hill Coffee Bar. Er wirkt etwas kleiner als auf Fotos, trägt eine lachsfarbene Jeans zum tiefblauen Jeanshemd und entschuldigt sich mit einem schüchternen Grinsen. »Tut mir so leid. Mein Zug ist mir direkt vor der Nase weggefahren.« Mit seiner rechten Hand streicht er sich über die leicht gerunzelte Stirn – eine Geste, die er noch oft wiederholen wird. »Dieser verdammte G-Zug.«

Der Zug der U-Bahnlinie G hat Gallab in das musikalisch historische Viertel Bed-Stuy gebracht, kurz für Bedford-Stuyvesant, das unter anderem Aaliyah, Jay-Z, Norah Jones und die HipHop-Band Whodini hervorgebracht hat. Seit den 90ern hat sich viel verändert: Die Hustler sind von Öko-Läden und kleinen Cafés abgelöst worden, statt Schießereien sieht man nun spielende Kinder auf den Straßen. »Ich liebe es hier.« Die Hand wandert wieder zur Stirn, er sieht sich auf der belebten Straße um: »Es sieht toll aus, wie in der ›Bill Cosby Show‹, und es ist so historisch hier! Es ist unglaublich, in der Ecke zu wohnen, in der Biggie Smalls aufgewachsen ist.«

»Mars«, die erste Platte von Sinkane, aber auch das aktuelle »Mean Love« wurden sehr von der amerikanischen Metropole beeinflusst. »Konträr zu dem, was viele glauben, hat New York einen größeren Einfluss auf meine Musik als zum Beispiel der Sudan. Gerade in Brooklyn muss man nur die Straße überqueren und trifft auf eine ganz andere kulturelle Gemeinde. Hier leben Afroamerikaner, Zentralamerikaner, Juden und Italiener nebeneinander und werden bunt zu einer großen Gemeinschaft zusammengemischt. Das ist sehr spannend.«

Universalität ist ein Ausdruck, den er während des Gespräches immer wieder fallen lässt, und dieses Gefühl hört man auch auf seinen Alben. »Mean Love«, eine Fortsetzung dessen, was Gallab mit »Mars« begonnen hat, vereint die verspielten Basslinien des Funk mit afrikanischer Perkussion und rhythmischem Klatschen, wie in der sudanesischen Volksmusik madih (sprich: Madith). Im Titelsong sowie in »Galley Boys« verarbeitet Gallab auch typisch amerikanische Elemente, die er dem Country entnommen hat. Der eigentlich karibische Flair der Songs wird mit einer Slide- und einer Steel-Gitarre verwoben, während die Soul-Stimme Gallabs, ein in schwindelerregenden Höhen segelnder Tenor, und die Rhythmussektion die sonst so verschiedenen Songs nahtlos mit dem Rest des Albums verknüpfen.

Neben dem madih ließ sich Gallab auch von einer anderen Musikrichtung seines Herkunftslandes beeinflussen, dem haqibah (sprich: Hathiba). »Der Unterschied zwischen haqibah und madih ist, dass haqibah eher eine zeitgenössische Musik ist und mehr Instrumente verwendet, zum Beispiel Gitarren und Streicher«, erklärt Gallab. »Inhaltlich werden in beiden Formen wahre Begebenheiten und Legenden in Liedform weitergegeben, es ist Folklore.« Diese Einflüsse, wieder begleitet von einer Slide-Gitarre, hört man im fast schon hymnischen »Omdurman«, ein Lied, das all diese Elemente in sich vereint.

Es ist alles sehr smooth, was Gallab fabriziert, smooth und schwer einzuordnen. Das ist dem 29-Jährigen, der in seiner bisherigen Karriere als Studiomusiker unter anderem mit Eleanor Friedberger, Yeasayer und Of Montreal gearbeitet hat, auch ganz recht: »Ich möchte mich gar nicht in eine Schublade stecken lassen, wo nur die hippen Kids meine Musik mögen, oder nur die Musiker. Ich möchte auch, dass deren Eltern meine Songs genießen können.«


Einen deutlichen Schritt näher an dieses Ziel gekommen ist Gallab mit dem Projekt »Atomic Bomb – The Music Of William Onyeabor«. Nach einem Auftritt mit dem nigerianischen Musiker Femi Kuti im Rahmen der New Yorker Konzertreihe »Summer Stage« wurde Gallab von Yale Everlove und Eric Welles Nyström von David Byrnes Label Luka Bop auf Onyeabor angesprochen. »Sie kamen auf mich zu und fragten mich, ob ich wisse, wer er gewesen sei.« Er grinst verschmitzt. »Natürlich wusste ich, wer er war. Ich bin vor einigen Jahren auf seine Musik gestoßen, durch eine Compilation, die ›World Psychedelic Classics: Vol. 3 – Love Is A Real Thing‹ hieß. Da ist ein Song drauf, ›Better Change Your Mind‹, und der verkörpert genau das, was ich musikalisch erreichen wollte.«

Gallab traf sich ein paar Wochen später wieder mit Everlove und Welles Nyström, die neben dem Dokumentarfilm über den nigerianischen Musiker Onyeabor auch an einer Live-Show arbeiten wollten. Gallab willigte begeistert ein, daran mitzuarbeiten. Es wurde ihm überlassen, die Band dafür zusammenzustellen, die neben Mitgliedern seiner Liveband schlussendlich auch aus Veteranen der Musikindustrie wie Damon Albarn (Blur, Gorillaz), Kele Okereke von Bloc Party, Luke Jenner von The Rapture und Money Mark von den Beastie Boys bestand. Die Show in der Brooklyn Academy of Music, kurz BAM, bestritt das Onyeabor-Projekt auch mit David Byrne. »Es war großartig.« Die tiefschwarzen Augen Gallabs strahlen wie die eines Kindes in der Schokoladenfabrik. »Wenn du ein junger Musiker bist und Leute wie David Byrne über Jahre verfolgt hast, dann kann es schon sehr einschüchternd sein, ein Projekt zu leiten, bei dem diese Personen involviert sind. Er war jedoch unglaublich nett, ein sehr talentierter Musiker. Er hat überhaupt kein Ego. Man stellt sich immer vor, dass diese gigantischen Musiker auch ein gigantisches Ego haben und dir vorschreiben, was zu tun ist, aber das war nicht so.«

Die »Atomic Bomb«-Tour brachte Gallab und seine Band auf eine nationale Tour durch die Vereinigten Staaten und schließlich auch nach Europa. Erst im Sommer spielte das Projekt auf dem Roskilde Festival in Dänemark, wieder mit Damon Albarn, und trat dort vor 17.000 Leuten auf. Auf seinen Lorbeeren konnte Gallab sich allerdings nicht ausruhen: »Während der Proben und der Konzerte für die Onyeabor-Tour habe ich ständig an ›Mean Love‹ gearbeitet und aufgenommen. Das war schon ziemlich hart. Aber ich bin stolz auf das, was ich geschaffen habe.«

Dennoch, oder gerade deswegen, hört man, wie sehr »Mean Love« die musikalische Fortsetzung von »Mars« ist. »›Mars‹ bildete die Basis meiner Musik«, erklärt Gallab. »Mir wurde aber bewusst, dass ich eine persönlichere Platte aufnehmen musste. Der afrikanische Einfluss, Soul und Reggae, die sind alle noch da. Ich zog jedoch auch Parallelen zu Country und Blues. Mir ist dann klar geworden, dass diese Stile von Leuten kamen, die in ihrem Leben sehr viel kämpfen mussten und die ein Gefühl von Sehnsucht und Nostalgie verbindet.«

Ohne es zu wissen, zog Gallab die Inspiration für den Bandnamen von solch einem Kämpfer. Er lacht. Sinkane sei ein erfundenes Wort, gibt er zu, er habe sich bei dem KanYe-West-Song »Never Let Me Down« verhört. »Der Rapper J.Ivy hat in dem Song die Zeile ›I wanna give us free like Cinqué‹, was ich als Sinkane verstanden habe. Ich habe dann in meinem Kopf diese wahnwitzige Geschichte über einen monolithischen afrikanischen Gott fabriziert, dessen Sage von Generation zu Generation in Afrika weitergegeben wurde und so schließlich mit den Sklaven in die Staaten gelangte.«
 
Als er jedoch versuchte, diesen Gott online zu recherchieren, musste er feststellen, dass dieser Sinkane nicht existiert und nur ein Produkt seiner Fantasie war. »Zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade meine erste Platte fertiggestellt und musste meinem Projekt einen Namen geben. Sinkane war der Name, der hängen geblieben ist – er ist eindeutig afrikanisch, er ist Google-sicher, weil sonst keiner so heißt, leicht zu merken, und er klingt gut.«
 
Ähnlich wie mit dem Bandnamen schwört Gallab auch mit seinen Produktionen auf das Zufallsprinzip. Die moderne Technologie gäbe vielen, die zwar keine Instrumente spielen könnten, aber dafür unglaublich kreativ seien, die Gelegenheit, Musik zu machen: »Wenn du zu viel weißt, dann verkrüppelt dieses Wissen dich manchmal. Es wird schwieriger, einen simplen Song zu schreiben. Aber wenn deine Kreativität deine Fähigkeiten übersteigt, kannst du mit der heutigen Technik Großartiges kreieren.«

– Sinkane »Mean Love« (City Slang / Universal / VÖ 29.08.14) - Hier geht's zum Vorabstream!
Auf Tour vom 04.09. bis 29.11. – am 04.09. beim First We Take Berlin!