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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Fremd in der Fremde

M.I.A.

Nach ihrem besonders in den USA erfolgreichen Debüt 'Arular' konzentrierte Maya Arulpragasam ihre Hoffnungen auf New York...
Geschrieben am

Als die kleine Maya mit ihrer Mutter aus Sri Lanka floh, sehnte sie sich nach nichts mehr als einem sicheren Zuhause. Doch auch in der neuen Wahlheimat London fühlte sie sich nicht willkommen. Nach ihrem besonders in den USA erfolgreichen Debüt "Arular" konzentrierte sie nicht zuletzt deshalb ihre Hoffnungen auf New York - ob es hingehauen hat oder nicht, das sagt uns nun Heiko Behr.

"Wer ist eigentlich M.I.A.?" stöhnt der bullige Stiernacken und inhaliert einen tiefen Schluck seines Plastikbiers. "Europäischer HipHop, oder so", antwortet ihm gähnend der Crewcut und rückt seine verspiegelte Ray-Ban-Sonnenbrille zurecht. Danach einigen sie sich auf ein klares "Whatever" und beginnen eine tief greifende Diskussion über den Vorteil vom Bongrauchen gegenüber dem Komasaufen.
Wir befinden uns in Chicago. Genauer gesagt auf dem Gelände des Lollapalooza-Festivals. Mit derlei Reaktionen muss Maya Arulpragasam, die hier heute am späten Nachmittag einen Auftritt ihrer aktuellen Amerikatour durchziehen muss, in diesem Kontext leider rechnen. Hier wartet niemand auf den progressiven Hype aus UK, der sein zweites, so viel sei gleich mal gesagt: großartiges Album, "Kala" betitelt, promoten will - hier wird stattdessen gerade Ben Harper gottgleich abgefeiert.

Die 30-Jährige müht sich später auf der fußballfeldgroßen Bühne dennoch ab, stürmt zwischendurch ins Publikum, animiert zum Mitsingen. Kurzum: Sie gibt alles. Und auch ihre Begleit-Tänzerin schwitzt nicht von irgendwoher; lediglich der DJ schaut etwas verloren ins Rund - und erntet indirekt für seine fehlende Professionalität Kritik von der Chefin: "Manchmal wünsch ich mir in solchen Situationen dann doch eine Band", gibt eine verkaterte und trotzdem (oder gerade deswegen) grinsende Maya am nächsten Tag beim Interview im Hard Rock Cafe zu Protokoll. Überhaupt hat sie ausgeprägte Lust zu reden. Also hören wir doch einfach mal zu:

Ist es nicht schon ein Erfolg, dass du überhaupt in den USA auftrittst momentan? Ich hörte, du hättest Visum-Probleme gehabt.
Puh. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber reden darf. Mein aktuelles Visum ist nämlich nur auf ein Jahr beschränkt. Also, wenn ich hier Scheiße erzähle, können sie mir das Visum auch schnell wieder wegnehmen. Ich denke mal, das ist ein Mittel, um Leute unter Kontrolle zu halten.
Empfindest du das jetzt als ständige Bedrohung?

Eigentlich nicht. Trotzdem bin ich bei dieser Sache sehr vorsichtig. Und es bestärkt mich noch: Im Grunde muss man in den USA leben, um hier auch Kritik üben zu können. Wenn man das von außerhalb tut, nimmt das niemand wahr. Das hat hier überhaupt keine Relevanz. Ich teste also gerade noch, wie weit Freedom of Speech hier überhaupt reicht ...
Glaubst du, deine Texte haben mit deinen Problemen zu tun gehabt? Du hast ja ziemlich radikal von Selbstmordattentätern erzählt, hast die PLO als Referenz gedroppt ...
Ich hoffe nicht. Aber sie haben mich gebeten, ihnen einige Presse-Artikel zuzuschicken, so wollten sie sich über mich informieren. Eine ziemlich faule Art für eine staatliche Organisation. Und das kam dann bei ihnen so an: "M.I.A.! Tochter eines militanten Terroristen! Kommt in die USA!" Tja, und schon war ich auf der Watchlist.Hast du nie gedacht: "Okay, wenn ihr mich nicht wollt, will ich euch auch nicht!"?
Genau mit dieser Einstellung hab ich "Kala" gemacht. Wenn ich nicht in die USA reinkomm, geh ich in jedes einzelne Anti-USA-Land auf diesem Planeten und mach da jedes Mal einen Anti-USA-Song! Da bin ich innerhalb von kurzer Zeit bei acht Alben! Und hey, das wär okay gewesen. Dann verkauf ich sie halt in China. Dann wäre ich eine noch größere Bedrohung.
Aber irgendwie bist du ja drangeblieben an diesem Visum. Was fasziniert dich so sehr an den USA?
So viele liberale Gedanken kommen doch aus Amerika, progressive, revolutionäre Gedanken. Das muss man respektieren. Und ich würde gern meinen Teil dazu beitragen, Informationen ins Land hineinzutragen. Ich glaube, die Amerikaner brauchen mehr Außenperspektive! Niemand hat in den USA Zeit, sich mal mit einem Thema zu beschäftigen. Schau dir die Nachrichten hier an. Es ist also dringend nötig, dass jemand den Amis etwas kulturell Subversives injiziert: Erinnert euch an Afrika! Kennt ihr eigentlich China?
Du hast ja bekanntermaßen den Sri-Lanka-Background, hast dann in London gelebt und die letzte Zeit so ziemlich überall und nirgends. Quasi aus dem Koffer. Fühlst du dich kulturell zerrissen? Hast du Heimweh?
Nein. Ich fliege ja manchmal rüber, um ein bisschen zu helfen. Aber ich könnte dort nicht leben. Letztes Jahr ist meine Großmutter an meinem Geburtstag gestorben. Da hatte ich gerade das "Bird Flu"-Video abgedreht. Auf ihrer Beerdigung habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit so eine Art spirituelle Verbindung mit dem Land gespürt. Aber in den wenigen Tagen, die ich damals da war, wurden plötzlich alle Schulen geschlossen, alle Kinder nach Hause geschickt. Die Regierung verbreitete Gerüchte, dass die Tamil Tigers damit gedroht hätten, Bomben zu zünden. Die Tigers hingegen sagten, das sei ein Wahlkampftrick der Regierung vor den Wahlen, sie hätten dergleichen niemals angedroht. Stell dir das mal vor. Das ist so ein unreifer Scheißdreck, der da abläuft. Damit will ich einfach im Moment nichts zu tun haben. Dieser Konflikt im Land ist so tief greifend! Wenn ich mich damit beschäftigen würde, müsste ich meine komplette Zeit investieren! Aber dann wäre ich eine von ihnen - und das will ich nicht.
Leute, die viel reisen, die ständig unterwegs sind, klagen ja oft über Identitätsprobleme. Weil sie das Gefühl für das "Zuhause" verlieren, auch wenn das nur ein geistiger Ort sein kann. Du bist ja nun ständig unterwegs gewesen, auch weil du in deine bereits gekaufte Wohnung in Brooklyn wegen der Einreiseprobleme nicht einziehen konntest. Wie empfindest du das?

Meine Familie ist meine Heimat. Wenn ich es also schaffe, alle an einem Ort zusammenzubringen - dann fühlt sich das nach einem Zuhause an. Als ich damals Sri Lanka verließ, wusste ich, dass das niemals wieder passieren würde. Niemals. Mein Zuhause würde nie, nie, nie, nie wieder so sein, wie es mal war: Meine Schule existiert nicht mehr, meine Straße ist zerstört, alles ist mit Landminen gepflastert. Die Leben dort sind kaputt, die Hoffnungen sind kaputt. Ich weiß genau, selbst wenn ich nach Sri Lanka ziehe und mithelfe, eine Straße, ein Haus wieder aufzubauen, wird es trotzdem anders sein. Also ist es für mich wichtig, einen Platz zu finden, der meinen Irrsinn unterdrückt, der mich ausbalanciert. Ich muss in meinem Leben etwas finden, das mir eine Ruhe verschafft. Zu der Zeit, als ich diese Visum-Probleme hatte, dachten ja alle Leute, ich hätte es geschafft: 200.000 Platten in den USA verkauft, schöne Wohnung in Brooklyn, ich kann überall hinreisen, wohin ich will. Aber ganz so einfach war es dann eben doch nicht. Ich hatte einfach kein Zuhause. Meine Idee war dann, alles so klein zu halten, dass ich mein Zuhause überall mit hinnehmen konnte. Ob das jetzt ein Buch ist oder eine Teetasse, ein Paar Schuhe oder ein Handy. So kann man dann ein bisschen Ruhe finden, in die man sich zurückziehen kann.Inwieweit wird dieser Zustand der Heimatlosigkeit in deinem Album widergespiegelt? Du bist noch hysterischer in einigen Songs als auf "Arular", noch entgrenzter ...
Oh ja, ich bin hysterisch auf der Platte, total. Wenn das also der schlimmste Part von mir ist, dann ist das eben so.
War das das Ziel? Die schlechtesten Seiten aus dir rauszuholen?
Ich geb dir ein Beispiel. Einen Tag, bevor ich "Bamboo Banga" schrieb, traf ich einen sehr seltsamen Künstler, der hat mir echt Angst gemacht. Ich lernte ihn mit ein paar Freunden kennen, er wollte uns ein bisschen von seiner Arbeit zeigen. Bei ihm zu Hause versuchte er uns dann plötzlich in einen Keller zu schubsen. Er fühlte sich von Geistern verfolgt und dachte, ich sei auf ihn angesetzt worden. Als Killer. Als wir dann Richtung Haustür flüchteten, hielt er mich am Fuß fest. Wir kämpften miteinander. Erst als wir später sicher im Auto saßen, habe ich so richtig Angst bekommen. Das war nämlich am gleichen Tag, als in England dieser MySpace-Killer zuschlug, der innerhalb von einer Woche fünf Prostituierte ermordete ... Am nächsten Tag nahmen wir dann "Bamboo Banga" in einem Take auf, ich höre mich wirklich absolut spooky an auf den Aufnahmen. Da ist meine ganze Panik vom Tag davor in den Track geflossen. Mein Gott, mein Leben ist so bizarr!

Einschub. Gleiche Stadt. Andere Bühne

Erwartungsgemäß macht diese dräuende Hysterie am nächsten Tag im lokalen House of Blues, der von Dan Aykroyd mitgegründeten Location-Kette, deutlich mehr Sinn als am Vortag auf dem Lollapalooza. Besonders das eben angesprochene Stück, "Bamboo Banga", steigert sich an diesem Tag live in einen irrlichternden monotonen Soundirrsinn, kreiert eine körperliche, niemals nachlassende Anspannung - wie sie eben nur auf dunklen, kleineren Bühnen spürbar wird. Man merkt sofort, dass sich Maya hier wohler fühlt. Die Fremdartigkeit der schrägen Samples, die Autosirenen, die flatternden Hühner, die intensiven Tribalbeats, hier werden sie vom Publikum begeistert als neue Erfahrung aufgenommen. So weit draußen kann überwältigende Tanzmusik also heute klingen. Wie ein Trip durch die weißen Flecken der USA-Europa-zentrierten Weltwahrnehmung.

Blende zurück. Hard Rock Cafe

Eigentlich sollte ja Timbaland dein Album mitproduzieren, der sich auch gern mal quer durch Indien samplet. Letztlich ist es nur ein Song geworden - und der wird auch nur als Bonustrack in den USA erscheinen. Deine Plattenfirma rennt sicher Amok ...

Wenn ich diese Visum-Probleme nicht gehabt hätte, wär ich ihm einfach ein Jahr quer durch die USA immer hinterhergereist, nur um mit ihm aufzunehmen. Als ich ihn dann in Virginia Beach traf für ein paar kurze Recording-Sessions, merkte ich plötzlich: Eine Zusammenarbeit mit ihm würde einfach ganz weit weg klingen vom Rest des Albums, völlig inkonsistent. Das war mir plötzlich klar, noch bevor die Aufnahmen begannen.
Angeblich haut der ja auch mal acht Songs am Tag raus. Klingt nach dem absoluten Gegenteil von deiner Arbeitsweise ...
Ich denke, es gibt zwei Arten von Künstlern. Der eine hat diese Sache, die er gern macht, die er immer machen will. Und deswegen ordnet er sein ganzes Leben, alle Leute um sich herum dieser Sache unter. So macht Timbaland das. Wenn er müde ist, schläft er. Dann wacht er auf und ist in einer ganz anderen Stimmung. Er schläft auch, um extra in eine andere Stimmung zu kommen, um Vibes für Songs zu ändern! Es geht also nur um diesen einen Moment im ganzen Leben. Ich hingegen bin das genaue Gegenteil. Ich erschaffe aus dem Chaos heraus, ich muss aber auch mitten im Leben stehen: Hunde kommen ins Studio und zerbeißen meine Mikros, ich verfolge sie die Straße runter, ich stoße mit jemandem zusammen, der sich prügeln will. Dazu sorge ich mich darum, dass meine Mutter aus ihrer Wohnung rausgeschmissen wird. Ich muss mir um alles Sorgen machen, ständig Ärger haben. Bis ich dann irgendwann brülle: "Warum lassen mich nicht einfach alle in Ruhe?" Und dann setze ich mich hin und schreibe einen Song. So und nicht anders können Platten von mir entstehen!

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