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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Die Leute sollten England im Blick haben.«

Loyle Carner im Gespräch

Sein Debüt »Yesterday's Gone« wird bereits als eines der HipHop-Alben des Jahres gefeiert. Kein Wunder, denn seit The Streets, Roots Manuva und Skepta hat man in Sachen Rap in den letzten Jahren nur wenig Großes aus UK gehört. Der aus South-London stammende Ben Coyle-Larner, der schon mit Kate Tempest, Nas und MF Doom auftrat, könnte das nun ändern. Wir trafen den 22-jährigen in Berlin zum Gespräch.
Geschrieben am

Interview:
Sermin Usta

Ob auf dem Artwork deines Debüts »Yesterday's Gone« oder in deinen Songs und Musikvideos – dein Familienleben scheint allgegenwärtig. Besonders deine Mutter Jean scheint ein wichtiger Bezugspunkt für dich zu sein. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben?
Vor einem Jahr hätte ich deine Frage sicher anders beantwortet als heute, denn unser Verhältnis hat sich in den letzen Jahren enorm verändert. Mittlerweile geben wir uns gegenseitig Ratschläge. Wir sind wie Freunde. Sie will zwar immer noch alles von mir wissen, aber eher wie eine große Schwester. Sie sieht in mir einen erwachsenen jungen Mann, der ihr ebenbürtig ist und ihr auch unter die Arme greifen kann, das ist ein gutes Gefühl.

Was schätzt du am meisten an ihr?
Ihren Antrieb und die Kraft, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Außerdem hat sie ein großes Herz. Sie hat die Gabe zu verzeihen, ähnlich wie meine Großmutter. Das mit der Vergebung ist eine wichtige Sache, das können nicht viele.

Gibt es Regeln aus der Kindheit, an die du dich heute noch erinnerst?
Mein Großvater war berühmt für seine Lebensweisheiten. Er gab mir einen ganzen Haufen Regeln an die Hand, wie ein junger Mann sich zu verhalten hat, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Sowas wie: Bezahle alles, was du kaufst. Oder: Nutze Frauen nicht aus, behandele sie immer gut. Verletze niemanden. Fluche nicht. Was mir bis heute schwer fällt, ist die Sache mit dem Fluchen (lacht).
Inwiefern hat dir Londons Subkultur dabei geholfen, dich künstlerisch zu entwickeln?
Das besondere an der Stadt ist, dass du jederzeit und überall von unterschiedlichen Kulturen und Einflüssen umgeben bist. Von Leuten, deren Eltern irgendwann nach England immigriert sind. Ich denke, das hat mich charakterlich und musikalisch stark beeinflusst. Du lernst sehr früh, über deinen Tellerrand hinaus zu blicken, dich weiterzuentwickeln, weil du plötzlich mit den Wert- und Normvorstellungen anderer Kulturen konfrontiert bist. 

War es schon immer dein Wunsch, als Rapper deinen Lebensunterhalt zu verdienen?
Zu Beginn nicht, irgendwann dann ja. Ich dachte immer, es sei unmöglich, das hauptberuflich zu machen. Aus diesem Grund habe ich meist nur für mich und vor meinen Jungs gerappt. Als ich dann anfing Schauspiel zu studieren, habe ich die Musik kurz aus den Augen verloren, dann aber zum Glück wieder für mich entdeckt.

Und wieso HipHop?
Das fing tatsächlich schon auf dem Spielplatz an. Ich war ungefähr elf Jahre alt, als ich und meine Jungs anfingen zu freestylen. Außerdem liebe ich Gedichte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich versuchen würde selbst welche zu schreiben.

Denkst du UK-Rap ist immer noch so relevant wie damals zu The Streets Zeiten?
Ich denke, das ist schwer zu vergleichen. Zumindest schauen die Leute wieder auf uns. Wir haben viel zu bieten, Gutes wie Schlechtes. Ob Brexit oder Kate Tempest, die Leute sollten England auf jeden Fall im Blick haben und die Szene ernster nehmen.

Und kannst du auch mit Grime etwas anfangen?
Ich habe als Jugendlicher jeden Tag Channel U geschaut. Da lief von morgens bis abends nichts als Grime. Vielleicht zwischendurch auch mal etwas HipHop, aber zu 90 Prozent Grime. Ich habe den Akzent und die Art wie sie tanzten, studiert. Dank der Grime-Szene wurde mir irgendwann klar, dass ich rappen kann, auch mit britischem Akzent.




Trotz der verschiedenen musikalischen Einflüsse, die dich in deiner Jugend geprägt haben, bist du wenn es um deine eigene Musik geht, eher weniger experimentierfreudig.
Das kommt ganz darauf an. Manchmal bin ich experimentierfreudiger als an anderen Tagen, vor allem was Beats angeht. Ich mache einfach die Musik, die ich selbst gerne höre. Ich weiß ganz genau was ich mag und was nicht. Ich versuche, mich davon nicht allzu weit zu entfernen. 

Sind deswegen keine Trap-Einflüsse auf der Platte zu hören?
 
Auf jeden Fall (lacht). Ich mag Trap nicht sonderlich. Ich meine, es ist cool, jeder soll hören, was er möchte, aber ich mag echte Geschichten, die hört man im Trap selten.

Also läuft bei dir Zuhause kein Trap, aber dafür Bob Dylan auf Repeat?
Bob Dylan hatte wirklich großen Einfluss auf mich. Nicht unbedingt auf diesem Album, eher im Allgemeinen. Was dieses Album angeht, waren meine Mum und mein Dad die größte Inspiration für mich. Bevor mein Vater starb, hat er sich meine Songs oft angehört. Er war selbst Musiker, deshalb habe ich auch einen seiner Songs gesampelt.

Wie stark hat dich sein Tod beeinflusst?
Wenn es passiert empfindest du eine lange Zeit nichts außer Bedauern für dich selbst. Ich war traurig, sehr traurig, aber ich musste von einem Tag auf den anderen aufwachen und funktionieren. Als ich noch an der Uni war, hatte ich immer die Gewissheit, dass mein Vater da ist, wenn ich ihn brauche. Ich musste mich nur um mich selbst kümmern und sonst um niemanden. Das war plötzlich anders. Also habe ich mir schnell einen Job gesucht. Ich habe erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni gearbeitet und dann mit meinen Auftritten Geld verdient.

Und heute bist du einer der besten Rapper des Landes.
Das ist so verdammt cool (lacht).
Du hast mit diversen Größen der Rap-Szene schon die Bühne geteilt. Angefangen bei Joey Bada$$ über MF Doom bis hin zu Eastcoast-Legende Nas. Das muss sich doch völlig surreal anfühlen, oder nicht?
Es war verrückt. Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht verrückt zu machen und einfach meine Show durchzuziehen. Später haben dann alle gemeint, ich hätte ordentlich Stimmung gemacht. Dabei waren es MF Doom oder Nas, die die Show gerissen haben und nicht ich.

Hast du etwas Wichtiges gelernt in der Zeit?
Eine Menge. Beispielsweise wie die Abläufe der Crew vor und hinter der Bühne sind, wer wen auf Konzerten bezahlt. Es hat sich angefühlt wie ein Praktikum, bei dem ich einen Einblick bekomme, wie das Business läuft.

Und kann den Support für Nas noch irgendein Act toppen?
Ganz klar: Common und Mos Def.

Was war deine Inspiration für den Song »Ain't Nothing Changed«?
 
In dem Track geht es darum, dass sich manchmal einfach nicht viel verändert im Leben und dass das auch gut so ist. Auch wenn andere von dir erwarten, dass sich etwas ändert. So wie viele Menschen glauben, mein Erfolg müsste einen absoluten Idioten aus mir machen.

Es hat sich wirklich nichts verändert seit deinem Signing bei Caroline?
Höchstens, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringe. Aber ich habe mich charakterlich nicht verändert. Seitdem ich die Uni verlassen habe, bin ich auf Tour. Ich spiele noch immer gelegentlich Fußball und gehe mit meinem Hund raus – alles beim Alten eben.


Apropos Fußball: Ist man eigentlich automatisch Jürgen-Klopp-Fan, wenn man den FC Liverpool so anhimmelt wie du?
Keine Ahnung, aber ich bin Klopp-Fan, denn er ist brilliant. Er wird mit Liverpool Geschichte schreiben, du wirst sehen.

Was hat dein Debüt-Titel »Yesterday's Gone« zu bedeuten?
Ein Song auf einem Album meines Vaters hat mich dazu inspiriert. Der Gedanke, dass sich in seinem Leben alles gefügt hat, auch wenn er nicht immer daran geglaubt hat, war ein interessanter Gedanke. Es ist wichtig, dass man sich bewusst macht, wie viel Tolles einen im Leben noch erwartet, selbst wenn es einem in diesem Moment dreckig geht. Ich freue mich darauf, irgendwann ein Haus zu bauen oder mir einen Welpen anzuschaffen. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, in die Vergangenheit zu blicken und darüber zu schreiben. Mit dem Album möchte ich auch damit abschließen.

Bist du Optimist?
Ja. Mir fehlt zwar der Optimismus, wenn ich an die kommenden vier Jahre mit Trump denke, oder den Brexit, aber ich habe die Hoffnung, dass all die Menschen, die unseren Planeten schlecht behandeln, Stück für Stück aussterben. An diese Vorstellung klammere ich mich. Auch wenn das abgedroschen klingt, aber die jungen Leute sind die Zukunft, nicht die Alten.
 
Es waren aber auch junge Leute unter den Brexit-Wählern.
Ganz klar. Aber ich sehe die Freunde meines Bruders und stelle fest, wie aufgeschlossen und reflektiert sie sind. Sie wollen Dinge anders machen als die alte Generation. Das gibt mir Hoffnung.

Welches Gefühl soll dein Album den Hörern vermitteln?
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass es zu mehr Akzeptanz führt. Dass man danach ein wenig offener durchs Leben geht. Für mich persönlich fühlt sich das Album an wie mein Zuhause. Ein Ort, an dem du dich wohl fühlst und ganz du selbst sein kannst. Ein sicherer Ort, der alle Gedanken zulässt.

Loyle Carner

Yesterday's Gone

Release: 20.01.2017

℗ 2017 AMF Records, a division of Universal Music Operations Ltd