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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Fionn Birr

Love Attack #262

Love Attack begrüßt die ersten Sonnenstrahlen mit Benzinschleuder-Beats, beschwipstem Millennial-Blues, entdeckt die Eleganz des Zwischentons und hat herausgefunden, was passiert, wenn Gwen Stefani und OutKast zusammen Urlaub machen würden.

Geschrieben am

Wir schreiben das Jahr 2018: Die Call&Response-Raps der aktuellen HipHop-Generation beschallen neonfarbene Synthesizer-Melodien, umsäumt von rumorenden Tieftönern, als wäre Musik nichts anders als ein Marketing-Tool. Rap turned Reklame? Irgendwie schon. Für sein Debüt auf GOOD Music, dem Label von Kanye West, hat sich Rapper Valee vermutlich auch deswegen für ein Statement der Zurückhaltung entschieden. Echte Gangster bewahren eben Ruhe. Die sensiblen Downtempo-Beats der EP »GOOD Job, You Found Me« (Universal) balancieren zwischen dem meditativen Software-Soul seiner Heimatstadt Chicago und dem bedrohlichen Atlanta-Bombast eines Ronny J. Statt Vollspeed geht es hier mit Tempo 30 durch die Hood. Natürlich wird der großen Kunst des ästhetischen Nichtsagens mit Bekleidungsmarken, Betäubungsmitteln und Benzinschleudern trotzdem gehuldigt. Doch die EP besticht einmal mehr damit, um was es hier eigentlich geht: die Eleganz des Zwischentons.

Valee

GOOD Job, You Found Me - EP

Release: 02.03.2018

℗ 2018 Getting Out Our Dreams, Inc./Def Jam Recordings, a division of UMG Recordings, Inc.

Ebenfalls auf Kanyes Imprint hat sich 070 Shake vom Internet-Geheimtipp zum Lieblings-Newcomer gemausert. »Glitter« (GOOD Music) ist aber nicht nur trappiger Ambient-Pop im R’n’B-Fahrwasser, sondern eine schonungslose Rap-Reise zu den eigenen Dämonen. »I Laugh When I’m With Friends But Sad When I’m Alone« ist der sperrige Titel des Openers, der auch gleich die Marschroute aus Selbstzweifeln, Rastlosigkeit und überhaupt allen Monstern der Ungewissheit vorgibt. »I think I gotta end ‘em«, nuschelt/singt Shake in zerbrechlicher Pose auf »Mirrors« ihren Depressionen entgegen. Der puristische Millennial-Blues der 19-Jährigen durchdringt in brutaler Ehrlichkeit seelische, genrespezifische und melodische Barrieren, die in bittersüßen Ohrwurm-Melodien die Dunkelheit fast greifbar machen und zehn Jahre nach »Day ‘N’ Nite« als eine Art Update von Kid Cudis Offenbarungseid durchgehen.

070 Shake

Glitter - EP

Release: 23.03.2018

℗ 2018 Getting Out Our Dreams, Inc./The Island Def Jam Music Group

Life From Earth, die frühen Förderer von RIN und Yung Hurn, bleiben weiterhin Geschmacksradar für die hippen Teenies und Berufsjugendlichen. Das neueste Signing ist Naru, dessen Album »Rudeboii« (Life From Earth) sich aus computerisierten Romantik-Raves, kitschigem Schmuse-Trap und verknalltem Wohlfühl-Hop zusammensetzt. Schon nach den ersten Minuten wird klar, dass Naru ein unwiderstehlicher Schlawiner ist. »Schreie in den Wald mit lauter Bäumen. Shorty, komm, wir teilen unsere Träume«, schnappatmet er etwa auf »Iwnbds«, während er mit Plastikrosen und Billigsekt grinsend zum Picknick einlädt. Auf den 14 Songs dichtet der Dortmunder augenzwinkernde Aufreißer-Anekdoten, die vor allem mit Zweideutigkeiten und beschwipstem Charme um die Herzensdame scharmützeln. Ein Release, das kaum pünktlicher als zum Frühling erscheinen könnte: der Hauptsaison des Verliebtseins.

Naru

Rudeboii

Release: 23.03.2018

℗ 2018 Live From Earth

Als Pop-Weirdo hat sich Kali Uchis spätestens seit ihrer Kollabo »After The Storm« mit Funk-Legende Bootsy Collins und Rap-Ikone Tyler, The Creator in die Herzen von Airplay und Auskennern geschummelt. Doch nicht nur sonniger Bossanova-Boogie zeichnet die kreative Bandbreite der Grammy-Preisträgerin aus: Ihre stilistische Performance auf »Isolation« (Virgin) leichtfüßelt wie Minnie Riperton, beschwört Schwermut wie Amy Winehouse und boastet wie Sister Nancy. »My pussy is a hell of addiction«, bekennt sie dann auch ungestüm im hinteren Drittel und bestätigt damit die Vermutung, dass sich diese Genre-Melange so unverschämt betörend in die internationalen Dauerschleifen räkeln könnte, als hätten Gwen Stefani und OutKast Urlaub in Kingston gemacht.

Kali Uchis

Isolation

Release: 06.04.2018

A Rinse / Virgin EMI Records release; ℗ 2018 Universal Music Operations Limited

Pop ist kein Versprechen, sondern eine Verheißung, auch wenn die Rap-Newcomerin Eunique seit zwei Jahren mehr oder weniger öffentlich das Gegenteil beweisen will. Ihr Debütalbum »Gift« (Kobra Militär) ist das Ergebnis eines knallharten Bootcamps von Mentor und Producer Michael »Bazz« Jackson aus Songwriting-Unterricht, Interview-Training und Fotoshooting-Übungen. Der Versuch, eine Karriere am Reißbrett zu erschaffen, zugänglich über Social Media für die Welt dokumentiert. Das hätte »Gift« abgeschmackt werden lassen können, hat es tatsächlich aber nur nahbarer gemacht. Euniques romantische Aufsteigerstory birgt trotz üblicher Trivia-Tracks über Durchhaltevermögen, Verräter und Tiefschläge tatsächlich sogar ein paar Überraschungsmomente, auch wenn nicht jeder Reim einem mitteilungsbedürftigen Seelenschmerz entspringt und der poppige Synthesizer-Trap, den die Hamburgerin mit slicker Rap’n’B-Performance an der Seite von Veysel, Xatar oder auch Adel Tawil eingängig und stilsicher bedient, mehr Mittel zum Zweck als subversive Neulandentdeckung ist. Am Ende ist »Gift« wie ein Hollywood-Film: Plot, Figuren und Ende sind längst durchschaut – doch unterhaltsam und packend erzählt kann auch das noch unterhalten. Nennt es Blockbuster-Rap.

Eunique

GIFT

Release: 20.04.2018

℗ 2018 Kobra Militär - a division of Bootcamp