×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Szene sind nur noch die guten Jungs«

Love A im Gespräch

Drei Alben in fünf Jahren haben Love A zu einer Konstante im aktuellen Punkrock gemacht. Und das, obwohl oder gerade weil die Band Straßenkampf und Parolen heute eher den jüngeren Mitstreitern überlässt. Bastian Küllenberg sprach mit Sänger Jörkk Mechenbier über Begrifflichkeiten, Deutschrap und Parolen.
Geschrieben am
»Punk ist nicht tot, er musste nur seinen Kater auskurieren«, lautete das Fazit meines letzten Artikels über diese Band. Zwei Jahre sind seither vergangen. Eine Zeit, die Love A genutzt haben, um ihre Rolle als Wegweiser in einem musikalisch immer schwerer zu umreißenden Genre weiter auszudefinieren. Oder einfach das zu tun, was sie trotz Vollzeitjobs am besten können: über drei Akkorde gegen die Dummheit im Alltag wettern und mitreißende Konzerte spielen. »Der Traum vom Rockstarleben juckt jedem noch ein bisschen im Hinterkopf, aber die Zeiten, in denen dir der Manager eine Line aus roten Ameisen legt, sind ja leider vorbei«, lacht Sänger Jörkk Mechenbier, wenn man ihn auf das aktuelle Befinden anspricht. »Heute fragt man sich eher: Geht’s allen gut? Klappen alle praktischen Abläufe? Es geht darum, ob man noch befreundet ist oder nur gemeinsame Unternehmungen betreibt. In unserem Fall freue ich mich sehr, dass bei Proben oder auf Tour der Klassenfahrtgedanke noch höchst lebendig ist.«
Fünf Jahre nach Bandgründung scheint die Konsolidierungsphase von Love A mit Album Nummer drei endgültig erreicht. Weißt du mittlerweile, was die Leute von euch erwarten?
Die wollen, dass wir unberechenbar bleiben und irgendwie knallköpfig. Wir sind ja 50 Prozent Musik und 50 Prozent Humor, Thematik und wie man das Ganze unterhaltsam präsentiert. Gedanken darüber, was beim dritten Album von einem erwartet wird, sollte man sich ganz sparen. Wir müssen halt machen, was wir machen, weil wir sonst nix können.

Man könnte auch einfach behaupten, ihr habt euren Stil gefunden.

Das ist ein bisschen wie bei den Ramones. Da kann man sagen, die haben einen roten Faden. Oder man kann sagen, die können halt nix anderes. Es ist einfach Auslegungssache. Es kommt auch darauf an, wie man als Band funktionieren will und was der eigene Anspruch ist. Wir basteln daher eher an Kleinigkeiten herum. Uns komplett neu zu erfinden würde schon allein vom Handwerklichen her schwierig werden. Aber wir wären nicht die, die wir sind, wenn wir alle Jazz-Gitarre studiert hätten.
Akademisches Können ersetzen Love A durch Spaß an der Sache und ein effizientes Ausformulieren der eigenen Stärken. Ihr drittes Album »Jagd und Hund« verlässt sich daher auf die bekannten Trademarks: scharfkantige Gitarrenläufe sowie ein krächzender Gesang gepaart mit Texten voller klarer Feindbilder und listigem Humor. Dennoch setzt die Band die auf dem Vorgänger »Irgendwie« begonnene Öffnung in Richtung Pop in kleinen, aber bestimmten Schritten fort. Am deutlichsten zu hören ist das bei der ersten Single »100.000 Stühle leer«. Böse Zungen orakelten angesichts der Videopremiere in den Kommentarspalten gar die drohende Jupiter-Jones-Werdung herbei. Ist das denn überhaupt noch Punkrock? »Je älter man wird und je mehr Platten man im Regal hat, desto mehr verschwimmen Genregrenzen. Man möchte sich da irgendwann nicht mehr limitieren lassen«, erklärt Mechenbier. »Punkrock bleibt es eher vom Gestus. Wir tragen es nicht mehr so sehr vor uns her, werden aber immer sagen, dass wir aus dem Punkrock kommen.«
Feindbilder, die früher vor allem im Punkrock auftauchten, findet man aktuell verstärkt auch im deutschen HipHop. Ist das die Wachablösung? Ist Deutschrap jetzt der neue Deutschpunk?
Die These trifft es nicht ganz. Es ist eher so, dass diese Rapper den Humor mit vielen aktuellen Punkrockbands teilen, die sich ihrerseits ja von diesem alten Deutschpunk-Gedanken absetzen. Allerdings können sie sich viel klarerer Bilder bedienen, weil diese in ihrem Genre noch frischer sind. So wie es früher die Deutschpunk-Bands getan haben. Heute würde man darüber schmunzeln und sagen: Damit landest du höchstens auf dem »Schlachtrufe BRD«-Sampler. Aber damals wollte man ja genau dorthin. Das war ja eine Ehre.

Eine der Bands, die man in dem Zusammenhang nennen muss und die sich explizit auch auf Love A bezieht, ist die Antilopen Gang. Sie haben 2014 einen Remix für euch gemacht. Außerdem trägt Danger Dan im Video zu »Verliebt« euer Bandshirt. Wachsen da zwei Szenen zusammen?

Es ist sehr schön, zu sehen, dass beide Seiten Interesse an der Musik des jeweils anderen haben. Szene, das sind heute eben nur noch die guten Jungs. Nicht mehr nur die guten Jungs, die die richtige Musik hören. Die Antilopen sind einfach herrlich unverbraucht und haben Bock darauf, sich zu Dingen zu positionieren. Natürlich texten sie schon cleverer als die meisten Deutschpunks, aber oft wird da eine Thematik sehr, sehr klar ausgesprochen. Das würde sich ein neuer deutscher Punkrock-Texter wahrscheinlich nicht trauen. Da hätte man Angst, zu parolenhaft zu klingen.
Welche Tücken Parolen mit sich bringen können, haben Love A vor Kurzem am eigenen Leib erfahren. Ein nationalistisches Blog postete ihren Hit »Windmühlen« an Heiligabend und zitierte mit »Du hast keine Ahnung, wofür mein Herz schlägt« eine zentrale Textzeile. »Ich musste direkt ganz heiß duschen, als ich das gesehen habe«, berichtet Mechenbier. »Klar ist, dass jeder Fan zu dem Lied seine eigene Deutung hat. Aber jemanden zu erleben, der durch unser Zitat das komplette Gegenteil ausdrückt, verleiht dem Begriff ›plakativ‹ einen ganz anderen Anstrich. Man darf plakativ sein, wenn man eine Aussage im richtigen Kontext serviert. Gemeint ist dann das Direkte, das Unmissverständliche. Nicht das Plumpe.« Love A behalten diesen Kontext mit »Jagd und Hund« bei. Egal, ob Punkrock oder nicht.
Love A »Jagd und Hund« (Rookie / Cargo / VÖ 27.03.15)

Love A

Jagd und Hund

Release: 06.02.2015

℗ 2015 Rookie Records