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Mit Fionn Birr

Love Attack #261

Die Frühlingsausgabe der Love Attack entdeckt das Problem der Supergroups, das bittere Ende einer Jugend und balanciert zwischen Bettgeflüster und Betonlyrik.

Geschrieben am

Lockereasy hätte der irische Wahl-New-Yorker Rejjie Snow auf seinem Debütalbum »Dear Annie« (BMG) den vorherrschenden HipHop-Zeitgeist – nuschelndes Nichtssagen auf tiefgelegten Subbässen und neongrellen Synthies – kapern können. Stattdessen huldigt der Ex-Designstudent mit der Bariton-Stimme, die arg an Tyler, The Creator erinnert, dem Gefühlsspektrum der Liebe. Zwischen kuscheligen Piano-Parts, eskapistischen Jazz-Samples, 1980er-R’n’B-Harmonien und den erdenden Kräften des Trip-Hop-Beats zelebriert Snow Schmetterlinge im Bauch und Flausen im Kopf mit unaufgeregtem Pillow-Talk-Rap und Schmusegesang. Kein Eierschaukeln, kein Tumblr-Kitsch, nur eine organische Hommage an die Magie der Romantik.

Rejjie Snow

Dear Annie

Release: 16.02.2018

℗ 2018 300 Entertainment under exclusive licence to BMG Rights Management (UK) Limited

An August Greene zeigt sich, dass Supergroups problematisch sein können. Für das Projekt hat sich Message-Rap-Schwergewicht Common mit der neuen amerikanischen Jazz-Elite aus dem Piano-Virtuosen Robert Glasper und dem Lieblingsdrummer Karriem Riggins zusammengetan, um die alte Formel aus Jazz und HipHop zu reanimieren. »August Greene« (August Greene) schwankt zwischen der dudelnden Beliebigkeit einer Cocktail-Party und dem Erfahrungsschatz dreier Vollblutkünstler. Wenn Common, der Ex-Mann von Erykah Badu, Serena Williams und Taraji P. Henson, auf »Fly Away« selbstironisch »Checking in and out of Heartbreak Hotel, man. Bag lady I’m the bellman« feststellt oder den Optimismus der Obama-Ära auf »Black Kennedy« zelebriert, balanciert das Trio stilsicher im grenzgängerischen Geist der Soulquarians. Leider hat sich das Trio zu sehr auf die bekannten Moll-Muster der Genre-Melange von Klassikeralben wie »Jazzmatazz« oder Madlibs »Shades Of Blue« verlassen und stellt der Reputation seiner Protagonisten so ein okayes, aber gleichförmiges Grown-Man-Rap-Album gegenüber.

»No jewels on me. We no fools homie«: Mick Jenkins kann, für Rapper ganz unytpisch, immer noch nichts mit Schmuck und Designerfummeln anfangen. Dafür aber mit Schreibblockaden, die das gute Gewissen der Chicagoer Rap-Szene mit seiner Mixtape-Reihe »Or More;« umschifft. Als kreative Spielwiese und Abfalleimer widmet sich Jenkins auf »Or More; The Frustration«, der Fortsetzung von »Or More; The Anxious«, der Frustration, die sich einerseits natürlich um seine Sorge über angeblich fehlende Inhalte im heutigen Rap und den eigenen ausbleibenden Erfolg dreht. Zum anderen entwickelt Jenkins auf erdigen Lo-Fi-Beats, Sample-Spielereien oder auch sphärischem Dream-Pop-Trap die eigene Unzulänglichkeit als bestmöglichen Soundtrack zur Party-Verweigerung.

Als bunthaariger Paradiesvogel mit Abneigung gegenüber der klassischen Rap-Machart aus Performance-Technik und wortverspieltem Songwriting wurde Lil Yachty 2016 wahlweise als HipHops Hoffnungsträger oder Todesengel beschworen. Sein Album »Teenage Emotions« enttäuschte Fans wie kommerzielle Erwartungen, und so stellt die Fortsetzung seines »Lil Boat«-Mixtapes die Symbolfigur des Mumble-Rap vor einen Überlebenskampf im Rattenrennen um die Klickzahlen. Yachtys Strategie, sich technisch zu verbessern, geht auf »Lil Boat 2« (Quality Control) aber nicht auf. Weder ist er ein talentierter Flower, noch kann er seinen inhaltslosen Nonsens kunstvoll verpacken. So dümpelt er auf dem üblichen Dummkopf-Trap aus 808-Bässen und Flöten-Samples in die selbst erschaffene Redundanz. Mit seinem 20. Geburtstag hat Miles McCollum, einst selbst ernannter »King of Teens«, Halbwertszeit und Alleinstellungsmerkmal eingebüßt.

Lil Yachty

Lil Boat 2

Release: 09.03.2018

Quality Control Music/Capitol Records/Motown Records; ℗ 2018 Quality Control Music, LLC and UMG Recordings, Inc.

20 Jahre nach der berühmten Battle-Rap-Geburtsstätte Royal Bunker hat sich MC Bomber zum legitimen Erben dieser Ära gerappt. Auch auf »Gebüsch« (Proletik), seiner zweiten LP, frönt der Nordberliner der augenzwinkernden Verbalinjurie aus schnodderigem Hauptstadt-Humor, Eckkneipen-Anekdoten und atemlosem Stakkato-Flow gegen schlechte Rapper, Moralapostel und Zugezogene. Auch wenn die oftmals erschreckend konkreten Rape-Culture-Fantasien und haarsträubenden Sexismen wie etwa »Die Frau wird irre, weil sie dauernd an meinen Dick will. Doch niemals, denn sie ist leider nur Fickmüll« eine humoristische Deutungsweise erschweren, wird dieses organische Sample-Beat-Paket mit klarem Bezug zu 1990er-Boom-Bap zwar keinen Innovationspreis gewinnen, dafür aber Berlin weiterhin als Zentrum des gewitzten Rotzlöffel-Rap zementieren.

MC Bomber

Gebüsch

Release: 30.03.2018

℗ 2018 Proletik (im Vertrieb von Believe)

Mit Zeilen wie »Kanaken rappen auf den Straßen, an den Ecken, wünschen HipHop ›Guten Abend‹, denn ich habe sie gerettet« schwingt sich Haze auf »Die Zwielicht LP« (Alte Schule) zum Heilsbringer aller Puristen auf. Der klassischen Rezeptur aus Grabbeltisch-Samples, suppigen Bassläufen und knackigem Bumm-Tschack folgt der Karlsruher allerdings nicht, um sich bewusst vom aktuellen Pop-Perfektionismus durch die Entdeckung von Gesangs-Hooks und Brücken-Parts im HipHop abzugrenzen, sondern weil seine schauerlichen Straßengeschichten und der lupenreine 1990er-Spitter-Flow nur in diesem rustikalen Fundament ihre Durchschlagskraft entfalten können. Erfrischend an Hazes zweitem Album ist nicht nur der charmante, kroatisch geprägte Ostblock-Sprech, der immer wieder eingestreut wird, sondern vor allem die grausame Realtalk-Perspektive seiner Songs, die sich zwischen all der Ironie-Hudelei des Rap-Zeitgeistes ehrlich und authentisch anhört.

Haze

Die Zwielicht LP

Release: 16.02.2018

℗ 2018 Alte Schule Records

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