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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der Misanthrop in Nahaufnahme

Luke Haines

Die letzten zehn Jahre hat Luke Haines - The Auteurs, Black Box Recorder und Baader Meinhof in Personalunion - damit verbracht, plakativ seine schlechte Laune zu verbreiten. Themen wie Verschwörung, Tod und Meuchelmord prägen sein musikalisches Gesamtwerk. Auch sein neues Album “The Oliver Twist Man
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Die letzten zehn Jahre hat Luke Haines - The Auteurs, Black Box Recorder und Baader Meinhof in Personalunion - damit verbracht, plakativ seine schlechte Laune zu verbreiten. Themen wie Verschwörung, Tod und Meuchelmord prägen sein musikalisches Gesamtwerk. Auch sein neues Album “The Oliver Twist Manifesto” bietet wieder Galle galore. Doch wie humorlos ist der Mann wirklich? Sonja Müller hat dies in einem ausführlichen Gespräch ausgelotet.

? Thema Popstreik: Du hattest die Briten aufgefordert, während der ersten Juliwoche keine Musik zu hören, zu produzieren, zu spielen oder in jeglicher Form zu bewerben. War die Aktion erfolgreich?

Absolut. Ich musste mich zwar für eine Woche verstecken, um auf gar keinen Fall Musik und Populärkultur ausgesetzt zu sein, aber ich denke schon, dass der Streik den Plattenverkäufen geschadet hat. Natürlich haben nicht alle Briten gestreikt, doch es waren schon eine ganze Menge. Da ich isoliert war, habe ich nicht viel davon mitbekommen, allerdings ist mir berichtet worden, dass es mehr Menschen waren, als ich erwartet hatte.

? Hier haben wir nicht besonders viel davon mitbekommen.

Es war auch eine rein englische Sache. Ich hatte nicht ganz Europa zum Streik aufgerufen, das mache ich vielleicht nächstes Jahr.

? Wie hat die englische Presse reagiert?

Sehr gut. Es gab ausführliche Berichterstattungen und Foren, vor allem in den Tageszeitungen.

? Die Musikpresse muss doch eher zurückhaltend reagiert haben. Im NME las ich einen nicht sonderlich begeisterten Bericht. Für den NME war dein Streit mit Graham Coxon von größerer Bedeutung.

Das ist logisch. Erstens ist der NME weder für seinen Sinn für Humor, noch für seine Intelligenz bekannt. Zweitens konnten sie keine Position beziehen. Hätten sie sich positiv zum Pop-Streik geäußert, wäre die logische Konsequenz gewesen, die Produktion für eine Woche einzustellen. Doch da hat natürlich die Chefetage nicht mitgespielt. So war es einfacher, sich auf Klatschthemen zu stürzen.

? Allgemein bist du als schlechtgelaunter Düsterling bekannt. Das mag vor allem auch an den Themen liegen, die du in deiner Musik behandelst. Wie kommt es, dass du geradezu besessen scheinst, wenn es um Verschwörungen und Mordfälle geht?

Nun, das sind die Themen, die kaum in Songs behandelt werden, offensichtlich auch, weil es keine Verkaufsschlager sind. Dennoch sehe ich keinen Grund, der es mir verbieten sollte, einen Song über Was-immer-ich-will zu schreiben. Kunst im Allgemeinen kann das. Literatur und Film bringen das ständig, aber die Musik beschränkt sich noch immer größtenteils auf Themen wie Liebe zwischen Jungs und Mädchen oder Dancetracks. Nicht dass ich was dagegen hätte, aber ich denke, dass Musik allgemeiner und vielleicht in einem cinematographischen Kontext gesehen werden kann.

? Deshalb auch deine Freude, am Soundtrack zu „Christy Malrys Own Double Entry” arbeiten zu dürfen?

Ja, es ist ein großartiger Film. Ich freue mich wirklich, dass er so gute Kritiken bekommt.

? Und es ist mal wieder ein Terroristenthema.

(lacht) Genau. Lustig am Rande: Baader Meinhof war für mich auch eine Art Soundtrack. Ich wollte damals auch schon eine gewisse Stimmung, ähnlich der in einem Film zu dem Thema, kreieren. Somit verfolgt mich das Baader-Meinhof-Projekt auf eine positive Art und Weise und beeinflusst mich noch heute.

? Wird es mehr von Baader Meinhof geben?

Eigentlich war das Projekt als Einzeltäter geplant, aber ich finde noch immer, dass dies ein großartiger Name für eine Band ist. Möglicherweise werde ich ihn zu gegebenem Anlass reaktivieren. Dann aber nur den Namen. Das Thema habe ich für mich ausgeschöpft.

? Du liebst es, Kunstfiguren zu entwerfen, angelehnt an reale oder literarische Vorbilder, zum Beispiel Lenny Bruce und Rudolph Valentino oder aktuell: Oliver Twist. Was reizt dich daran?

Nun, bei Lenny Valentino war es die Möglichkeit, zwei völlig unterschiedliche Personen, nämlich Rudolph Valentino, den ersten Schauspieler, der es schaffte, durch seine Popularität eine Art Massenhysterie auszulösen, und Lenny Bruce, den großen Provokateur, den man am liebsten eingelocht hätte, zu einem fiktiven Charakter zu verschmelzen. Und Oliver Twist ist mein Trojanisches Pferd. Ich gebe ihm Eigenschaften, die man ihm nicht zutraut, verwandle ein symbolisches Opfer in einen boshaften Geist, mache etwas ursprünglich Unschuldiges zur bösen Macht. Auf diesem Wege kann man mehr kaputtmachen als auf dem herkömmlichen Weg.

? Den größten kommerziellen Erfolg hattest du mit Black Box Recorder. Steht diesbezüglich etwas Neues an?

Ja, wir sind schon seit einer Weile wieder im Studio. Das war das erste Mal, dass ich zwei Projekte, nämlich BBR und meine Soloalben, parallel laufen hatte. Darüber wird man etwas schizophren, aber damit kann ich umgehen. Das neue BBR-Album wird wieder etwas anders. Noch poppiger, wieder etwas schneller, diesmal schaffen wir vielleicht sogar 140 bpm. (Lachen.)

? Lustig, dass gerade das Projekt mit den ironischsten und hinterhältigsten Texten allein durch die zugänglichere Musik kommerziell am besten ankommt.

Ja, nicht wahr? Bekommt ihr die Alben in Deutschland überhaupt?

? Ja, ich liebe sie. Und dennoch verpassen sie mir eine Gänsehaut.

Ha! Mein Vorhaben war es schon immer, die Leute zu Tode zu ängstigen!

? Das ist dir gelungen. Eine Freundin von mir fragte neulich, als sie ein Bild von dir auf einem der Plattencover sah, warum ich Musik von psychopathischen Massenmördern sammeln würde.

Na, das ist doch immerhin ein Image. (vergnügtes Kichern.)

? Ich persönlich bin jedenfalls sehr erleichtert, dass “A sense of humor is the most overrated virtue”, eins meiner Lieblingszitate des neuen Albums, nicht todernst gemeint ist. Du wirst jetzt wesentlich umgänglicher rüberkommen als erwartet. Ist das ein Problem für dein Image? (ebenfalls vergnügtes Kichern.)

Oh, ich denke, damit kann ich leben. Umso härter trifft euch mein nächster Schlag. (Gelächter.)