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Raus aus Bikini Bottom

Mac DeMarco im Interview

Folgt man dem Bild, das viele Blogs von Mac DeMarco zeichnen, so ist er ein liebenswürdiges, ketterauchendes Indie-Sedativ mit Zahnlücke und unvergleichlichen Fähigkeiten an der Gitarre. »This Old Dog«, das neue Studioalbum des 27-jährigen Kanadiers, dürfte dieses Bild nun ein wenig verändern. Christian Schlodder traf DeMarco in Berlin, Frederike Wetzels fotografierte ihn in seiner neuen Heimat Los Angeles.
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Veränderung ist immer. Vor allem die kleinen Details sind es, die bei Veränderungen sofort ins Auge springen. Banalitäten. Mac DeMarco hat sich verändert. Auf den ersten Blick im Kleinen: Er raucht nun Marlboro statt Viceroy, die Zigarettenmarke, der er einst ein ganzes Lied gewidmet hat (ein Hoch auf die Guten-Morgen-Kippe bei gleichzeitigem Bildungsauftrag über schwarze Lungenflügel). Pünktlich zu seinem 27. Geburtstag veröffentlicht der Kanadier mit »This Old Dog« sein drittes Album, von dem er selbst sagt, dass es eine Art Ende markiere. Veränderung. Wechsel.

Er selbst ist Veränderung von jeher gewohnt. Geboren auf den Namen Vernor Winfield McBriare Smith IV, änderte seine Mutter (nach einem Unterhaltsstreit mit seinem leiblichen Vater) den Namen offiziell in McBriare Samuel Lanyon DeMarco. Weil man es aber auch als McBriare Samuel Lanyon DeMarco auf beispielsweise Konzertplakaten ziemlich schwer hat und sich auch bei Twitter – jedenfalls bis zur Änderung der 140-Zeichen-Regel – massive Probleme aufgetan hätten, tut es schon seit einer Weile das knappe Mac. Manchmal ist Veränderung aber auch nicht viel mehr als eine Notlösung – wie der scheinbare Wechsel der Tabakmarke. Denn Viceroy gibt es in Deutschland nicht.
Für seine Musik hingegen gilt die wechselseitige Beziehung aus Veränderung und Notlösung nicht, auch wenn diese anfangs tatsächlich einen solchen Eindruck erwecken konnte. Sein musikalisches Debüt im Jahr 2010, das Album »Ying Yang«, war für die einen beachtlich, für die anderen schwer zu greifen. Dass der bekennende »Star Wars«-Fanatiker (»Ich bin der Jar-Jar-Binks-Typ, weil es irgendwie lustig ist, dass es da draußen einen Charakter in der Popkultur gibt, der von den meisten einfach nur gehasst wird«) keine musikalische Eintagsfliege sein könnte, war je nach Blickwinkel (k)eine sichere Wette. Damals hatte er gerade seine Heimatstadt Edmonton in Richtung Vancouver verlassen. Edmonton hatte nie eine schillernde Musikszene, die einem irgendwie im Gedächtnis geblieben wäre, zumindest aber war sie bis zum Ende der Nullerjahre so aktiv und bot so viele Möglichkeiten, dass es für Künstler wie DeMarco leicht war, den nächsten Schritt zu gehen.
 
Die Mini-LP »Rock And Roll Nightclub« oder der »Ying Yang«-Nachfolger, den DeMarco vielleicht ein wenig zu einfallslos mit »2« betitelt hatte, waren musikalisch, konzeptuell und vor allem aus Sicht des Songwritings weitaus gewagter und besser – Veränderung, die guttat. Sich langsam abzeichnende Unterschiede. Unterschiede, auf deren Suche er stets ist. Seien es auch nur die kleinen, die irgendwann einmal vielleicht zu großen werden können. 

DeMarco zog nach einem weiteren Zwischenstopp in Montreal über die Landesgrenze hinweg in den Südosten – nach Brooklyn. In seinem New Yorker Apartment verfeinerte er das Songwriting, ließ Texte jetzt richtig persönlich werden und experimentierte auch musikalisch an einer Weiterentwicklung von »2«. Das Resultat hieß »Salad Days«. Allein den Sound und das Gesamtambiente beschrieb ein Nutzer auf YouTube treffend mit: »Ich habe noch nie zuvor Musik gehört, die passender wäre, sich dazu umzubringen, und die gleichzeitig ebenso gut laufen könnte, während man gerade Sex hat.« Mit »Salad Days« gelang es Mac DeMarco endgültig, Bilder von Orten zu zeichnen, an denen man beim Hören der Platte gerne wäre. Und das Album passte wirklich zu vielen (wenn auch letzten Endes meist imaginären) Situationen: Es ist perfekt auf langen Autofahrten (idealerweise in einem alten Bulli entlang einer sonnigen Küstenstraße), es dient als perfekte musikalische Umrahmung, um unter einer Platane eine etwas überreife Mango zu essen, es bietet die perfekte Hintergrundkulisse für eine Küchen-WG-Party in Berlin-Neukölln (zumindest dem jetzt hippen Teil) oder den perfekten Soundtrack für eine Spongebob-Realverfilmung.
Bild: Frederike Wetzels
Letzteres, die Assoziation mit einem Sehnsuchtsgefühl nach Bikini Bottom, verfolgt den 27-Jährigen bis heute. »Noch immer kommen viele Leute auf mich zu und erzählen mir das«, sagt DeMarco. »Irgendwie ist das komplett irre, auch aus musikalischer Sicht. Hey, der Spongebob-Themesong wurde mit einer Slide-Guitar eingespielt. Obwohl ich die auf meinen anderen Alben benutze, ist sie nirgends auf ›Salad Days‹ zu hören. Absolut verrückt. Aber ich hab mich damit arrangiert. Spongebob ist cool. Also geht die Assoziation schon irgendwie klar.« Die sympathische Leichtigkeit, auch mit dem eigenen Werk, hat er nie abgelegt. »Man packt seine Ideen zusammen, veröffentlicht sie, und dann hat man es kaum noch in der Hand, was damit passiert. Das ist interessant«, sagt er. »Und es ist cool zu wissen, was Leute assoziieren, wenn sie meine Musik hören. Stimmungen, Stile. Wenn ich in Südamerika bin, höre ich beispielsweise oft, dass meine Musik wie einige lokale Stilrichtungen in der 60ern klinge. Dazu hatte ich aber nie Bezug oder gar irgendeinen Kontakt. Vor ›This Old Dog‹ habe ich mir dann ein paar 60er-Sounds intensiv angehört. Ich verstehe, warum Leute auf diese Parallele kommen. Das ist wirklich ein verrückter Zufall.«

Für das Südamerika-Gefühl sorgt er diesmal zumindest phasenweise selbst. In »Dreams Of Yesterday« ertönen Bossa-Nova-Akkorde und dazugehörige Beats. Die Gitarre klingt ein wenig schriller als gewohnt; fertig ist der temporäre Mac-DeMarco-Südamerika-Sound. Der Rest des 13-Titel-Albums ist eine mehr als gut ausbalancierte Mischung aus dominierender Akustik-Gitarre und friedlichen CR-78-Tunes. Auf elektrische Gitarrenriffs verzichtet er diesmal bis auf eine Ausnahme komplett. Im Hintergrund klickt und klackert beständig die Drum-Machine, macht »This Old Dog« zu DeMarcos elektronischstem Album, drängt sich allerdings nie in den Vordergrund. So entsteht seltsamerweise eine Unplugged-Stimmung, wo eigentlich gar keine sein sollte, allein schon, weil es kaum ein weniger analoges Instrument gibt als einen Synthesizer. »Aus einer klassischen Sicht denke ich manchmal, dass diese zwei Instrumente nicht kombiniert werden sollten. Aber ich mag die unerwartete Harmonie, wenn man es doch tut«, sagt DeMarco. »Eine Menge Zeug, das gerade veröffentlich wird, ist wahnsinnig überproduziert. Das überfordert mich. Ich hätte auch gar keine Idee, wie ich das auf diese Weise anstellen sollte. Manchmal habe ich wirklich Lust auf den massiven Einsatz von Drum-Machines. Aber ich mag es, wenn es echt und natürlich klingt. Und ich glaube, das werde ich in Zukunft so beibehalten.«
Auf »This Old Dog« arbeitet sich DeMarco deshalb an einfachen, sorglosen Kompositionen und Arrangements ab, verzichtet weitestgehend auf Refrains und wie gewohnt auf Bridge-Überleitungen (selbst bei »Dreams Of Yesterday«, dessen Sound quasi wie gemacht wäre für Bridges). »Wenn ich Songs schreibe, gerate ich in eine Art Fluss. Und ich mag es, die Dinge einfach und simpel zu halten«, erklärt DeMarco seine stoische Verweigerung – zumindest, was die Sache mit der Bridge angeht. 
Ansonsten ist der umtriebige Kanadier, der nie zwei Aufnahmen an einem Ort gemacht hat, nicht gerade für Verweigerung bekannt. Im Gegenteil. »Ich hab manchmal dieses Gefühl der Unbeständigkeit, an Orte zu müssen, von denen ich denke, dass da was los ist«, sagt DeMarco. In den letzten Jahren hieß dieser Ort New York. »Manchmal ist die Stadt sehr erdrückend, es gibt nicht viele ruhige Rückzugsorte. Oft wollte ich einfach nur raus. Aber alles in allem mochte ich es sehr. Es gibt unzählige coole Orte und Dinge, all die Menschen, überall passiert etwas.« Trotzdem hat er der Stadt den Rücken gekehrt. »Ich musste raus, mal was anderes sehen. Und ich hatte Lust auf Sonne.« So zog es ihn von der Ostküste nach L.A. Und auch wenn er einige Zeit brauchte, mit der Stadt warm zu werden, war diese Veränderung auch eine rationale Überlegung. New York und San Francisco wurden in den letzten Jahren immer teurer, während Los Angeles vor allem für die erschwinglich blieb, die mal Geld in der Tasche haben und zu anderen Zeiten wieder nicht, allen voran Musiker. So setzte eine kleine Wanderbewegung in Richtung Stadt der Engel ein, der sich auch DeMarco anschloss.

Die meisten Songs hatte er schon in New York geschrieben, der Feinschliff folgte dann an der Westküste. So gibt es auch nicht – wie vielleicht erwartet – eventuelle Venice-Beach- oder Surfer-Boy-Einflüsse (ein Surfer-Boy ist er ohnehin nicht). »Ich glaube auch nicht, dass der Unterschied so groß ist. Mein Schlafzimmer ist in einer anderen Stadt. Das war’s. Vielleicht hört man die Einflüsse auf dem nächsten Album, diesen L.A.-Sound, wobei ich gar nicht genau weiß, wie der sich anhören müsste«, sagt DeMarco. Man hat den Strand vor Augen, das Meer, wenn man die Augen schließt. Dazu assoziiert man Orte genau wie in seiner Musik. »Das ist verrückt. In New York, einer Stadt, die man nicht mit Strand und Meer verbindet, habe ich in Strandnähe gewohnt. In L.A. brauche ich jetzt locker eine Stunde mit dem Auto, um das Meer zu sehen, aber viele denken bei L.A. in erster Linie an Venice Beach.«
Textlich scheint auf dem Album nicht so oft die Sonne. Das Album habe eine Menge mit seiner Familie und seiner aktuellen Gefühlslage zu tun: Konflikt- und Krisenbewältigung. »Just trying to keep it light sometimes casts a shadow«, singt er beispielsweise in »A Wolf Who Wears Sheep’s Clothes«. Perfekte Musik für eine Guten-Morgen-Kippe an einem grauen Novembermorgen, nachdem einen gerade der Freund oder die Freundin verlassen hat und man am Küchentisch den Brief mit der Kündigung öffnet. Diese Motive wirken für einen 27-Jährigen phasenweise ein wenig zu düster, an anderen Stellen hingegen fast schon altersweise. »Es gibt diese Tage, da fühle ich mich schrecklich alt. Aber eigentlich bin ich noch immer ein Kind«, sagt DeMarco. Er grübelt. Überlegt. »Naaah!«, fährt es dann doch aus ihm heraus. »Ich bin ein Kind!« Veränderung heißt auch zu altern. Die ersten beiden Singles, »My Old Man« und vor allem »This Old Dog«, greifen es schon im Titel auf. »Ein alter Hund ist ein schönes Symbol«, sagt DeMarco. »Ich wollte auch immer einen Hund haben, am Ende wurden es dann stets Katzen. Katzen wiederum taugen nicht für coole Albumtitel. ›This Old Cat‹ klingt einfach nach überhaupt nichts.« Zumindest nach nichts, was man in die musikalische Schublade mit der Aufschrift Mac DeMarco einsortieren könnte. Dass er sich selbst (wenn auch dosiert) der musikalischen Veränderung immerhin nicht verschließt, hat er mit »This Old Dog« bewiesen. Textlich spielt er auch ein wenig mit dem Motiv des Älterwerdens und einer gewissen Same-old-boy-Attitüde – wohlgemerkt mit 27. Veränderung impliziert, dass Dinge vielleicht schlimmer oder besser werden – zumindest aber nicht langweilig.

»Das nächste Mal mache ich dann einfach irgendeinen EDM-Club-Scheiß oder so«, sagt DeMarco und zeigt sein bestes Zahnlückenlächeln. Kurz darauf greift er in die Marlboro-Schachtel (die Notlösung) und zieht eine Zigarette heraus, die er dann doch nicht anzündet. Seine Augen leuchten, und noch immer lacht er still und verschmitzt in sich hinein. Für einen kurzen Moment scheint er es sich tatsächlich auszumalen: er und EDM, die Jin Ling aller Musikrichtungen. Veränderung ist gut. Veränderung ist immer. In diesem Moment weiß allerdings nicht nur Mac DeMarco, dass auch eine gewisse Beständigkeit durchaus Vorzüge hat.

Mac DeMarco

This Old Dog

Release: 05.05.2017

℗ 2017 Captured Tracks

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