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Da kann kein Buchhalter dagegenhalten

Love Of Diagrams

Es fühlt sich an wie ein Blind Date, dieses Treffen mit Love Of Diagrams. Nun ja, so, wie wir in dieser sozialen Umgangsform Unerfahrenen uns ein solches vorstellen, zumindest. Verkuppelt von einem guten alten Freund namens Matador. Wir hatten länger nichts mehr von ihm gehört, weswegen er die nicht
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Es fühlt sich an wie ein Blind Date, dieses Treffen mit Love Of Diagrams. Nun ja, so, wie wir in dieser sozialen Umgangsform Unerfahrenen uns ein solches vorstellen, zumindest. Verkuppelt von einem guten alten Freund namens Matador. Wir hatten länger nichts mehr von ihm gehört, weswegen er die nicht ganz so persönliche Ansprache Massenmail nutzte. Aber wer wären wir, dass wir es ihm krummnehmen würden, man kann nicht immer alles nur persönlich und eins zu eins kommunizieren. Jedenfalls legte uns Matador in dieser Mail sein neues Signing ans Herz: Love Of Diagrams (LOD), die, wie passend, aus Melbourne kommen, jener Stadt, in die es uns für unser diesmaliges Stadtporträt verschlagen hat. Wobei LOD nicht nur den Standort zu bieten haben, sondern auch “Mosaic”, ein hochenergetisches, auf Post und Punk, Pixies und Helium, London und New York aufbauendes Album.

Und so kommt es, dass wir Antonia Sellbach (Bass, Gitarre und Gesang) und Luke Horton (Gitarre, Gesang) im Bimbo Deluxe (auf der Brunswick Street 376) treffen, einem lokalen Hang-out, der sich leider als schlechteste Wahl auf einer ansonsten mit jeder Menge reizvoller kleiner Läden und einladender Vegie-Restaurants bestückten Straße herausstellen soll – Schlagzeugerin Monika Fikerle ist nebenjobtechnisch verhindert. Ihr entgeht durchschnittlich miese Pizza und etwas eigentümlich desinteressierter Service, der darin gipfelt, dass Antonia statt ihres bestellten Margarita-Cocktails eine Pizza hingeknallt bekommt und die Reklamation kategorisch untersagt wird – von wegen “ist schon durchgebucht”. Klingt fast nach amerikanischem Wahlrecht. Aber lassen wir es gut sein, will eh keiner hören, unser Service-Gemeckere, kommt nur so miesepetrig deutsch rüber.
Wahrscheinlich nimmt es Antonia gerade deswegen nicht wie der normale Australier grinsend “take it easy”-mäßig hin, sondern beschwert sich mit uns im Chor. Antonia ist nämlich Halbdeutsche. Das schlägt sich zwar nicht mehr in größeren Deutschkenntnissen nieder, aber doch in der interessanten Lebensgeschichte ihres Vaters: Dieser lebte in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Künstler in Köln und flüchtete, als die Verhältnisse unangenehm wurden in Hitlerdeutschland, erst in den Widerstand und dann ganz aus dem Land. In den 50ern landete er irgendwie in Australien – und blieb da auch. Von ihm stammt das Artwork des Albums. Eine Art letzte Verneigung vor ihm, da er kürzlich verstorben ist. Es ist eine Arbeit, die an den Bandnamen thematisch anschließt. Ein Name, der, wie Antonia ausführlich erzählt, nicht ironisch gemeint ist, sondern sich aus ihrer Liebe zu Diagrammen herleitet. Kein Scheiß. Und sie kann das in so tollen Worten ausdrücken, dass man es endgültig glaubt: “Sie zeigen dir, wie man etwas benutzen soll. Für mich stehen sie für Dinge, die man sonst nicht erklären kann.” Das Artwork ist für Debütalbum-Verhältnisse ziemlich aufwendig. Doch die beiden wischen grinsend jegliche Skepsis weg: “Das wird Matador recht sein, da man ja in Zeiten digitaler Kopien ein besonderes Werk vorlegen muss.” Klug gesprochen, da kann kein Buchhalter was dagegenhalten.
Aber zurück zur Margherita. Diese ist mittlerweile halb verspeist. Und auch der Namensvetter-Cocktail ist gelandet. Von daher setzt Antonia auch zur Rehabilitierung des Ladens an. Der sei nämlich eigentlich schon okay und so was wie ein Szenetreffpunkt, da erstens billig, und zweitens könnten hier auch Bands spielen. 2001 hat hier auch einer der ersten LOD-Auftritte stattgefunden. Womit wir endlich bei der Musik des Trios angekommen wären.
Beim ersten Hören von “Mosaic” musste ich an Helium denken, die frühere Band von Matador-Künstlerin Mary Timony, deren verletzliche Indie-Epen poröse Texturen mit eindringlichen Riffs verbanden. Doch je tiefer man in den Sound von LOD eintaucht, desto deutlicher schält sich die andere Seite der Band heraus: der aufgeregte New-York-Sound der Stunde, klassischer britischer Postpunk und nicht zuletzt ein Gitarrensound, der einen sofort an die Pixies denken lässt. Passend ergänzt um die nicht narrativen, sehr abstrakt angelegten Texte, die immer vom jeweils Singenden kommen.


Von uns mit dieser Beschreibung konfrontiert, werden die beiden glatt rot. Offensichtlich ein Kontext, in dem sie sich gerne platziert sehen. Und wenn wir schon bei Kontexten sind, soll auch gleich die Produktionsgeschichte des Albums erzählt werden: Die Band hat “Mosaic” in Chicago mit Bob Weston (siehe Intro #144, Albini-Special) aufgenommen. Luke erzählt, wie es dazu kam und wie es so lief: “Wir haben ihm eine E-Mail geschickt, worauf er sehr schnell positiv geantwortet hat. Er war während der Produktion so begeistert, dass er uns dauernd neue Vorschläge für etwaige Labels gemacht hat. Am Ende hat er sogar die Demos für uns verschickt.” Eines davon ging an Matador, wobei das genau genommen schon gar nicht mehr nötig war, da man in New York schon Lunte gerochen hatte und ... Aber lassen wir das wieder Luke erzählen: “Ich mailte sie an, dass wir nach Amerika auf Tour kommen und so – als Antwort bekam ich eine automatisch generierte Mail, in der es lapidar hieß, dass Matador auf solche Mails nicht antworten und sowieso nur Bands direkt kontakten und signen würden, die sie bereits kennen und mögen. Aber kaum zehn Minuten später kam zufällig eine Mail von jemandem von Matador, der unsere MySpace-Seite gecheckt hatte und wissen wollte, wann wir auf Tour kämen.” Danach war alles nur noch Formsache. Matador-Mitinhaber Chris Lombardi lud die Band ins Office ein. Und während sie noch dachten, das sei lediglich eine normale Hausführung, wurde auch schon ihr Leben verplant. Luke: “Wir standen wohl etwas auf dem Schlauch, aber am Ende war auch uns klar: Das werden aufregende Zeiten.”
In der Tat. Die Begrenztheit Australiens wird für sie aufgebrochen. Statt des ewig gleichen Einerleis der wenigen größeren Städte Australiens (neben Melbourne Sydney, Brisbane, Adelaide, Perth), bei einer Band wie LOD sogar aus Kostengründen noch weiter beschränkt auf die Städte der Ostküste, tritt endlich das große weite Unbekannte in ihr Leben. Nicht dass sie das vorher nicht schon angeschmeckt hätten, sie sind bereits einmal in Amerika und Europa (da dann u. a. gleich in Finnland, Litauen) auf Tour gewesen, doch wenn man sich die Geschichte erfolgreicher australischer Bands vergegenwärtigt – und welche australische Band macht das nicht jeden Morgen beim Aufstehen? –, so ist die Lektion klar: Entweder man siedelt ganz nach Übersee über (wie beispielsweise einst Birthday Party nach Berlin, wohin es jetzt auch die LOD-Freunde Devastations verschlagen hat, oder neulich erst Jet nach England), oder man ist eben dauerhaft auf Tour (Modell Wolfmother). Die stete Präsenz ist der Schlüssel zum Erfolg. Das bedeutet aber auch eine radikale Abkehr vom bisherigen Lebensentwurf. Bei Luke ist das nicht so schwierig, da er in der Buchhandlung seiner Eltern jobbt. Und auch Monika, die sich ganz der Musik verschrieben hat (sie hat noch eine Zweitband namens Faithful), wird keine Probleme haben, die Mac-Job-Welt zu verlassen, doch Antonia ist noch etwas hin und her gerissen zwischen Musik und Kunst. Nun, die Entscheidung, sie wird wohl schnell fallen. Denn für das Frühjahr 2007 sind bereits zwei US-Tourneen angesetzt, und Europa haben sie auch auf dem Plan und dafür auch schon einige neue Songs im Gepäck. Bei aller rübergebrachten Skepsis von Antonia, letztlich ist klar: Sie werden es alle drei versuchen. Dafür ist die Chance einfach zu groß. Am liebsten wäre allen allerdings eine Lösung mit zwei Wohnsitzen: Für eine völlige Abkehr hängen sie zu sehr an Melbourne, nicht zuletzt wegen Tim Picone und Jesse Shepherd, den beiden Betreiber ihres bisherigen Labels Unstable Ape, und den anderen Bands, mit denen sie groß geworden sind.
Die beiden Labelbetreiber treffen wir zwei Tage später auf Antonias Geburtstagsparty in der Meyers Place Bar (20 Meyers Lane, zwischen Bourke und Little Collins Street), einer netten kleinen Bar in einer der für Melbournes Downtown so typischen dunklen Nebenstraßen. Die beiden sehen den Weggang mit einem weinenden, aber eben auch mit einem lachenden Auge, denn schließlich liegt der Backkatalog weiterhin bei ihnen, und sowieso gönnen sie der Band alles erdenklich Gute. Ihnen ist schon klar, dass man eine Chance, wie sie Matador verkörpert, nicht einfach verfallen lassen kann. Sprechen’s und stoßen mit dem Geburtstagskind an.