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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Fionn Birr

Love Attack #259

Die erste Love Attack 2018 balanciert mit neuem Gesicht über melancholische Anti-Sommer-Raps, Mitklatsch-Trap und Trennungshymnen – und stellt nebenbei fest, dass die Schweiz eigentlich das Jamaika Europas ist.
Geschrieben am
»If God had an iPod, I’d be on his playlist«, brunftete CyHi The Prynce auf Kanye Wests »So Appalled«, das 2010 als Free-Download-Teaser zu dessen Album »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« fungierte. Trotzdem hat es sieben Jahre gedauert, bis der Mann aus Atlanta auch tatsächlich sein Debüt veröffentlichte, was vor allem daran lag, dass der Sohn streng religiöser Eltern neben Travis Scott einer der wichtigsten Songwriter für Ye ist. »No Dope On Sundays« (Brooklyn Knights) fasst diese biografischen Eckpfeiler zusammen: Organische Neo-Rap-Tracks mit Gospel- und Soul-Anleihen der frühen 2000er treffen auf straßenerprobtes Hustler-Geschichtenerzählen, wobei ihm der moralische Balanceakt zwischen Stripclub und Sonntagsmesse in linearem Reibeisen-Flow gelingt. Ein lupenreines Rap-Album, das ohne Zeitgeist- oder Herkunftsverweigerung den Gegenpol zu den Vibe-basierten 808-Geschossen der Gegenwart bildet. 

Cyhi The Prynce

No Dope on Sundays

Release: 17.11.2017

℗ 2017 Sony Music Entertainment

Der Hype ist real: Seit der Schweizer Auto-Tune-Anhänger Pronto vor einem Jahr mit seinem selbstproduzierten Trap-Bombast das deutschsprachige Internet auf links zog, hat er schweizerische Staats- wie Sprachbarrieren egalisiert sowie jüngst ein Haftbefehl-Ko-Sign und einen Deal bei Universal eingetütet. Für sein EP-Debüt »Solo Di Nero« (Universal) nicht unbedingt die Ausgangslage, die man schweizerischem Mundart-Rap hierzulande zugeschrieben hätte. Doch mit klaren Merkmalen der melodischen Flow-Flexibilität eines Travis Scott, dem Mitklatsch-Potenzial der Afrotrap-Welle und dem universal verständlichen Vibe-Gewisper um Genussmittel, Geld und Groupielove hat sich Pronto auf leichtfüßigen Blockbuster-Synthie-Beats in charmante Sympathieträger-Stellung gebracht und zu einem der spannendsten Newcomer für 2018 gemausert. Call it Hollywood-Hop.

Pronto

SOLO DI NERO - EP

Release: 01.12.2017

℗ 2017 Pronto, under exclusive license to Universal Music GmbH (Switzerland)

Wenn zwei Superstars mit mindestens je zehn Platin-Platten in der Diskografie und einem Einfluss auf die aktuelle Rap-Generation, der sich allenfalls in Jay-Z- und Kanye-Vergleiche umschreiben lässt, zusammenkommen, stellt sich nicht die Frage, ob dabei eine stilsicher kuratierte Jetztzeit-Kollabo durch das Auto-Tune gejagt wird, denn die hypnotischen Friedhof-Synthies, lustig beschwipsten Schnips-Schlagwerke und fundamentalen Subbässe von »Huncho Jack, Jack Huncho« (Universal) waren schon immer Travis Scotts und Quavos liebste Silbenschlucker-Spielwiese. Die Antwort liegt hier sprichwörtlich in den Adlibs, denn bei allem vordergründigen Hit-Verdacht aus Scotts stimmverzerrtem Gothic-Crooning und Quavos Habseligkeiten-Hudelei landet das vermeintliche Trap-Titanen-Treffen auf den zweiten Klick allenfalls im Mumble-(Rap-)Mittelfeld als ansehnliche, weil schmuck behangene Fingerübung und damit genau dort, wo es herkam: im kurzweiligen Zwischenjahres-Vakuum.

HUNCHO JACK, Travis Scott & Quavo

Huncho Jack, Jack Huncho

Release: 21.12.2017

Quality Control Music / Cactus Jack / Motown Records / Capitol Records with Epic Records, a division of Sony Music Entertainment / Grand Hustle; ℗2017 Quality Control Music, LLC and UMG Recordings, Inc.

Auch Stereo Luchs ist mundartgeprägter Schweizer und auf seinem zweiten Soloalbum vor allem tanzbarer Optimist, der sich nach rund zehn Jahren als Dancehall-Insidertipp mit »Lince« (Universal) zaghaft in die Richtung jener populären Afrobeat-Schnittstelle vortriggert, die auch Drake mit Wizkid zusammenbrachte und hierzulande Trettmanns »#DIY« zum Konsensalbum machte. »Fertig mit Schwarzmaler, jetzt ist alles wieder farbig und scharf«, schnipst bereits der leichtfüßige Opener »Sunna Geht Uf«. Das Island-Records-Signing entwickelt sich innerhalb der zwölf reduzierten Synthie-Chunes über ergreifende Trennungshymnen wie »Sie Seit«, augenzwinkernde Gesellschaftskritik in »80.000 PS« oder romantischen Sci-Fi-Dub wie »Zittreis« unter den Kitschkrieg-Ko-Produktionen zu einem stadionkompatiblen Dancehall-Prototypen, der klar beweist, dass die europäische Antwort auf Patois immer schon Schwiizerdütsch war. Ein finaler Beweis für alle Pop-Piefkes, dass Freshness aus der Schweiz nicht mit Kräuterbonbon-Witzen überspielt werden muss und das Groove-Jahr 2018 durchaus den Eidgenossen gehören könnte. 

Stereo Luchs

LINCE

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Stereo Luchs, under exclusive license to Island Records, a division of Universal Music GmbH (Switzerland)

Das kalifornische Chaoten-Kollektiv Brockhampton um den offen bisexuellen Rapper Kevin Abstract hat mit seinem dritten Album »Saturation III« (Question Everything) innerhalb von sechs Monaten eine LP-Trilogie abgeschlossen, die mit ihrem Ideenreichtum als unvorhergesehenes Highlight ins Jahr 2017 eingegangen ist. Schwindelerregende Assoziationsketten-Reime, sekündlich wechselnder Referenz-Wahnsinn in Arrangement und Performance. Die selbsternannte All-American-Boyband ist Musik gewordenes ADHS, das den Funk im Herz, den Rap im Blut und den Bass im Anschlag trägt: knisternde Sample-Fetzen aus den Untiefen der Internet-Fundgrube, Indie-Rock-Kadenzen und eine anarchistische Aussage zwischen Singsang und Rap-Boasting, die mit spaßbetontem Teamplay einen selbstironischen, reflektierten Collegestudenten-Hybrid aus der frühen Odd Future Wolf Gang und O-Town abgibt.

BROCKHAMPTON

SATURATION III

Release: 15.12.2017

℗ 2017 QUESTION EVERYTHING, INC. / EMPIRE

Auf seinem dritten Soloalbum »Weather Or Not« (Rhymesayers) verdichtet Evidence die Insignien seiner Vorgänger »The Weatherman« und »Cats & Dogs«, um eine noch fokussiertere Rap-Witterung über stilvoll geflipptes Sample-Kunsthandwerk von Alchemist, seinem Dilated-Peoples-Kollegen DJ Babu und DJ Premier aufzuziehen. Doch statt der heimatlichen Venice-Beach-Sonne mit Westküsten-Sommersongs zu huldigen, watet der 42-Jährige quasi (bewusst) schutzlos durch die Schlechtwetterfront seiner Seele und der seines Umfeldes. Die Krebserkrankung seiner Ehefrau, der wenig kalkulierbare Lebensstill als alternder Rap-Künstler und der beängstigende Status quo der US-Gesellschaft 2017 – EV beschreitet seine bodenständigen HipHop-Songs in schnoddriger Eindringlichkeit zwischen melancholischen R’n’B-Samples und synthetischem 1980er-Schmalz. Ein Zeitlupen-Nachtflug über Kalifornien, der zu gleichen Teilen romantisch, beklemmend und schonungslos ehrlich ist.

Evidence

Weather or Not

Release: 26.01.2018

℗ 2018 Rhymesayers Entertainment, LLC.