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Unsexy Themen

M.I.A. im Gespräch

Mit »A.I.M.« feiert M.I.A. ihr zehnjähriges Jubiläum als Anti-Popstar. Das Album wird nicht nur das vorerst letzte sein, es hat auch die bislang ungewöhnlichste Botschaft in M.I.A.s Revoluzzer-Karriere, denn »A.I.M.« soll vor allem eines: uns glücklich machen. Lena Ackermann hat Mathangi »Maya« Arulpragasam in Berlin getroffen und mit ihr über Karriere, Freiheit und Shitstorms gesprochen.
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Die Ikone des »Agitprop-Pop« sitzt mit überschlagenen Beinen in einem breiten, samtbezogenen Sessel und fischt mit ihren neon-orange lackierten Nägeln geröstete Salzmandeln aus einem Glas. Die New York Times hat das Genre »Agitprop-Pop« extra für M.I.A. erfunden. Es greift, wenn sich ein Musiker in seiner Arbeit mit politischen Themen auseinandersetzt, die so unsexy sind, dass man sie besser nicht behandeln sollte. Natürlich hält die Musikerin selbst nichts von dieser luftleeren Wortschöpfung, weil nichts bedeutungsloser sei als ein krampfhaft aufgedrücktes Label.

Und doch ist etwas dran, schließlich ist M.I.A. seit zehn Jahren ziemlich weit weg von dem, was sonst im Mainstream-Pop zu finden ist. Ihr in Electroclash verpackter politischer Aktivismus ist gnadenlos. Ihre Songs sind Geschosse. Schon mit ihrem ersten Album »Arular« kletterte sie von Null auf Popstar. Dank ihrer Starrsinnigkeit ist sie – trotz Primetime-Auftritten bei der Superbowl-Halbzeitshow – aber doch ein Underground-Star geblieben.

Es ist schon nach 20 Uhr, seit Stunden kämpft die Klimaanlage in der hippen, holzvertäfelten Hotelsuite erfolglos gegen die drückende Luft. Auch Mathangi »Maya« Arulpragasam kämpft: Der heutige Interviewmarathon beschäftigt sie schon seit zehn Stunden. Aber Maya, ganz Profi, bleibt gelassen und knackt ihre Salzmandeln. »Ich habe nicht den ›Popstar-Sprech‹, mit dem ich möglichst reich werden könnte, und war auch nie selbstsüchtig genug, um die Erfahrungen von Menschen zu verleugnen. Ich wollte immer über Probleme reden, darüber sprechen, was in der Welt vor sich geht.«

Die Suche nach einem Thema für ihr aktuelles Album kann ihr nicht schwergefallen sein. Mit neun Jahren kam Maya als Flüchtling von Sri Lanka nach London. Das war 1986. Heute herrscht die Flüchtlingskrise überall, fest verwoben mit Terror, der längst nicht mehr nur die Geflüchteten betrifft. Zwei Themen, die dieselben Emotionen schüren: Trauer, Wut, Angst. Nichts davon hat auf M.I.A.s aktuellem Album »A.I.M.« Platz. Ihre Botschaft ist so progressiv, weil sie nicht von Beschwerden, sondern von Perspektiven handelt. Und M.I.A. geht noch einen Schritt weiter: Sie wagt es, eine optimistische Zukunftsprognose abzugeben. Dazu passt der Claim auf dem »A.I.M.«-Cover: »Uniting people since 2003.«

Es scheint eine vergleichsweise softe Botschaft für die Frau zu sein, die selbst einmal als Terroristin verdächtigt wurde, deren Videos nach Propaganda untersucht und von YouTube immer mal wieder gesperrt werden. »Auch wenn du gegen einen ganzen Haufen an Widerständen ankämpfen musst, kannst du in dir selbst die Kraft finden, weiterhin an Liebe, Frieden und Gleichberechtigung zu glauben«, erklärt Maya. »Wenn du also nach allem, was du durchgemacht hast, keinen Hass spürst, nicht verbittert bist und vor allem nicht aufgibst – dann scheint mir das die punkigste Botschaft zu sein, die es im Moment gibt.« 
Ihr neuestes Werk »A.I.M.« ist M.I.A.s Re-Interpretation von »Imagine«, ausgedacht auf einem Roland MC-505 – dem Lennon-Flügel 2.0. »Love wins – What’s up with that? Living it – What’s up with that? Being here – What’s up with that? Identities – What’s up with that? Your Privilege – What’s up with that?«, will M.I.A. wissen. »Freedom, ‘I’dom, ‘Me’dom – Where’s your ‘We’dom?« – ihr Appell an das globale Wir-Gefühl hat keinen faden Gutmenschen-Ton, nichts von Revoluzzer-Overkill. Maya spricht schlicht aus Erfahrung. »Menschen kämpfen dafür, es über eine Grenze zu schaffen, einen Job zu finden, sich ein Leben aufzubauen. Ich habe all diese Dinge erreicht. Und nachdem du diese Erfahrungen gemacht hast, ist es wichtig zu zeigen, dass du nicht verbittert, nicht verrückt und nicht wütend bist.« 

Die Sache mit der Wut bleibt dennoch nicht aus. Während des Interviews trägt Maya ein Shirt mit dem Slogan »Fly Pirates«. Damit tritt sie auch im Video zu »Borders« auf und kassierte schon im Dezember 2015 Ärger mit dem Fußballclub Paris Saint-German. Im Sommer wurde M.I.A. kurzfristig vom Headlining-Spot des Afropunk Festivals abgezogen. Schuld daran: eine Aussage über die Black Lifes Matter-Bewegung und der im Netz folgende Shit- statt Think-Storm. »Im Moment repräsentiert das Internet vor allem Negativität. Aber es hängt auch mit Amerika zusammen und der Art, wie dort gerade kommuniziert wird. Ich glaube allerdings, dass Amerikaner – selbst die armen Menschen dort – Privilegien haben, die eine arme Person aus Afrika nicht hat. Wenn du also aus einem abgefuckten, deprimierenden Kriegsgebiet kommst und dann jemand im Netz behauptet: ›Oh, mein Gott, du bist ein Rassist‹, dann ist das keine große Sache. Ärgerlich ist aber, dass mein Album ein ganz anderes Gefühl rüberbringt. Ich meine, einer meiner Produzenten ist Blaqstarr aus Baltimore. Und die entscheidende Aussage ist die, dass wir die besten Freunde sein werden, also etwas ganz und gar Positives.«
Angeblich soll »A.I.M.« das letzte M.I.A.-Album sein. »Ich will studieren, vielleicht ein Buch schreiben.« Ihren Abschied aus dem Musikbusiness hat Maya allerdings schon öfter angekündigt. Die Ikone des Anti-Pop ist eine erfolgreiche Künstlerin. Sie ist eine Geflüchtete, ein durch ihren Erfolg privilegierter Hipster, eine Rebellin mit radikalen Ansichten. Man muss nicht alle ihrer Auffassungen teilen. Aber man muss sie beglückwünschen, sie hat mit »A.I.M.« wieder einmal ein fantastisches Album vorgelegt. Es wäre also besser, wenn M.I.A.s messerscharfer Clash-World-Sound vorerst nicht aus der Musikszene verschwinden würde.

M.I.A.

AIM (Deluxe)

Release: 09.09.2016

℗ 2016 Maya Arulpragasam, under exclusive license to Interscope Records

— M.I.A. »A.I.M.« (Interscope / Universal / VÖ 09.09.16)