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Silbergraues Tokio

Lost In Translation

Das wäre vor nicht allzu langer Zeit nur im Traum möglich gewesen: Kevin Shields’ (My Bloody Valentine) ätherische Gitarrenwände branden gegen einen wohlgeformten Po in fleischfarbener Unterhose, mitten in einem Zimmer des Hyatt-Hotels in Tokio. Aber nicht nur die Anfangseinstellung im neuen Film vo
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Das wäre vor nicht allzu langer Zeit nur im Traum möglich gewesen: Kevin Shields’ (My Bloody Valentine) ätherische Gitarrenwände branden gegen einen wohlgeformten Po in fleischfarbener Unterhose, mitten in einem Zimmer des Hyatt-Hotels in Tokio. Aber nicht nur die Anfangseinstellung im neuen Film von Sofia Coppola, der Tochter von Francis Ford Coppola (***Link 1***), wirkt schlafwandlerisch sicher, ihr ganzer Zweitling (nach dem Debüt ›The Virgin Suicides‹) kommt derart überzeugend daher.

Der Po in ›Lost In Translation‹ gehört übrigens zu Charlotte (Scarlett Johansson), einem jungen Mädchen, das seinen Freund, einen Fotografen (***Link 2***), auf Geschäftsreise begleitet, von ihm allein gelassen ein bisschen Neugier auf Nippon vorschützt, vor lauter Ennui aber doch nicht weiß, wohin mit sich. Und dann ist da noch der abgehalfterte Schauspieler Bob Harris (Bill Murray), der sich mit Werbeaufnahmen in Tokio ein fürstliches Salär verdient, mit seinen auf diese Weise scheinbar verschwendeten künstlerischen Talenten aber hadert und der japanischen Kultur im Allgemeinen indifferent gegenübersteht.

Behutsam, fast fürsorglich arbeitet Coppola auf die Begegnung dieser beiden Menschen im Hotel hin. Eigentlich passiert zwischen ihnen gar nix. Und genau das ist der Plot: Ortsunkundige finden in der Fremde flüchtig zueinander und verlieren sich wieder. Mit heiterer Gelassenheit entwickelt die Regisseurin ihre Geschichte, lässt den Protagonisten genügend Handlungsspielraum und legt über alles einen schönen Schleier der Manieriertheit. Intimität, so suggeriert uns der Film, ist eine halbe Stunde im Ebenholz-vertäfelten Kraftraum. Das spricht für die Imagination der Coppola, auch wenn sie dabei den Japanern die Statistenrolle zudenkt. Sie butlern und klappern mit Geschirr. In den diversen Foren im Internet wurde kontrovers diskutiert: Ist dieser Blick rassistisch? Oder spielt der Film nur mit dem Umstand? Jedenfalls lässt sich ›Lost In Translation‹ nicht als zärtlich ignorante Touristen-Romanze Marke »Der alte Sack und das junge Ding« abkanzeln. Das liegt zum einen an den unterkühlten silbergrauen Silhouetten, die Kameramann Lance Acord vom schlaflosen Moloch Tokio fotografiert hat. Auch in den Königssuiten multinationaler Hotelketten entfalten sich lokale Dialekte – trotz automatischer Faxabfrage. Die Stadtansicht aus Skyline, Neonreklamen und Menschengewühl wirkt einfach immer wieder anders, ein Großstadtgefühl stellt sich ein. Außerdem passt Bill Murray genau da hinein. Er spielt seinen Jetlag, als habe der mittelalte Walter Matthau diesen für ihn im Handgepäck aus Hollywood nach Japan importiert. Man könnte Murray auch in eine mittelalterliche pfälzische Ritterburg verfrachten, und der Mann bliebe sich und seiner Komik irgendwie treu.

›Lost In Translation‹ ist auch ein Film über Sehgewohnheiten: Wie sieht man auf ein Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, dessen kulturelle Codes einem verschlossen bleiben? Und was passiert mit der Einsamkeit, wenn man all diesen Fragen ausweichen will? Genau daraus bezieht die Geschichte der flüchtigen Annäherung von Bob und Charlotte ihre Kraft. Also zeigt Coppola sie nicht nur als gejetlagte Menschen in zerwühlten Hotelbetten, sondern auch in Gesellschaft von Kids bei halsbrecherischen Daddel-Manövern, bei Karaoke-Wettbewerben im 37. Stock und inmitten des infernalischen Lärms von Pachinko-Hallen. Am Ende geht es zwar immer zurück aufs Zimmer, über den Lärm schluckenden Teppich, der alles Ungewünschte herausfiltert. Aber Coppolas Business-Blick auf Fernost ist nicht verwerflich, vor allem nicht, weil der komödiantische Anteil von ›Lost In Translation‹ genau in den Missverständnissen und Unverständlichkeiten dieser never ending westlichen Erhabenheiten begründet liegt.

Scarlett Johansson, in ›Ghost World‹ eine Entdeckung, spielt ihre erste große Rolle mit körperlicher Intelligenz. Sie bietet ihrem männlichen Gegenpart souverän Paroli. Von Bill Murray weiß man nie, ob sein professionell zur Schau gestellter Zynismus nicht auch ein klein wenig selbstironisch ist. Hinter der Oberfläche tun sich genügend Falten auf, man merkt, wie er das Roxy-Music-Stück ›More Than This‹ als Karaoke für sich interpretiert. Oder nach einem nächtlichen Feueralarm, bei dem er, im Pyjama, von allen guten Geistern verlassen, herumsteht, als müsse er wirklich die nächste Maschine nach L.A. nehmen und das Problem mit der Farbe des Teppichbodens in seinem Büro klären.

Und Kevin Shields, einer jener Leidtragenden der Neunziger, von Britpop und Postrock ausgekontert, bekommt mit diesem arschrunden Soundtrack doch noch mal eine sinnvolle Aufgabe.

***Link 1***
Francis Ford Coppola
Sofias Vater ist bekanntermaßen Francis Ford Coppola. Der Regisseur gilt als Mitbegründer des New Hollywood Cinema. So genannt, weil ein loser Verbund aus Filmemachern (u. a. Martin Scorsese, Steven Spielberg) ab Ende der Sechzigerjahre antrat, um dem verkrusteten Studiosystem neue Perspektiven und Handlungsspielräume entgegenzusetzen. Zahlreiche preisgekrönte Film folgten, darunter Coppolas mehrteiliger Epos ›Der Pate‹, in dem 1974 übrigens auch Sofia zu sehen war – für ihre Darstellung gab es damals allerdings fast nur Kritik.

***Link 2***
Spike Jonze
Seit 1999 ist Sofia mit Spike Jonze verheiratet – inzwischen leben die beiden allerdings getrennt. Der Regisseur (›Being John Malkovich‹, ›Adaptation‹) begann seine Karriere als Werbefilmer und drehte zahlreiche Videoclips (siehe Intro #112). Einige Indizien weisen darauf hin, dass Jonze als Vorlage für die Rolle von Charlottes Ehemann John, des hippen, egoistischen Fotografen, diente.

(USA 2003; R: Sofia Coppola; D: Scarlett Johansson, Bill Murray; 08.01.04)