×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

13.04.96

Lou Reed

Das war ein Konzert ganz im Sinne der Arbeitszeitordnung - alles begann pünktlich: die Gleitzeitphase (Support WHIPPING BOY + one), die Umbaupause, die Blockarbeitszeit mit Mister LOU REED und Drei-Mann-Begleitung. Spätestens ab 20 Uhr herrschte im gutgefüllten E-Werk knisternde Enge. Wenn Legend
Geschrieben am

Autor: intro.de

Das war ein Konzert ganz im Sinne der Arbeitszeitord­nung - alles begann pünktlich: die Gleitzeitphase (Support WHIPPING BOY + one), die Umbaupause, die Blockarbeitszeit mit Mister LOU REED und Drei-Mann-Begleitung. Spätestens ab 20 Uhr herrschte im gutgefüllten E-Werk kni­sternde Enge. Wenn Legenden eine Bühne betreten, müssen die Fans auch mit Schweigen rechnen. Nach dem kurzen, heftigen Begrüßungsapplaus starteten LOU REED (g, voc), Tony Smith (dr, voc), Fernando Saunders (b, voc) und Mike Rathke (g) ihren Rundgang durch die ame­rikanische Me­tropole am Rhein. Was konnte noch schief­gehen nach dem Opener "Sweet Jane"? Lakonisch, hart und "städtisch" spielte LOU REED fast ohne Atem zu holen seine Gitarre, wild und zur Imagebestätigung entschlos­sen folgten "NYC Man", "Dirty Bvld.", "New Sensations". LOU REED ging dem branchenüblichen, T-Shirt-tauglichen Werbeslogan "ehrlicher Rocker/ehrliche Haut" aus dem Wege, in dem er die chemische Substanz des Rock'n'Roll musikalisch darstellte: Schweiß und Tränen. Seine Gi­tarre bestimmte Tempo, Rhythmik und Ausdruck/Emotion der samstäglichen Performance. Merkwürdig nur, daß während der Stücke kein richtiger Funke von der Bühne ins Audi­torium übersprang. Vielleicht lag’s an REEDs Sprach­losigkeit, der gerade mal dürftige Worte fand, seine Mit­spieler vorzustellen und einmal (!) bemerkte, daß der folgende Song das Titelstück der neuen CD, "Set The Twiling Reeling", sei. "New York in Köln" war also das Ergebnis einer babylonischen Sprachverwirrung: Kommuni­kation ist nur noch über den Gesang möglich. Dazu paßte "Hang On To Your Emotions", eine sparsam begleitete Ballade von zeitloser Schönheit und Stille, die tatsächlich am besten schweigend genossen wird. REEDs schmerzhaften Erfahrun­gen aus vergangenen Zeiten waren manchen Songs aus diesen Jahren anzumerken. Vielleicht um diesen gefährlichen Obsessionen zu entrinnen, spielte das Quartett "I Love You, Suzanne" so schnell, daß es zunächst kaum zu erkennen war. Die­ser Song aus der Nach-VELVET UNDERGROUND-Ära bildete den Auftakt zum Schlußspurt, der mit den aktuellen Stücken "Eggcream" und "Riptide" endete. Über eine schrille Gi­tarre war REEDs typischer Anti-Gesang zu hö­ren. Die kurze Pause bis zur Zugabe gestaltete das Publikum: frenetisches Klatschen, Pfeifen, Rufen, Schreien. Provozierend gedehnt die Einleitung zu "Hookywooky". Auf das mit Höchstgeschwindigkeit ge­spielte "Waiting For A Man" folgten "Vicious" und "Satellite Of Love" als Med­ley. Schluß, aus, Ende? Da fehlte doch noch etwas! Das zweistündige Konzert der "Hooky Wooky"-Tour beendete LOU REED mit dem charisma­tischen Wegweiser durch die 70er, "Walk On The Wild Side". Er gewährte für einige Minuten Einblicke in die dekadente Phase der Rockmusik, die einen nostalgischen Rückblick in eine Zeit der Neuorientierung erlaubt. Das Publikum dankte überschäu­mend.