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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Fionn Birr

Love Attack #260

Dieses Mal wartet der Groove-Monat mit postkapitalistischem Endzeit-Rap aus Detroit, halsbrecherischem Tourette-Trap aus Hamburg und süddeutschem Now-School-Schlager auf.

Geschrieben am

Nach 13 Karrierejahren ist Black Milk mit Endzeitstimmung quasi per Du: Seine Heimatstadt Detroit muss regelmäßig als Beispiel für gescheiterte Wirtschaftsstandorte herhalten, sein Ziehvater J Dilla verstarb vor zwölf Jahren an Lupus, und auch sein eigenes Schaffen konnte abseits von Urvater-Props nie die Aufmerksamkeit des heimlichen Bürgermeisters der 8 Mile Road, Eminem, erreichen. Sein apokalyptischer Solo-Wurf »If There’s A Hell Below« aus dem Jahr 2015 zeugte bereits von diesen postkapitalistischen Erkenntnissen. Das neue Album »Fever« (Mass Appeal), natürlich eine Metapher auf die erhitzten Gesellschaftsgemüter im Trump-Amerika dieser Tage, fokussiert jenen Ansatz nun, wenn auch zugänglicher. Mit humorvollem Reflexionsvermögen, intimem Storytelling und philosophischen Alltagsbeobachtungen schreitet der rappende Producer über seine von einer Live-Band unterstützten Soul-Sample-Symphonien aus dem Drum-Computer vom Keller zurück auf die Straße. Er rappt, singt und slammt über Social-Media-Achterbahnfahrten, die Ambivalenz des menschlichen Wesens und andere Alltagsabsurditäten. Immer conscious, immer clear – doch auch immer mit einem Zwinkern in der Subdominanten.

Black Milk

FEVER

Release: 23.02.2018

℗ 2018 Mass Appeal Records/Computer Ugly

Eigentlich hätte Dave East vor 20 Jahren schon 30 Jahre alt werden müssen. Denn was die Performance- und Songwriting-Herangehensweise angeht, triumphiert »P 2« (Def Jam) als authentischer, kaltschnäuziger und vor allem latent wutschnaubender New-York-Rap, wie man ihn vorher nur in der Mobb-Deep-Hochphase hinrotzen konnte. Doch Dave East ist Jahrgang 1988, Zögling von HipHop-Ikone Nas und mit seiner ungeschönten Straßen-Schroffheit, aber eben auch juveniler Offenherzigkeit ein idealer Vermittler zwischen Golden- und Auto-Tune-Ära. Denn auch wenn er seinen Idolen Jay Z, Noreaga oder eben Nas einen ganzen Song widmet, kann der ehemalige Basketballer auch morphine Atlanta-Beats nebst Native-Trapper wie T.I. als eigenes Terrain ausmachen und sogar Hooks von Chef-Schmalzlocke Tory Lanze in diese Welt aus Hood, Hoffnungslosigkeit und Habgier integrieren. New-York-Rap 2.0? Mindestens. »P 2« entpuppt sich als HipHop-Hybrid zwischen der komplexen Lyrik des 1990er-Rap und der verspielten Musikalität der 2010er. Wer sagt, es gäbe keine echten Rapper mehr?

Dave East

P2

Release: 19.01.2018

℗ 2017 Def Jam Recordings, a division of UMG Recordings, Inc. (Mass Appeal Records/From The Dirt)

Mit einer Verwandtschaft zu Straßenrap-Fürst Bonez MC und einem freundschaftlichen Verhältnis zur Intro-Titelheldin Hayiti müsste Joey Bargeld eigentlich Vollblutrapper sein. Ist er aber nicht. Auch sein zweites Zwischenspiel mit den Trettmann-Tastemakern KitschKrieg, die EP »1.1« (SoulForce), besticht nicht durch die performative Eleganz eines wortverspielten Top-Spitters auf Jetztzeit-Viervierteltakten, sondern durch Emotionen. Die ausufernde Wucht von Bargelds dunkelbuntem Lagerhallen-Trap kann sich auf Raver-Proll-Abfahrten wie »Kamikaze« oder der melancholischen Afterhour-Hymne »Hau ab« erst durch seine halsbrecherische, manchmal sogar atonale Schieflage im Vortrag entfalten. Mehr Shouter als Crooner, balanciert Joey oft so nahe am Rand der Verzweiflung, dass KitschKriegs Garagen-Grime zuweilen wie ein Synthie-Sicherheitsnetz funktioniert. Die Geburtsstunde des Tourette-Trap? Vielleicht.

Joey Bargeld & KitschKrieg

1.1 - EP

Release: 19.01.2018

℗ 2018 SoulForce Records

Als Kind einer Sängerin, die mit Michael Jackson gearbeitet hat, und auch als einstiger Songwriter für zum Beispiel Anita Baker ist Sir auf seinem Albumdebüt »November« (Top Dawg) vor allem ein Maestro des Oldschool-Soul. Die Referenzen sind, ähnlich wie bei Genosse Anderson.Paak, das organische Neo-Soul-Erbe der Soulquarians, die Ende der 1990er mit D’Angelo oder Erykah Badu den zweiten R’n’B-Frühling eingeläutet hatten. Zartbesaitet und behutsam schlängelt sich Sir auf organischen Drum-Breaks und Eckkneipen-Blues-Sonetten, flächigen Retro-Streichern der Philly-Soul-Schule und der Geschmeidigkeit des Sample-HipHop durch die Irrungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein Album voller Realtalk-R’n’B über die Liebe, umrahmt mit jenen Nebenerkenntnissen, die nur das kummergeplagte Herz zu resümieren vermag: »Life is so much better when you live in slow motion.« Stimmt! »November« ist keine Musik, in der man sich wiederfindet. Man verliert sich in ihr.

SiR

November

Release: 19.01.2018

℗ 2018 Top Dawg Entertainment

Mit seinem »Sukkel Voor De Liefde«-Cover, dem EP-Vorboten »König in der Disko«, spaltete Kaas wie schon so oft in seiner mittlerweile zehnjährigen Rap-Laufbahn Szene-Meinungen und YouTube-Kommentarspalten. Nachdem sich das Orsons-Viertel noch vor rund anderthalb Jahren auf seiner EP »Jamaika« in leichtfüßigen, in Ragga und Dancehall getränkten Afrobeats endlich im passgenauen Kunsthabitat über sein positivistisches Weltbild aus freier Liebe, legalisierten Rauschmitteln und allgemeiner Höflichkeitssehnsucht singsangen konnte, steht er mit der EP »Zucker« (Vertigo Berlin) zwischen den Pop-Trap-Momenten eines Lil Uzi Vert (»Gift«) und nerdigen »Twin Peaks«-Samples wieder vor einer Identitätsfrage. Dieses Mal ist es das urzeitliche Thema der Versuchung. Doch der Teenager-Kitsch um die brunftigen Auto-Tune-Ansagen und synthetischen Now-School-Beats, die metaphorische Ausrichtung aus Arthur-Schnitzler-Verweisen (»Maskenball«) oder besoffenen Selbstreflexionen (»Der Pastor«) brillieren nur in Ansätzen. Die Grenze zwischen Rap und Schlager wurde hier nicht subtil, sondern oft einfach komplett aufgehoben. Somit bleibt »Zucker« am Ende leicht übersüßt kleben.

KAAS

Zucker - EP

Release: 26.01.2018

℗ 2018 Chimperator Productions, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH