×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Nicht ganz da und doch dabei

Lucy Dacus im Gespräch

Auf ihrem ersten Album »No Burden« versicherte Lucy Dacus gleich im ersten Lied, dass sie nicht lustig sein möchte. Auf ihrer zweiten Platte »Historian« geht es nun um die Anwesenheit im eigenen Leben. Ist man da, wenn man nicht ganz da ist? Kann man etwas verändern, wenn man sich bloß treiben lässt? Diese und andere deepe Fragen klärte sie mit Silvia Silko in einem nächtlichen Telefonat.
Geschrieben am

Ist immer so eine Sache mit der geistigen Anwesenheit im eigenen Leben. Manchmal kommt man sich vor, als wäre man über Nacht in einen dieser historischen Taucheranzüge gesteckt worden und müsse darin nun den Alltag überstehen: Es kommt schon alles bei einem an, nur eben dumpf und verzögert – als treibe man unbeteiligt in der Strömung, 20.000 Meilen unter dem Meer.


Lucy Dacus erlebt dieses Gefühl als Künstlerin in allen Ausprägungen. »Es ist so, als hätte ich gar keine Macht darüber, wie ich meine Songs schreibe. Als seien sie schon da, und ich bin nur zufällig diejenige, die sie zu Papier bringt.« Dabei gab es diesmal durchaus konkrete Momente der Inspiration: Für »Historian« hat sich Dacus den »low points« ihres Seelenlebens zugewandt, wie sie es nennt: »Da waren einige Situationen und daran gekoppelte Emotionen, die ich untersuchen musste. Das war schon hart.« Ein paar Tränenausbrüche, nächtliche Spaziergänge und Stunden dezidierter Isolation später kann Dacus ihre Lieder einfach existieren lassen. »Jetzt bin ich nicht mehr Teil des Ganzen. Das Gefühl, aus dem die Stücke entstanden sind, kommt nicht mehr richtig durch.«


Bei Lucy Dacus und ihren traurig-schönen Liedern geht es immer wieder um die oben genannten Fragen zum Involviert-Sein im eigenen Leben. So singt sie in »Night Shift« über verflossene Liebschaften und bittet darum, dass sich dieser Herzschmerzsong möglichst bald anhören möge wie eine müde Coverversion. In »The Shell« philosophiert sie über die Möglichkeit, Innen- und Außenleben zu trennen, um die eigene Hülle mit jemand anderem befüllen zu lassen.

Wie sehr die Amerikanerin nun an ihrem eigenen Leben teilnimmt oder nicht: In der Musik von »Historian« spürt man sie überall. Vor allem scheint Lucy nach ihrem erfolgreichen Debüt »No Burden« gezielt am Sound gefeilt zu haben. Es ist alles ein bisschen komplexer, und Dacus gönnt sich immer mal wieder saftige Gitarrensoli, melodiösen Grunge und Details wie Bläser und kleine Chöre. »Meine Band und ich sind definitiv von Wilco inspiriert – das hört man auch, wie ich finde. Ansonsten sind wir echte Sensualisten: Wir machen das, was sich gut anfühlt. Wie wenn man beide Füße vom Boden nimmt«, sagt sie bedeutsam. Als einem darauf ein verwirrtes »Hä?« entfährt, lacht sie und erzählt, dass David Bowie mal auf die Frage, welchen Rat er jungen Musikerinnen und Musikern geben könne, geantwortet habe, dass man jeden Tag so loslaufen sollte, als würde man geradewegs ins Meer laufen. In dem Moment, wo man den Boden unter den Füßen verliere und von einer Welle erfasst werde, passiere etwas Besonderes. Na hoffentlich! Und wenn nicht, steckt man vielleicht ja immer noch in diesem dummen Taucheranzug.

Lucy Dacus

Historian

Release: 02.03.2018

℗ 2018 Matador

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr