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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Lump – Haarige Träume

Gilt der Begriff Supergroup eigentlich schon bei zwei Personen? Ab jetzt muss er wohl: Laura Marling und Mike Lindsay (Tunng, Throws) haben ihre Superkräfte vereint und zusammen als Lump etwas wahrhaft Traumhaftes erschaffen – findet jedenfalls Hella Wittenberg, die beide zum Interview traf. Foto: Jasmine Deporta

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Die beiden kreativen Köpfe Laura Marling und Mike Lindsay sind zusammen eher ausgelassene als höfliche Gesprächspartner. Laura lacht sehr viel. Kein Wunder, schließlich schafft Mike schnell eine lockere Atmosphäre. Mit seiner Art, die Worte zu betonen, erinnert er an einen von sich selbst überraschten Quizshow-Moderator. Laura grinst ihn unentwegt amüsiert an.

Den Anfang nahm alles nach einer Neil-Young-Show im Juni 2016. Laura trat hier als Support auf und lernte später Mike kennen. Zum Glück blieb es nicht nur bei einem Handschlag – die beiden stellten fest, dass sie seit geraumer Zeit großes Interesse am musikalischen Output des jeweils anderen hatten. Kurz darauf schaute Laura in Mikes Studio in London vorbei, hörte sich den komplexen Klangzyklus an, an dem er derzeit arbeitete, und sie legten los. Ohne lange Meetings und ohne Wahnsinnsvorbereitung. »Ich sah Laura zu, wie sie in meinem Studio zum ersten Mal die Musik hörte, wie sie in ihrem Kopf ankam, durch ihre Hand ging, durch den Stift, aufs Papier und schon nach etwa zwei Stunden ins Mikrofon. Laura schreibt, als würde sie Geschmacksrichtungen entwerfen. Das finde ich ziemlich besonders.«

Im Interview betonen die beiden immer wieder, dass es ein ziemlicher Luxus gewesen sei, bei den Aufnahmen keinen Druck gehabt zu haben. Und ohne Druck gab es kein Problem. »Ich hatte Zeit, Mike auch. Aber wir erzählten sonst niemandem von dem Projekt – das war der Schlüssel«, wirft Laura ein, und Mike ergänzt mit einem verschwörerischen Grinsen: »Das war unsere geheime Zeit.« Über mehrere Monate trafen sie sich also quasi heimlich. Ihr Motto: Wenn es nicht funktioniert, gehen wir halt ein Bier trinken. Doch obwohl sich die zwei Briten vorher kaum kannten, verstanden sie sich intuitiv durch die Musik. Dass die Kooperation mit wenigen Worten ablief, merkt man auch bei unserem Zusammentreffen. Sie sind immer noch in der Kennenlernphase. Beständig haken sie bei den Sätzen des anderen nach, wollen – genau wie ich – noch viel, viel mehr erfahren, um so das Gegenüber greifbarer zu machen.

In der Vergangenheit war insbesondere Laura nicht immer die Offenherzigste. Nur zu gerne zog sie sich zurück und hinterließ Fragezeichen. Jetzt bietet der Surrealismus des frühen 20. Jahrhunderts ihre Version eines Annäherungsversuchs an die Welt da draußen. Es war Zeit für einen Wandel: »Ich würde mich gerne als eine sich beständig in Veränderung befindliche Person sehen. Tatsache ist aber, dass ich erst mit Lump eine richtige Veränderung geschafft habe. Es ist mein Ausbruch daraus, dass ich zehn Jahre lang Laura Marling sein musste.« Diese Worte klingen allerdings härter, als sie gemeint sind. Ihre Texte sind dafür träumerischer denn je. Die Inspiration dafür fand sie in Los Angeles, wo sie von 2013 bis 2014 lebte. »Ich beschäftigte mich dort viel mit luziden Träumen. Dabei malt man sich Punkte auf die Handgelenke. Instinktiv schaut man immer darauf, erinnert sich an sie. Wenn die Punkte im Schlaf nicht mehr da sind, weiß man, dass man gerade träumt.« Mike fasziniert es, wenn Laura ihre Kenntnisse teilt. Fast feierlich berichtet er, mehr über die Welt und das Universum wissen zu wollen, seitdem er mit Lauras unstillbarem Wissensdurst konfrontiert sei.

Und doch ist es Mikes umfangreiches technisches Know-how, das die sieben inhaltlich so unterschiedlichen Tracks zusammenhält. Er fing erst in seinem Londoner Kellerstudio an, an den experimentellen Folkstücken zu arbeiten – die vielen kaum zuordenbaren Geräusche, die manchmal wie aufkochende Geysire, manchmal aber auch wie moosbedeckte Weiten klingen, kommen nicht von ungefähr: Mike lebte für viele Jahre in Island. Diese Zeit hat ihn nachhaltig geprägt. »Ich träume manchmal sogar noch auf Isländisch«, gibt er zu.

Träume begleiten Lump nicht nur textlich. Laura trägt im Schlaf regelrecht Kämpfe aus. »Mindestens einmal pro Woche habe ich den Traum, mir würde jemand die Haare abschneiden. Zuletzt träumte ich von einem Friseurbesuch, in dem ich um die Haarfarbe von Jamie Lee Curtis bat und mir ein Kurzhaarschnitt mit grauen Spitzen verpasst wurde. Ich hasste es. So wie ich es hasste, nachdem ich mir wirklich einmal die Haare abschneiden ließ. Das war nicht mehr ich.« Ihr Albtraum ist nachvollziehbar. Schließlich stellt sich auch der selbst kreierte Charakter von Lump als etwas herrlich Haariges dar. Der Yeti, den das Duo auf dem Cover des Debüts präsentiert, schüttelt seine Haarpracht auch im Video zu »Curse Of The Contemporary«. Aber momentan ist Lump noch ein recht zurückhaltender Charakter. »Ich hoffe, er wird noch extrovertierter. Aktuell hilft nur viel Rum.« Bei dieser Art der Vermenschlichung der Figur muss Laura losprusten. Erneut schafft es Mike, seine Kollaborationspartnerin aus der Reserve zu locken. Schade ist nur, dass sich die zwei bis zum Schluss kein bisschen in die Karten gucken lassen, ob es weitere traumhafte Verbindungen ihrer Fähigkeiten geben wird. Aber wie gesagt: Lump ist eben noch ein wenig schüchtern.

LUMP, Laura Marling & Mike Lindsay

LUMP

Release: 01.06.2018

℗ 2018 Dead Oceans